
Manchmal hämmert mein Mitbewohner mitten in der Nacht an meine Tür und watschelt anschließend »Mama-Tictac-Heiß-Pfff« sagend an mein Bett. Und während sich mein Bewusstsein so langsam wie Jürgen Hingsen bei den Olympischen Spielen 1988 aus den Startlöchern quält, hat mein Mitbewohner längst das Bett geentert und kämpft mit meiner Nase, weil sie den Weg zu einem Kuscheltier namens Pferd und einer namenlosen Steckdose versperrt. Willkommen in meinem Leben als Vollzeitpapa.
Bevor Familienministerin Ursula von der Leyen ihr Akademiker-Kinderzeugungs- Programm in die Welt gesetzt hat, hatte ich mich auf eine unbezahlte 120-Stunden-Stelle als Wickelvolontär beworben. Das Bewerbungsgespräch war schnell beendet, der Sohn krabbelte gelangweilt fort, die Freundin informierte über die Rahmenbedingungen meiner künftigen Tätigkeit. »Wird schon schief gehen«, war mein erster Gedanke. Ich sollte nicht Unrecht haben. Anstelle des »Mutti-Tasking« (die Kunst, mit Schreikind am Hosenbein zu kochen, online Aktien zu kaufen und dem GEZ-Mann die Tür vor der Nase zu zuschlagen) nutzen Männer wie ich die erste Schreiattacke des Nachwuchses als Vorwand, um wieder mit dem Rauchen anzufangen.
Ein typischer Tag mit dem Sohn beginnt so: 7:45: Mama verlässt das Haus. 7:46: Der Sohn weint. 7:47: Das große Ablenkungsmanöver mit Spieluhr, Bauklötzchen und kläglichem Singsang beginnt. 7:48: Der Sohn weint nicht mehr, weil er seine 40 Euro teure Geburtstagsgeschenk-Puppe gefunden hat und die nun ins Klo steckt. 7:49: Schöner als die Puppe ist nur noch die Klobürste. 7:49: Erste Erziehungsversuche, die in einer endlosen Aneinanderreihung der Worte »Nein! / Ihh Bah!« bestehen, beantwortet der Sohn mit einem breiten Grinsen, das sagt: »Ob im Aldi Norderney ein chinesischer Dissident aus Versehen eine Packung Reis umstößt oder du hier NEIN IHH BAH sagst, ist vollkommen egal, ich werfe dieses Ding jetzt nämlich einfach in die Badewanne.« 7:50: Der Sohn wird zum ersten Mal umgezogen. 7:57: Der Sohn putzt sich mit der gestern entsorgten Zahnbürste die Zähne. 7:59: Der Sohn bekommt mit Wasser verdünnten Taubensaft zu trinken. 8:00: Der Sohn läuft rot an. 8:01: Die gefüllte Windel wird gegen eine saubere getauscht. 8:02: Das Telefon klingelt. Die Mutter des Sohnes fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich sage »Ja«, lege auf und wimmere leise. Der Sohn quakt vergnügt.
Man nehme diese 22 Minuten, multipliziere sie mit 24 und hat ungefähr eine Vorstellung, wie so ein Tag mit einem 1 Jahr alten Kind aussehen kann. Wohl gemerkt: »kann« – nicht »muss«. Denn zum Glück kann man mit einem Kind auch seinen Erfahrungsschatz vergrößern.
Da sind zum Beispiel Krabbelgruppen. Das ist eine praktische Erfindung von gestressten Eltern, die einfach einmal gemeinsam frühstücken und sich austauschen möchten, während ihre kleinen Racker wichtige soziale Kontakte knüpfen. Bevor man aber auch nur seine Kaffeetasse anguckt, hat das eigene Kind einem anderen Kind Haare ausgerissen und in die Backe gebissen. So krabbeln also die Eltern die ganze Zeit hinter den eigenen Kindern her, damit diese sich oder anderen nicht wehtun. Das Ganze erinnert an ein Rugby-Spiel mit dem Geräuschpegel einer Flughafenstartbahn.
Haifischbecken Krabbelgruppe
Wenn ich Eltern sage, meine ich Mütter plus X. Das X bin ich. Ich bin der einzige Mann in Krabbelgruppen, die anderen haben ja entweder a) Arbeit, b) keine Arbeit, c) angeblich Besseres zu tun. Das fällt besonders zum Schluss auf, wenn in Krabbelgruppen gesungen wird. Entweder singe ich nicht mit und bekomme ob der Ignoranz böse Blicke, oder ich singe mit und ernte fassungslose Gesichtsausdrücke der musikalisch Sozialisierten. Zu allem Überfluss merkt man sofort, wenn ich Textaussetzer habe oder mich bei einem Kindernamen vertue.
Ansonsten ist es aber ganz lustig. Wir knien auf dem Fußboden und singen Lieder vom Apfelbaum mit den brüchigen Ästen, von der Schönheit der Donau und den Fischen, die aus akuter Phobie vor Haien in einen kleinen Teich übersiedeln wollen. Zu gegebener Zeit folgt auch das Lied von der Weihnachtsbäckerei, das ich früher schon mal gesungen hatte, im Sommer, betrunken, im Bus, nach einem Punkkonzert. Heute tröste ich mich damit, dass in der Sächsischen Schweiz auch die Mamis mit den Zuckungen im rechten Arm in ihren Krabbelgruppen wenigstens einmal nicht »Störkraft« singen dürfen, sondern Rolf Zukowski.
Ein anderer interessanter Ort, den ich in meinem kinderlosen Leben nicht kennen gelernt hatte, ist der Kinderspielplatz. Ein Szenetreffpunkt, an dem sich trefflich eine Art virtuelles Kinder-Quartett spielen lässt.
Was-kann-dein-Kind-was-kann-mein-Kind-Stich! Mein Sohn gewinnt oft in der Gute-Laune-ohne-Drogen-Rubrik, verliert dafür in allen Disziplinen, die mit Essmanieren zu tun haben. Wo Jüngere mit Plastikbesteck hantieren, nimmt er Hände. Unvergessen ist das große Brokkoli-Fleischwurst-Massaker vom 6. Dezember. Ich habe Beweisfotos gemacht, die ich zu gegebener Zeit einsetzen werde. Auf dem Kinderspielplatz diskutiert man auch über Stoppersocken und Klaus Hurrelmann. Der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler taucht bekannterweise stets dann in den Medien auf, sobald ein Kind auf der Welt irgendetwas Dummes angestellt hat. So forderte er multimedial einen Elternführerschein, um die Qualität der Erziehung sicherzustellen. Keine schlechte Idee. Wer sein Punktekonto in Flensburg überstrapaziert hat, muss zum Rapport ins Familienministerium und sich von Frau von der Leyen anhören, wie anstrengend es war, ihre geschätzten 27 Kinder groß zu ziehen. Alternativ zum Elternführerschein bieten sich die kostenlose Verteilung des Anti-Ego-Shooter-Comupterspiels »SuperNintendo-Nanny« an oder der Erwerb eines Eltern-Bachelors an der Klaus-Hipp-Universität. Nach einem Tag mit einem ganzen Sack voller Eindrücke schlafe ich jeden Abend beim »Tatort«-Gucken ein, wache irgendwann nachts auf und brauche dann eine Weile, bis mein Bewusstsein verarbeitet hat, dass Johannes Baptist Kerner oder Sandra Maischberger nicht die gesuchten Mörder waren. Ich wanke dann ins Bett, bis gefühlte fünf Minuten später mein Mitbewohner an die Tür hämmert. Mama-Tictac-Heiß-Pfff.