Bielefelds Westen gibt sich bei sommerlichen Temperaturen sportlich. Eine Rund reise zuHacky-Sacks, Cross-Golfern, Schachfeldern und Boulespielern. Von Andreas Beune
Es ist ein heißer Tag im April. Bielefeld probt den Sommer. Oben, an der Oberfläche, auf dem Siegfriedplatz, schwitzen Eltern auf Sitzbänken und Kinder beim Ballspielen.Hier unten, im Bauch der Stadt, ist es angenehm kühl. Ein paar Fahrgäste räkeln sich träge auf den Sitzbänken. »Los, die 4 in Richtung Rathaus kommt erst in sieben Minuten«, sagt ein Junge zu einem anderen. Der Angesprochene kramt kurz in seiner Tasche. Zum Vorschein kommt ein Hacky-Sack, ein mit Sand oder Granulat gefüllter, gehäkelter Miniaturball. Die Jungs beherrschen das Sportgerät. Beim Passspiel offenbaren sie Fähigkeiten, von denen so manch Bundesligaprofi, der ein paar hundert Meter weiter Almrasen umpflügen durfte, vor Neid erblassen dürfte. Als sich der Bahnsteig füllt,verstauen sie das Objekt kurzerhand.
Die Erde ist ein Ball
Hacky-Sack ist eine amerikanische Erfindung, soll aber auf ein Spiel buddhistischer Mönche zurückgehen. Der Vorteil liegt in der Hand. Der Ball ist leicht zu transportieren und vielerorts einsetzbar. Folgerichtig bevölkern Hacky-Sacker vor allem die Parkanlagen im sommerlichen Bielefelder Westen – ebenso wie Footbag-Spieler. Trotz offensichtlicher Verwandtschaft pochen die »Footbager« auf Selbstständigkeit. Die Stoffbälle sind mit Sand oder Plastikkügelchen gefüllt und eignen sich für eine Vielzahl an Tricks,die »Toe Delay« oder »Around The World«h eißen.
Natürlich ist auch der klassische Fußball im Westen zuhause, zum Beispiel beim Kick mit Taschenpfosten im Bürgerpark oder auf den öffentlichen Plätzen mit handelsüblichenToren. Etwas kleiner ist der Ball, mit dem Torben hantiert. Der Soziologie-Student hat in Bielefeld seine Zuneigung zum Cross-Golf entdeckt. In seinem Zimmer hängen keine Poster von Tiger Woods oder Bernard Langer, bei Golfübertragungen im Fernsehen zappt er schnell weg. Auch hat er »echte« Golfplätze bislang nur im Rahmen eines Studenten-Jobs betreten, um dort den Rasen penibel zu pflegen, und nicht etwa, um den Golfschläger zu schwingen. »An Cross-Golf fasziniert mich das Einfache, Ungezwungene. Golf steht ja normalerweise für strenge Etikette, komplizierte Regeln und elitäres Vereinsleben. DochCross-Golf kann man fast überall spielen. Man braucht nur Schläger, Bälle und irgendein Ziel, einen großen Stein, Bäume, Papierkörbe.« Und natürlich auch das passende Gelände, denn Cross-Golf kann für Passanten im wahrsten Wortsinn auch ins Auge gehen. »Klar sollten keine oder nur wenige Leute in Schlagweite sein«, bestätigt Torben, der gemeinsam mit Freunden im Bielefelder Westen unter anderem auf der Ochsenheide gespielt hat.
Der mit dem Golfball bekanntlich verschwägerte Tischtennisball kommt unter anderem an der öffentlichen Tischtennisplatte an der Gertrud-Bäumer-Schule zum Einsatz. Hallenspieler sollten den mitunter spielentscheidenden Einfluss von Wind und Steinnetz bedenken.Zu den klassischen Parksportvergnügen zählen Federball mit Schläger (je nach Spiel- und Ballvariante auch mit Hand und Fuß), Frisbee, frühmorgendliches Tai-Chi oder nächtliches Jonglieren mit Leuchtdiabolos. Jogger und Nordic Walker entfalten sich auf den Wegen zwischen den Bielefelder Erhöhungen Johannisberg und Zentrum für interdisziplinäre Forschung.
Apropos Wissenschaft. Der Parkplatz der Universität ist am Wochenende ein beliebtes Ziel für Inline-Skater. Eigentlich gibt es im Westen nichts, was es nicht gibt. Auf der Wiese am Max-Plank-Gymnasium treffen sich an Wochenenden bisweilen die Bielefelder »Jugger«. Eine Sportart, die Rugby, Ringen und Elemente aus Fernsehsendung »American Gladi ators« verbindet. Auffällig ist die Ausrüstung mit Schaumstoffwaffen, so genannten Pompfen.
Im Bürgerpark freut sich ein kleines Freiluft-Schachfeld über Rochaden. Da Schach in Bielefeld im Gegensatz zur autonomen Kaukasusrepublik Kalmükien kein verbindliches Schulfach ist, bleibt der Ansturm auf die Stühle aber oftmals aus. Vielleicht liegt es ja aber auch am Boule, das gleich nebenan gespielt wird. Wer glaubt, dass beim Boulen, dessen Popularität in Deutschland bekanntlich auf einen Italien-Urlaub Konrad Adenauers zurückgeht, die älteren Semester dominieren, die Rotwein schlürfend mit Philosophen-Gesichtsausdruck Kugeln stoßen, darf sich hier eines Besseren belehren lassen.
Erste Liga auf dem Siegfriedplatz
Überhaupt kann es sich lohnen, Freizeitsportlern zuzusehen. So ließen sich an einem sonnigen Samstagabend im vergangenen Sommer ein paar Jungen beim Fußballspielen auf dem Siegfriedplatz beobachten, zu denen sich ein Mann im Anzug gesellte. Lauffreudige Grundschüler trafen auf die geballte Erfahrung aus acht Erstligaspielen. Mit wem sie es zu tun hatten, wussten die Kinder offensichtlich nicht. Stefan Studtrucker wird es egal gewesen sein. Über seine Tore auf dem Siegfriedplatz konnte er sich ebenso freuen wie damals über sein einziges Tor in der Ersten Liga.