Webwecker Bielefeld: »Verlust an Qualität« (27.05.2007)

»Verlust an Qualität« (27.05.2007)



Die Stadt kürzt die Zahl der Horte. Die Kinder sollen künftig in die Offene Ganztagsgrundschule. Doch das Angebot dort ist schlechter. Ein Bericht von Manfred Horn


Zur Zeit werden in Bielefeld Kinder von 6 bis 14 Jahren vor und nach der Schule in 21 Hortgruppen betreut, rund 400 Kinder nutzen das Angebot. Ab dem Schuljahr 2008/2009 werden es nur noch neun Hort gruppen sein. Die Landesregierung und die Stadt Bielefeld setzen für die Zukunft vor allem auf die Offene Ganztagsgrundschule (OGS). Ein Drittel der Mittel für die Horte kam bisher vom Land NRW. Dieses Geld fällt ab Mitte 2008 weg. Zwei Drittel zahlte bisher die Stadt Bielefeld, 345.000 Euro in diesem Jahr. Während Städte wie Köln und Bochum beschlossen haben, den kommunalen Betrag weiterhin komplett für Horte zu verwenden, geht die politische Mehrheit in Bielefeld einen anderen Weg. Neun Horte werden künftig aus eigenen Mitteln finanziert. 120 Plätze bleiben in den Einrichtungen AlterDreisch, Hagenbrock, Kammerich, LangeWiese, Senner Hellweg, und Tilsiter Straße.Reingerechnet sind da auch die drei künftigen »Intensiv-Horte« in sozialen Brennpunkten: Gumbinner Straße, Jakobus und Seidenstickerstraße.

Die Stadt baut bereits seit Jahren Hortplätze ab, von den rund 800 Plätzen im Jahr 2003 fiel bis heute bereits die Hälfte weg. Unterm Strich spart die Stadt Geld. »Wir wollen kein Geschäft damit machen. Das Geld, das wir sparen, stecken wir in den Ausbau derPlätze für Unter-3-Jährige«, sagt Klaus Rees, grüner Fraktionsgeschäftsführer im Rat.

Kristin Ehlers ist davon wenig begeistert. »Es kann nicht sein, dass die Versorgung der Unter-3-Jährigen durch Streichungen von Hortplätzen verbessert wird.« Die Lehrerin lebt im Bielefelder Westen. Ihre fünfjährige Tochter und ihr achtjähriger Sohn gehen in den Hort Gustav-Adolf-Straße. Thies, derZweijährige, sollte eigentlich im nächsten Jahr folgen. Doch wahrscheinlich wird Thies keinen Platz mehr bekommen, denn der Hort wird abgewickelt.

Über die Jahre entsteht Vertrauen

Für Kristin Ehlers ist die kontinuierliche Betreuung in den Horten wichtig. Die Kinder kommen mit drei Jahren in die Einrichtung und gehen mit vierzehn. Da entstehe Vertrauen zu den Erzieherinnen.Auch der Betreuungsschlüssel sei »viel besser als in der Offenen Ganztags-Grundschule«.Drei Erzieherinnen kümmern sich in derGustav-Freytag-Straße um 30 Kinder. Mitarbeiterinnen im Nachmittagsbereich der OGS klagen hingegen darüber, dass sie auch schon mal zu zweit mit 100 Kindern arbeiten müssen. Zudem sind die Mitarbeiterinnen in der OGS häufig schlechter ausgebildet.»Da reicht als Qualifizierung manchmal schon, ein Kind erzogen zu haben«, sagt Holger Rottmann, Gewerkschaftssekretär bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Bielefeld.

»Wir kennen die Probleme in der OGS«, sagt Klaus Rees. Die Stadt will zusätzliches Geld in die OGS leiten. 2007 sind im Stadthaushalt zusätzlich 150.000 Euro für die »Erweiterung der quantitativen und qualitativenAngebote« vorgesehen. Ab dem kommenden Schuljahr soll es in allen Bielefelder Grundschulen Nachmittagsangebote geben, insgesamt 149 Gruppen. Dann werden über ein Viertel aller Grundschüler die Angebote nutzen. Die Horte hingegen deckten nur vier Prozent aller Grundschüler ab. Da sei klar, dass die OGS nicht sofort so gut sein könne wie die Horte, sagt Rees.

Frank Hilker, Referent im Sozialdezernat der Stadt, bemängelt, dass es keine Standards für die OGS gebe. »Jede Schule trifft zwar eineVereinbarung mit dem Schulamt, es fehlt aber der Rahmen, der zum Beispiel Pflichtbausteine des Nachmittagsangebotes festlegt«.Hier sieht Hilker Handlungsbedarf.

Das Konzept der OGS stammt noch von der alten rot-grünen Landesregierung, die aktuelle schwarz-gelbe hat es übernommen. Rainer Lux, kommunalpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und Mitglied im Bielefelder Stadtrat, schiebt die Schuld an den Hort-Schließungen auf die Vorgängerregierung: deren Entscheidung könne man nun nicht mehr revidieren. Die Kommune wiederum schiebt die Schuld auf das Land. Gewonnen ist damit nichts. Als Elternrats-Mitglied kennt Kristin Ehlers die Stimmung: Viele Hort-Eltern haben den Eindruck, dass die Politik große Reden für die Verbesserung der Versorgung von Kindern halte, dafür aber kein zusätzliches Geld ausgeben will.

Für die Horte hat die Ratsmehrheit das Wort »bedarfsgerecht« definiert. Damit ist ein Versprechen verbunden: Sollte sich in den nächsten Jahren herausstellen, dass der Bedarf an Plätzen größer ist als die geplanten neunGruppen, werden weitere Gruppen aufgemacht. Ob sich die Ratsmehrheit daran hält,darf angesichts der nach wie vor angespannten Haushaltslage bezweifelt werden.