Webwecker Bielefeld: Widerstand ist zwecklos (27.05.2007)

Widerstand ist zwecklos (27.05.2007)




Dietlind Budde kann Menschen begeistern. Mit dieser Fähigkeit hat sie das ›AlarmTheater‹ aufgebaut – und auch noch ein großartiges Haus im Westen gerettet. Von Christine Russow


Die Nerven lagen blank im Bielefelder Westen. Das Viertel sollte ein Kleinod verlieren, das alte CVJM-Heim (Verein Christlicher Junger Menschen). So sah es jedenfalls aus, Mitte der neunziger Jahre. Die evangelische Johannis-Gemeinde hatte sich entschieden. Sie brauchte Geld und ihr altes Gemeindehaus am Ende der Gustav-Adolf- Straße kostete. Daran änderten weder das Bürgerengagement, noch diverse Gutachten etwas. Verkaufsverträge lagen in der Schublade; nur die Unterschriften fehlten noch. Der Investor hatte als Kind noch auf der Gemeindewiese nebenan gebolzt; jetzt wollte er dort eine Anlage mit 35 Seniorenwohnungen bauen.

Dazu ist es nicht gekommen. Das Haus steht noch. Und das ist vor allem Dietlind Budde zu verdanken. Jedenfalls sagt das Pastor Jürgen Michel, der es nun wirklich wissen muss. Als Verhandlungsführer hatte er damals dieser Frau und ihren Mitstreitern »mangelnden Rea litätssinn« vorgeworfen, sich wohl manches böse Wort verkniffen und so sehr geärgert, dass er die Gespräche abgebrochen hatte. Heute nennt er die 53-Jährige eine »liebenswerte Powerfrau«.

Die »Powerfrau« ist unübersehbar. Das liegt nicht etwa an ihrer Größe von knapp 1 Meter 70. Dietlind Budde strotzt vor Präsenz. Wer sie etwa über den Markt auf dem Siegfriedplatz gehen sieht mit ihrer geraden Haltung, den straffen Schulter, durchtrainiert bis unter den Scheitel und immer einen Schritt zu schnell, der weiß: Diese Frau hat ein Ziel. Und es ist besser, ihr nicht im Weg zu stehen.

Vom Kotten in die weite Welt

Damals war Dietlind Buddes Ziel, das Haus zu erhalten. Pastor Michel stand ihr im Weg. Niedergewalzt hat sie ihn nicht. Vielmehr ist er ihrer Energie und Dynamik erlegen. Heute schwärmt er: »Ich bewundere, was sie in diesem Haus geschaffen hat und dass wir uns gemeinsam daran freuen können «. Das Haus ist vor allem das freie ›AlarmTheater‹, das Dietlind Budde mit ihrem Lebensgefährten Harald Schmid aufgebaut hat. Und mehr noch. Hier pulsiert wieder Leben. Dafür sorgen etwa das Sozialpädagogische Bildungswerk (SOBI), eine Kita, das Fortbildungsinstitut für Psychomotorik und viele Teilnehmer von Kursen. Sie lernen hier Foxtrott, meditieren, trommeln – und proben Theater.

Theater ist Dietlind Buddes Passion. Dabei brauchte sie etwas länger, um sie zu entdecken. Aufgewachsen ist die freischaffende Künstlerin auf einem Kotten am Waldrand zwischen Bielefeld und Gütersloh. Eine kaufmännische Ausbildung hat sie abgeschlossen und Leistungssportlerin war sie. Ein viel versprechendes Talent. Bei den Deutschen Meisterschaften in Saarbrücken war die Athletin 19 Jahre alt. Es war ihr letzter Wettkampf. »Gleich danach bin ich abgehauen über die Grenze. Ich wollte nicht mehr rennen«. Später studierte sie Pädagogik in Bielefeld und beschäftigte sich mit Tanz, Malerei und Musik – »und hatte immer das Gefühl: Da ist noch etwas!«.

Irgendwas fehlte also – bis sie das italienische Straßentheater ›Teatro Nucleo‹ in Bielefeld sah. Sie stand auf der Straße, schaute zu und wusste: »Das ist meine Blutsverwandtschaft. Mit denen will ich leben. Es war Liebe auf den ersten Blick«. Ein Jahr verging noch, bis das Theater in Italien eine Schule aufgebaut hatte und Dietlind Budde als Schülerin mit ihren zwei kleinen Kindern in den Süden zog. Zehn Jahre lebte sie mit dem Teatro Nucelo – »Es war ein Eintauchen in Theater, Tanz und Akrobatik. Etwas Kraftvolles, was Zigeunerhaftes«, beschreibt sie. Dabei ringt sie mit bebenden Händen um die richtigen Worte für das Lebensgefühl damals in Italien. Ach, was heißt Italien. Das Straßentheater ging auf Tournee nach Mexiko, nach Kuba oder zog 1989 als Friedenskarawane mit zehn anderen Theater-Gruppen aus aller Herren Länder von Moskau nach Paris. Und die Kinder von Dietlind Budde waren immer dabei. Später kam noch ein drittes dazu.

Schmuck am Ende der Sackgasse

1992 ist sie nach Ostwestfalen zurückgekehrt – mit Harald Schmid. Eigentlich wollten die Zwei gar nicht bleiben, sondern in Bielefeld ein Straßentheater aufbauen und auf Tour gehen. Das war der Plan, bis sie bei einer Fahrradtour durch den Bielefelder Westen das alte CVJM-Heim am Ende der Sackgasse sah. Natürlich wusste Dietlind Budde nicht um die Elemente der frühen Moderne, des Jugend- oder englischen Landhausstils und wohl auch nicht, dass das architektonische Schmückstück einer der ersten Stahlbetonbauten Bielefelds ist.

