
In den 70er und 80er Jahren wollt die Stadt den Westen sanieren. Engagierte Bürger stritten um die alten Häuser. An die erbitterten Kämpfe erinnert Bernd Wagner
1961 planten die Stadtväter ein hehres Projekt: Bielefeld sollte eine verkehrsdurchflutete Metropole werden. Der Ostwestfalen-Damm sollte die Stadt von Süd nach Nord zerschneiden; eine weitere Autobahn eine Schneise schlagen durch den Kamphof bis zur Universität. Das Riesenparkhaus an der Jöllenbecker sahen die Pläne vor; aber kein Wiesenbad, keine Ravensberger Spinnerei und auch viele Häuser im Bielefelder Westen sollten bei der Sanierung auf der Strecke bleiben.
Diese Pläne hatten Folgen: Hausbesitzer ließen ihre Immobilien verfallen. Viele Bewohner verließen das Viertel, in dem sie Jahrzehnte gelebt hatten. Auch Händler und Handwerker sahen keine Zukunft mehr, zogen um oder gaben auf. Die Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen (LEG) kaufte viele Häuser zwischen Weststraße, Arndtstraße und Jöllenbecker Straße auf, nötigte alte Bewohner auszuziehen und vermietete die renovierungsbedürftigen Wohnungen nur noch befristet. Wohnungsspekulation griff um sich und verschärfte die damalige Wohnungsnot weiter. In den 70er Jahre wurden die ersten Häuser im Westen besetzt.
Rüde Räumungen
»Es roch nach Abriss«, erinnert sich die ehemalige Hausbesetzerin und heutige Bundestagsabgeordnete Britta Hasselmann (Grüne). Sie wohnt noch immer im Haus in der Siechenmarschstraße 40, das 1977 besetzt und 13 Jahre später von seinen Bewohnern gekauft wurde. »Auch für unser Haus gab es bereits ein rechtskräftiges Räumungsurteil.«
Viele Bürgerinnen und Bürger wollten wie Britta Hasselmann die größenwahnsinnigen Pläne der Stadt nicht hinnehmen und schlossen sich zu Initiativen zusammen. Im Westen kämpften vor allem die ›Bielefelder Selbsthilfe‹ (BIS) und die ›Initiative gegen Wohnungsnot und Stadtsanierung‹ für günstigen Wohnraum und damit gegen Abriss. Sie unterstützen Bewohner, denen Vermieter einfach Strom und Gas abgedreht hatten, oder die die Polizei rüde geräumt hatte. Tausende demonstrieren gegen die Stadtzerstörung. »Der Rat der Stadt wälzt alles platt« war eine gängige Parole oder: »Was der Krieg nicht geschafft hat, schafft die Stadtsanierung«.
Keimzelle der Bunten Liste
Viele Häuser waren umkämpft, als der Ostwestfalendamm gebaut wurde. Zum Beispiel die alte Jugendstil-Villa an der Ecke Goldbach/Arndtstraße, wo einst die Jugendmusikschule untergebracht war. Zu den Besetzern gehörten auch Ratsmitglieder der Bunten Liste. Die Liste war aus den Auseinandersetzungen um die Stadtsanierung entstanden. Ihr ist es zu verdanken, dass etliche Wohnquartiere erhalten und Großprojekte Hirngespinste der Stadtväter blieben.
Der Ostwestfalendamm wurde aber gebaut. Wo sich die Straße heute auf Betonstelen durch die Stadt zieht, lag ein schönes Wohnviertel. Dazu gehörte auch das Haus Goldbach 24, in dem Martin Kapke wohnte. Die Stadtautobahn schluckte nicht nur die Hälfte seines Gartens. »Wir haben dann in nur fünf bis sieben Meter Entfernung von der Schnellstraße gelebt«, erzählt er. »Trotz der Lärmschutzfenster war es unerträglich laut. Ich konnte die Fenster nicht mehr aufmachen, schlief unruhiger und vor allem war da immer die Angst vor der permanenten Schadstoffbelastung«. Als ein paar Jahre Autos und LKWs über den Ostwestfalendamm gerauscht waren, gab Martin Kapke auf und zog aus.
Minister Zöpel half
Die Hausbesetzer in der Siechenmarschstraße 40 haben dagegen durchgehalten. Britta Hasselmann wollte mit der BIS das Haus instandsetzen und versuchte auch Miete an die LEG zu zahlen. Die Überweisungen kamen allerdings immer wieder zurück. Die Kommunikation mit der Stadt gestaltete sich schwierig. »Mit Rechtsbrechern verhandelt man nicht«, hieß es. Deshalb gründeten die BIS und ihre Unterstützer einen Förderverein, den die Stadt dann als Gesprächspartner akzeptierte.
1985 brachten Proteste überraschend die Wende. Landesbauminister Christoph Zöpel (SPD) war nach Bielefeld gekommen, um das Spielhaus an der Teichstraße einzuweihen. Angesichts der Demonstranten vorm neuen Spielhaus nahm sich Zöpel eine Stunde Zeit, besichigte das besetzte Haus und hörte sich die Anliegen der »Rechtsbrecher« an. »Das war damals eine Sensation«, sagt Britta Hasselmann. In die Verhandlungen kam frischer Wind. Es dauerte zwar noch fünf Jahre bevor ein Kaufvertrag unter Dach und Fach war. Aber immerhin konnte die BIS noch drei Häuser in der Siechenmarschstraße vor dem Abrissbagger retten.
Aufregen über Bausünden
Dass der Bielefelder Westen trotz der Stadtsanierung ein lebendiges Viertel geblieben ist, hat viel mit dem Engagement in den 80er Jahren zu tun. Auch Martin Kapke hat für ein lebenswertes Viertel gestritten. Er gründete mit 15 anderen eine Initiative, die gegen den Verkehrslärm vom Ostwestfalendamm mobil machte. Die Initiative forderte Tempo 80 für die Stadtautobahn. Dank dieser Gruppe gilt heute wenigstens Nachts eine Tempolimit. Die Geschwindigkeitsbeschränkung würde sicher auch etwas bringen, wenn die Polizei sie denn auch kontrollieren würde. »Warum es nicht möglich ist eine vergleichsweise moderate Forderung, wie regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen durchzusetzen«, versteht Martin Kapke bis heute nicht.
Er bedauert zwar, dass die Stadtsanierung viel alte Bausubstanz zerstörte, aber er schätzt das Viertel um den Siegfriedplatz und hat hier eine ruhige Wohnung gefunden. Das ehemals besetzte Haus in der Siechenmarschstraße ist mittlerweile gekauft und Privatbesitz. Ein kleines Schild am Haus kündet selbstbewusst von der Besetzer-Geschichte. »Wer damals hier gewohnt hat und heute, wir kennen uns alle«, sagt Britta Hasselmann. Nur über manche Bausünden, wie das Parkhaus an der Jöllenbeckerstraße, kann sie sich immer noch aufregen.