Webwecker Bielefeld: Geglückte Zielgruppenorientierung (27.05.2007)

Geglückte Zielgruppenorientierung (27.05.2007)



Was wäre nicht alles in der Werbung möglich. Neue Ansätze von Stefanie Schröder


»Hallo. Ich komme!« ruft eine fröhliche Kleinkinderstimme im Radio. Niedlich, denke ich. Dann folgt so typisches 0190er-Gesäusel: »Reif für ein Pflegekind? Rufen Sie uns an. Jugendamt Bielefeld. Rufen Sie uns an.«

Kein Witz. Der Spot lief tatsächlich im Lokalradio. Und während ich so durch die Straßen meiner Stadt kreuze, stelle ich mir vor, wie Hans und Monika Mustermann morgens in trauter Zweisamkeit am Frühstückstisch sitzen und den Spot hören. Und Monika Mustermann blickt ihren Mustergatten Hans liebevoll an, schmiegt sich ein bisschen lasziv an ihn und sagt dann: »Hans, was meinst du?«

Und Hans, der kein Mann der vielen Worte ist, nickt einfach nur und schon mittags können die beiden ihre neue Jaqueline-Joelle glücklich in die Arme schließen. Schnell noch ein Erinnerungsfoto, das hängt dann fortan im Flur des Jugendamtes. »Seht her«,sagt es. »So sehen glückliche Pflegeltern aus.« Und morgen Du!

Die Idee ist toll. Man stelle sich nur mal vor,wie viele potenzielle Pflegeeltern morgens müde durch Bielefeld fahren und schwupps,während sie noch nach einem Parkplatz spähen,wird ihnen ihre Lebensaufgabe für die –sagen wir – nächsten 15 bis 20 Jahre geradezu vor die Füße gelegt. Andere Menschen brauchen dafür 100 Jahre tibetische Schweigeseminare, müssen Berge erklimmen oder Meere durchschwimmen. Nicht so unser deutsches Durchschnittspärchen am Teutoburger Wald.

Wie war das noch: Man muss die Zielgruppeda abholen, wo sie steht. Genau. Ich finde die Idee des Jugendamtes Bielefeld deshalb ja auch ausbaufähig.

Man könnte das beispielsweise auch in die andere Richtung drehen und einen Werbespot für all die überforderten Erziehungsberechtigten (aber nicht -fähigen) machen,denen die Supernanny trotz »Stiller Treppe« nicht weiterhelfen konnte. Erst eine kreischende Kinderstimme: »Ich will ABER!!!«

Und dann die 0190-er Frau, die sanft ins Mikro säuselt: »Keine Nerven mehr? RufenSie uns an. Jugendamt Bielefeld. Wir besorgen Ihnen einen erstklassigen Heimplatz. Rufen Sie uns an!« Ich wette, der Service würde ganz groß einschlagen und selbst ich könnte darüber nachdenken, ob ich den Pubertisten und seinen Sympathisanten aus meinem Haushalt in einen anderen wechseln lassen wollte …

Vielleicht geht man demnächst noch einen Schritt weiter und Einrichtungen, Ämter und Beratungsstellen platzieren ihre Werbung dort, wo diese einen direkten Bezug zur Lebenswirklichkeit der Zielgruppe hat.

Zum Beispiel vor Fernsehfilmen. Also statt: »Dieser Tatort wurde Ihnen präsentiert von Krombacher« könnte es lauten: »,Kevin allein zu Haus‘ wurde Ihnen präsentiert von der Erziehungsberatungsstelle Bielefeld«.

Viel Spaß mit »Philadelphia« wünscht die Aids-Hilfe, gute Unterhaltung mit »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« die Drogenberatung. »Leaving Las Vegas« präsentieren die Anonymen Alkoholiker.

Einen schönen Fernsehabend mit »Das Schweigen der Lämmer« wünscht Ihnen Ihr Westfälisches Zentrum für forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn.

Viel Spaß mit »Angeklagt« wünscht das Frauenhaus, die »Rückkehr der Zombies« präsentiert das Städtische Altenheim und »Basic Instinct« die Gleichstellungsstelle. Großartig. Ich würde direkt mehr fernsehen.

Als ich übrigens vorhin mit dem Auto zum Einkaufen fuhr, hatte ich wieder mein Lokalradio eingeschaltet. Plötzlich klang wirres Gebrabbel aus dem Lautsprecher und ich dachte schon an eine Bundestagsdebatte, aber dann klärte mich eine freundliche Stimme auf: »Sind Sie reif für die Klappse? Rufen Sie uns an. Westfälisches Landeskrankenhaus Gütersloh.«


Stefanie Schröder – geboren 1966, mitten im Ruhrgebiet aufgewachsen.Mittlerweile ist das Flözkind Bielefelderin – und zwar gerne und freiwillig.D ie 41Jährige verdient ihr Geld mitS chreiben als Journalistin, Texterin, Autorin und als Inhaberin der Agenturtextfactory (www.textfactory.de). Und dann ist sie auch noch Autorin derLesebühne ›Sitzen 73‹.