Rudolf-August Oetker starb Anfang 2007. Die Medien lobten sein Lebenswerk. Dabei weist dies viele dunkle Kapitel auf. Ein Bericht von Peter Busch
Weitsichtig, freundlich, fleißig, diszipliniert, großzügig, mitfühlend«, damit nicht genug, auch »fantastisch, neugierig, bescheiden, menschlich, und sorgsam«. Nicht von einem Heiligen ist hier die Rede. Vielmehr von Rudolf-August Oetker, irdischer Puddingpapst aus Bielefeld. Die ›Neue Westfälische‹ belegte das Familienoberhaupt der Oetkers mit diesen leuchtenden Eigenschaften, nachdem ihn Anfang 2007 das Zeitliche segnete.
Die Leser der ›NW‹ erfuhren auch, dass Oetkers Kindheit sehr glücklich gewesen sei:»Als Kind spielte ich gerne Kaufmannsladen.Wenn ich Käse absäbelte, fragte ich: Darf ’sein wenig mehr sein? Und dann nahm ich auch ein wenig mehr Geld«. Später habe er mit gleicher Begeisterung Bilanzen gelesen wie andere Menschen Romane, zitiert die NW seinen Sohn.
So werden aus Kindern Kapitalisten. Schon im Sandkasten wird der Profit maximiert, auf dass die Schaufel kracht. Das Leben von Rudolf-August Oetker lässt sich sehr wohl auch als das eines national-konservativen Unternehmers lesen, der in Bielefelds Politik bis zum Schluss Fäden zog. Indes, darüber wurde in den lokalen Medien anlässlich seines Ablebens geschwiegen.
Der 1917 geborene Rudolf-August Oetker wurde nach dem kleinen Kick im Käseladen Mitglied der Waffen-SS und Untersturmführer. Nach dem Krieg übernahm er im Oetker-Konzern das Kommando. Er baute die Geschäfte aus. Ab den 1950ern vermehrte sich dann nicht mehr nur das Back- und Puddingpulver. Auch ganz andere Branchen wie Bierbrauereien, Reedereien, Banken und Versicherungen verleibte sich Oetker nach und nach ein.
In den späten 1960er Jahren erhielt Bielefeld eine Kunsthalle. Bereits 1959 wurde der Bau zwischen der Stadt und Oetker vereinbart. In einer Pressemitteilung der Stadt hieß es damals: »Herr Oetker schenkt aus Mitteln der›Dr. August-Oetker-Stiftung‹ der Stadt ein neues Museum«. Noch 2007 schreibt die ›Bürgergemeinschaft für Bielefeld‹ (BfB) in ihrem Mitteilungsblatt ›BfB Heute‹ in einem Nachruf: »Er schenkte Bielefeld eine Kunsthalle«. Tatsächlich aber zahlte die Oetker-Stiftung nur gut ein Drittel der 12,5 Millionen Mark Baukosten, der größte Batzen kam vom Steuerzahler.
Rudolf-August Oetker, dem von Antifaschisten auch Kontakte mit NPD-Funktionären in den 1960er Jahren nachgesagt werden, setzte zudem gegenüber der Stadt durch, dass er alleine den Bau gestalten kann. Er beauftragte Philipp Johnson, einen Stararchitekten aus den USA. Der verehrte in den 1930er Jahren Hitler und hatte vergeblich versucht, in den Vereinigten Staaten eine nationalsozialistische Partei aufzubauen. Johnsons Festungsbau wurde dann auf Wunsch Oetkers ›Richard-Kaselowsky-Haus – Kunsthalle der Stadt Bielefeld‹ benannt. Das sorgte schon vor der Eröffnung 1968 für Proteste. Heinz Kühn, damaligerNRW-Ministerpräsident, sagte seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier ab. Die wurde daraufhin von der Stadt abgeblasen. Doch der Name Richard-Kaselowsky-Haus blieb.
Im Freundeskreis der SS
Richard Kaselowsky war der Stiefvater Rudolf-August Oetkers. Während der NS-Zeit führte Kaselowsky den Betrieb. Unter seiner Leitung erhielt die Firma Oetker als eine der ersten im Deutschen Reich 1937 den Titel »Nationalsozialistischer Musterbetrieb«. Kaselowsky selbst war seit 1939 Mitglied im »Freundeskreis der SS Heinrich Himmler«. Zu dem Kreis gehörten Größen des Nazi-Establishments. Für 1943 und 1944 sind Kaselowskys Spenden an den Freundeskreis in Höhe von jeweils 40.000 Reichsmark belegt. Weiter gab Kaselowsky die ›Westfälischen Neuesten Nachrichten‹ heraus, ein Blatt, das systematisch gegen Menschen jüdischen Glaubens hetzte. 1944 kam er bei einem Bombenangriff in seinem Privatbunker ums Leben.
Es dauerte bis zum Ende der 1990er Jahre,ehe eine erneute Debatte über den Namen hochkochte. Eine Bürgerinitiative namens ›Leidenschaft für die Kunst‹ machte Druck, Prominente wie der Historiker Ulrich Wehler schalteten sich ein. Endlich reagierte die rot-grüne Stadtregierung: Am 29. Oktober 1998 war der Name Richard-Kaselowsky-Haus per Ratsbeschluss Geschichte.
Die Familie Oetker zog empört ihre Leihgaben aus der Kunsthalle zurück. Bis heute hält etwa die BfB an der Opfer-Version fest. Auch 2007, nach Rudolf-August Oetkers Tod, ließ sie verlauten: »Gewidmet ist die Kunsthalle den Opfern des 2.Weltkrieges, unter ihnen Richard Kaselowsky«. Diese Logik kennt nur Opfer und keine Täter. Ein weiteres Opfer wäre dann auch Adolf Hitler.
Eine Straße für den Stiefvater
Nachdem die Kunsthalle symbolisch verloren war, versuchte Rudolf-August Oetker seinem Stiefvater auf andere Weise ein Denkmal zu setzen. 2001 segnete eine Mehrheit im Stadtrat ab, einen Teil derHoch straße in »Kaselowskystraße« umzubenennen. In seiner Verwaltungsvorlage hatte Oberbürgermeister Eberhard David geschrieben, dass die Hochstraße sich zur Umbenennung eigne, weil dort Richard Kaselowsky ums Leben kam. Der Straßenname existiert nun seit 2001 – und führt direkt vor der Tür des Caroline Oetker Stifts entlang.
Offenbar ging es den großen Parteien – auch die SPD stimmte für den Namen – darum, Oetker wieder gnädig zu stimmen: Zu wichtig wird die Portokasse des Konzerns für städtische Prestigevorhaben,wie zuletzt der Umbau des Stadttheaters, eingeschätzt.Und auch die lokalen Medien reduzieren sich weitestgehend auf Hofberichterstattung. Schließlich ist der Oetker-Konzern ein potenter Anzeigenkunde.