Webwecker Bielefeld: Uni, die zwote (27.05.2007)

Uni, die zwote (27.05.2007)




Nordwestlich der Universität soll ein neuer Campus für Fachhochschule und Uni-Institute entstehen. Eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen die Pläne, berichtet Mario A. Sarcletti


Die Vögel zwitschern an der Langen Lage, junges Getreide wogt im Wind. Das Feld wird eingerahmt von zwei Wäldchen, hinter denen sich mit Babenhauser und Gellershagener Bach schützenswerte Biotope verbergen. Dort, wo heute Spaziergänger flanieren und Kleingärtner buddeln, könnte in einigen Jahren eine der größten Baustellen Nordrhein-Westfalens entstehen. Seit bekannt werden der Pläne will die Bürgerinitiative Lange Lage (BILL) die Bebauung von etwa 14 Hektar – das ist mehr als das Universitäts-Hauptgebäude beansprucht – verhindern. Der Sprecher von BILL, Helmut Hruby, betont aber, dass seine Initiative sich nicht gegen die Wissenschaft richtet. »Wir wollen den Hochschulstandort Bielefeld fördern und stärken, denn selbstverständlich ist eine starke Hochschule ein Renommee für Bielefeld«, sagt er.

Neben der Sorge um das Naherholungsgebiet – auch der zuständige Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes spricht von »schützenswerten Landschaftsbestandteilen« – treibt BILL die Angst vor den Verkehrsströmen um. Ein Gutachten prognostiziert bis 2020 eine Zunahme des Verkehrs am Zehlendorfer Damm um 200 Prozent, die Anwohner von Dürer- und Großdornberger Straße müssen mit 50 Prozent mehr Autos rechnen.

Seit 1984 ist die Lange Lage als Erweiterungsgelände für die Universität ausgewiesen und soll jetzt auch dafür genutzt werden. Zumindest teilweise. Denn ein Grund für die Planungen ist der universitäre Traum von einem Max-Planck-Institut. Viel konkreter sind aber andere Anliegen von Universität und Fachhochschule, die »in sehr geschickter Weise verknüpft werden«, wie Uni-Sprecher Ingo Lohuis erklärt.

Ausweichen vor dem Asbest

Eines dieser Anliegen ist kein Wunsch, sondern eine gesetzliche Vorgabe: Das Univer sitätshauptgebäude muss saniert werden, unter anderem um heutigen Brandschutzbestimmungen zu genügen. »Eine Sanierung kann nur zahnweise und abschnittweise erfolgen, weil hier Asbest verbaut wurde«, erläutert Lohuis. Dafür braucht die Universität Ausweichgebäude.

Diese könnte nach Abschluss der zehn bis fünfzehn Jahre dauernden Sanierung die Fachhochschule nutzen. Die wünscht sich seit langem einen Campus, im Moment ist sie noch auf sechs Standorte verteilt. »Wenn sie am Bahnhof einem Taxifahrer sagen: »Fahren sie mich zur FH‹, dann weiß er nicht, zu welcher FH«, beschreibt Friedrich Biegler-König, Prorektor der Fachhochschule für Planung und Finanzen, ein Problem. Die FH sei so in Bielefeld nicht sichtbar. Außerdem würde die Konzentration der FH an einem Standort Vorteile für die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch mit der Universität und die Infrastruktur bringen, argumentiert er. »Bei uns sind zum Beispiel typische Bibliotheksöffnungszeiten 8 bis 16 Uhr«, beschreibt der Prorektor den unbefriedigenden Ist-Zustand.

Die von BILL ins Spiel gebrachten Alternativstandorte lehnen die Verantwortlichen ab. Laut Ingo Lohuis stößt die weitere Bebauung des Unigeländes an baurechtliche Grenzen. »Wir haben rechts und links Grünachsen, die dürfen nicht bebaut werden«, erläutert er. Für Friedrich Biegler-König ist das Droop & Rein-Gelände hinter dem Hauptbahnhof unter anderem zu klein. Und auch eine Konzentration am Stadtholz, wie vor einigen Jahren geplant, sei nicht möglich. »Wir haben jetzt zwar zwei Fachbereiche im Stadtholz, aber daneben beginnt mit Stacheldraht und Kameras die Aus änder behörde«, sagt der Prorektor. Die Hoffnungen auf einen Auszug der Zentralen Ausländerbehörde hätten sich nicht erfüllt. Außerdem seien die Gebäude schlecht erreichbar und stark sanierungsbedürftig.

Die Fachhochschule soll aber nur knapp die Hälfte der Räumlichkeiten auf dem neuen Campus nutzen, der Rest soll Ausgründungen und Forschungsinstitute der Universität beherbergen. Helmut Hruby befürchtet, dass durch diese Hintertür ein Gewerbegebiet entstehen könnte. »Was passiert, wenn hier Baurecht geschaffen wurde und nicht genügend Ausgründungen da sind«, fragt er. »Dann wird man diese Gewerbeflächen nicht liegen lassen, sondern man wird hier anderes Gewerbe ansiedeln«, vermutet er.

Traum vom Max-Planck-Institut

Daran, dass tatsächlich ein Max-Planck-Institut an die Lange Lage kommt, glaubt er, unterstützt von einem Brief der Max- Planck-Gesellschaft, nicht. Die Gesellschaft diskutiere zur Zeit keine Themen, welche am Standort Bielefeld das notwendige wissenschaftliche Umfeld fänden, heißt es darin. Für Ingo Lohuis bedeutet der Brief aber nicht das Aus für die Träume vom MPI: » Wer die Max-Planck-Gesellschaft kennt, der weiß, die lassen sich nicht in die Karten schauen«. Bedeutender als der Brief ist für ihn die politische Unterstützung für das Vorhaben: »Der Ministerpräsident hat hier in Bielefeld geäußert, eine solche Initiative zu unterstützen«, erinnert Lohuis.

Auch die Bielefelder Politik unterstützt das Bauvorhaben, im August vergangenen Jahres fällte der Rat mit großer Mehrheit einen Begrüßungsbeschluss. Jetzt schreiten die Planungen zügig voran, im Mai und im Juni finden öffentliche Foren mit den fünf Teams aus Architekten, Stadtplanern und Landschafts architekten statt, die am Wettbewerb teilnehmen. BILL will sich an den Foren beteiligen, auch wenn Helmut Hruby sie für »Augenwischerei« hält. »Denn hier geht es nur darum, die Lange Lage und nicht Alternativen zu betrachten. Hier werden Bürger an etwas beteiligt, das eigentlich schon feststeht «, kritisiert er.