Es war die Atmosphäre des Hauses. Allein schon der breite Treppenaufgang beeindruckt. Und der große Kuppelsaal im Erdgeschoss mit seinen hohen Fenstern flößt einfach nur Respekt ein. Das alles wollte Dietlind Budde erhalten. Mit anderen Künstlern – Malern, Fotografen, Akrobaten und Theaterschaffenden – mietete sie das Haus für zwei Jahre und gründete schließlich den Verein ›Kunst und Kultur am Johanniskirchplatz‹, um ein soziokulturelles Zentrum aufzubauen.

Das ging erstmal gründlich daneben. Gegen die Pläne des Vereins und für die Gemeinde sprach, dass Park plätze und auch Grünflächen für die Kita fehlten. Zudem seien die Projekte und freien Theatergruppen nicht finanzkräftig genug, um eine Miete von 100.000 Mark im Jahr zu zahlen, urteilte Pastor Michel. Also, keine Chance? Irrtum. Die Kirche hatte die Rechnung ohne Dietlind Budde gemacht. Die Frau mobilisierte Verbündete. Das waren nicht nur Anwohner, die das Gebäude noch als Gemeindezentrum kannten und dort Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten gefeiert hatten. Der Verein ›ProGrün‹ war als Vermittler eingesprungen. Der damalige Baudezernent erwärmte sich für das Projekt. Ausserdem saßen so illustre Unterstützer wie der Förderkreis Stadtqualität, die Theater- und Konzertfreunde, der Bielefelder Kunstverein und der Historische Verein mit am Tisch.

»Dietlind Budde überzeugt mit ihrer optimistischen Art und inneren Dynamik«, erklärt Pastor Michel die große Solidarität für das Haus. »Sie hat eine Idee und findet einen Weg, die Leute dafür zu begeistern.« Zu den Begeisterten gehörte auch der gutachtende Architekt Berthold Penkhues, der das Haus schließlich kaufte und sanierte. Für wie viel, blieb ein Geheimnis. »Kein Wucher, aber auch nicht verschenkt«, druckste Pastor Michel damals.

Glauben an die Macht des Theater

Aus dem ehemaligen Gemeindehaus ist zwar kein soziokulturelles Zentrum geworden, aber ein lebendiger Ort der Begegnung. Zunächst inszenierte ein russischer Regisseur die Stücke des ›AlarmTheaters‹. Als er ging, übernahmen Dietlind Budde und Harald Schmidt die Regie. In zehn Jahren ›AlarmTheater‹ haben sie viele Stücke auf die Bühne gebracht und sind als Straßentheater durch Europa getourt. Das sechsköpfige Team hat ein Kindertheater aufgebaut, die ›Junge Bühne‹ etabliert, jüngst mit dem Stadttheater zusammengearbeitet und immer wieder mit der Drogenberatung und dem Knast in Brackwede kooperiert und so Theater mit Exjunkies und Gefangenen auf die Beine gestellt.

Dietlind Budde beschreibt diese Projekte des ›AlarmTheater‹ als Brücke zwischen Soziokultur und Kunst. Dabei geht es mit den Exjunkies und Gefangenen nicht um Drogen- oder Knastkarrieren. Vielmehr arbeiten sie und Harald Schmid mit den Fähigkeiten der jungen Leute. Sie fordern die Person, den Körper, kitzeln Fähigkeiten heraus, richten den Willen jedes einzelnen auf das gemeinsame Ziel und gehen mit ihnen durch alle Höhen und Tiefen – von Desinteresse, Annäherung, Begeisterung, Erschöpfung, Selbstzweifel, Hoffnung bis zum Triumph bei der Premiere.

Die Theaterfrau ist immer ganz dabei, präsent, optimistisch, dynamisch, fordernd und auch bestimmend. Eben so, wie sie auch Pastor Michel im Kampf um das Haus erlebt hat. Der Eindruck hat wohl einen Lokaljournalisten dazu bewogen, die Frau mit einer Dompteuse zu vergleichen. Sie ist eben überzeugt von ihrer Sache, dem Theater und was es vermag, aus Menschen herauszuholen. Wenn sie das erklärt, wird ihre Stimme schon mal lauter. Die Hände betonen Sätze; kräftige Finger krallen, als gelte es Teig zu kneten. Und ihre Augen glänzen.

Wer sie so erlebt, fragt sich, was sie ohne dieses Theater wäre. Und ohne dieses Haus, das sie ihr Zuhause nennt und in dem sie jeden Tag viele Stunden arbeitet. Für Dietlind Budde war das lange eine grauenhafte Vorstellung. Bis vor zwei Jahren. Damals waren zwei Produktionen weggebrochen. Das ›AlarmTheater‹ stand auf der Kippe. »Aber dann war in dieser Krise eine totale Ruhe in mir. Und ich hatte den tiefen Glauben, dass ich nicht besorgt sein muss, weil ich meine Arbeit weitermachen kann – wenn nicht hier, dann woanders. Nicht unbedingt in Deutschland, aber irgendwo.« Es ging weiter. Natürlich. Dietlind Budde hatte mobil gemacht und wieder Menschen begeistert – für das Theater und das Haus.