Webwecker Bielefeld: »Es roch nach Abriss« (02.10.2007)

»Es roch nach Abriss« (02.10.2007)



Foto: Hermine Oberück | Stadtarchiv


In den 70er und 80er Jahren wollt die Stadt den Westen sanieren. Engagierte Bürger stritten um die alten Häuser. An die erbitterten Kämpfe erinnert Bernd Wagner


1961‭ ‬planten die Stadtväter ein hehres Projekt:‭ ‬Bielefeld sollte eine verkehrsdurchflutete Metropole werden.‭ ‬Der Ostwestfalen-Damm sollte die Stadt von Süd nach Nord zerschneiden‭; ‬eine weitere Autobahn eine Schneise schlagen durch den Kamphof bis zur Universität.‭ ‬Das Riesenparkhaus an der Jöllenbecker sahen die Pläne vor‭; ‬aber kein Wiesenbad,‭ ‬keine Ravensberger Spinnerei und auch viele Häuser im Bielefelder Westen sollten bei der Sanierung auf der Strecke bleiben.

Diese Pläne hatten Folgen:‭ ‬Hausbesitzer ließen ihre Immobilien verfallen.‭ ‬Viele Bewohner verließen das Viertel,‭ ‬in dem sie Jahrzehnte gelebt hatten.‭ ‬Auch Händler und Handwerker sahen keine Zukunft mehr,‭ ‬zogen um oder gaben auf.‭ ‬Die Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen‭ (‬LEG‭) ‬kaufte viele Häuser zwischen Weststraße,‭ ‬Arndtstraße und Jöllenbecker Straße auf,‭ ‬nötigte alte Bewohner auszuziehen und vermietete die renovierungsbedürftigen Wohnungen nur noch befristet.‭ ‬Wohnungsspekulation griff um sich und verschärfte die damalige Wohnungsnot weiter.‭ ‬In den‭ ‬70er Jahre wurden die ersten Häuser im Westen besetzt.

Rüde Räumungen

»Es roch nach Abriss‭«‬,‭ ‬erinnert sich die ehemalige Hausbesetzerin und heutige Bundestagsabgeordnete Britta Hasselmann‭ (‬Grüne‭)‬.‭ ‬Sie wohnt noch immer im Haus in der Siechenmarschstraße‭ ‬40,‭ ‬das‭ ‬1977‭ ‬besetzt und‭ ‬13‭ ‬Jahre später von seinen Bewohnern gekauft wurde.‭ »‬Auch für unser Haus gab es bereits ein rechtskräftiges Räumungsurteil.‭«

Viele Bürgerinnen und Bürger wollten wie Britta Hasselmann die größenwahnsinnigen Pläne der Stadt nicht hinnehmen und schlossen sich zu Initiativen zusammen.‭ ‬Im Westen kämpften vor allem die‭ ›‬Bielefelder Selbsthilfe‭‹ (‬BIS‭) ‬und die‭ ›‬Initiative gegen Wohnungsnot und Stadtsanierung‭‹ ‬für günstigen Wohnraum und damit gegen Abriss.‭ ‬Sie unterstützen Bewohner,‭ ‬denen Vermieter einfach Strom und Gas abgedreht hatten,‭ ‬oder die die Polizei rüde geräumt hatte.‭ ‬Tausende demonstrieren gegen die Stadtzerstörung.‭ »‬Der Rat der Stadt wälzt alles platt‭« ‬war eine gängige Parole oder:‭ »‬Was der Krieg nicht geschafft hat,‭ ‬schafft die Stadtsanierung‭«‬.

Keimzelle der Bunten Liste

Viele Häuser waren umkämpft,‭ ‬als der Ostwestfalendamm gebaut wurde.‭ ‬Zum Beispiel die alte Jugendstil-Villa an der Ecke Goldbach/Arndtstraße,‭ ‬wo einst die Jugendmusikschule untergebracht war.‭ ‬Zu den Besetzern gehörten auch Ratsmitglieder der Bunten Liste.‭ ‬Die Liste war aus den Auseinandersetzungen um die Stadtsanierung entstanden.‭ ‬Ihr ist es zu verdanken,‭ ‬dass etliche Wohnquartiere erhalten und Großprojekte Hirngespinste der Stadtväter blieben.

Der Ostwestfalendamm wurde aber gebaut.‭ ‬Wo sich die Straße heute auf Betonstelen durch die Stadt zieht,‭ ‬lag ein schönes Wohnviertel.‭ ‬Dazu gehörte auch das Haus Goldbach‭ ‬24,‭ ‬in dem Martin Kapke wohnte.‭ ‬Die Stadtautobahn schluckte nicht nur die Hälfte seines Gartens.‭ »‬Wir haben dann in nur fünf bis sieben Meter Entfernung von der Schnellstraße gelebt‭«‬,‭ ‬erzählt er.‭ »‬Trotz der Lärmschutzfenster war es unerträglich laut.‭ ‬Ich konnte die Fenster nicht mehr aufmachen,‭ ‬schlief unruhiger und vor allem war da immer die Angst vor der permanenten Schadstoffbelastung‭«‬.‭ ‬Als ein paar Jahre Autos und LKWs über den‭  ‬Ostwestfalendamm gerauscht waren,‭ ‬gab Martin Kapke auf und zog aus.

Minister Zöpel half

Die Hausbesetzer in der Siechenmarschstraße‭ ‬40‭ ‬haben dagegen durchgehalten.‭ ‬Britta Hasselmann wollte mit der BIS das Haus instandsetzen und versuchte auch Miete an die LEG zu zahlen.‭ ‬Die Überweisungen kamen allerdings immer wieder zurück.‭ ‬Die Kommunikation mit der Stadt gestaltete sich schwierig.‭ »‬Mit Rechtsbrechern verhandelt man nicht‭«‬,‭ ‬hieß es.‭ ‬Deshalb gründeten die BIS und ihre Unterstützer einen Förderverein,‭ ‬den die Stadt dann als Gesprächspartner akzeptierte.

1985‭ ‬brachten Proteste überraschend die Wende.‭ ‬Landesbauminister Christoph Zöpel‭ (‬SPD‭) ‬war nach Bielefeld gekommen,‭ ‬um das Spielhaus an der Teichstraße einzuweihen.‭ ‬Angesichts der Demonstranten vorm neuen Spielhaus nahm sich Zöpel eine Stunde Zeit,‭ ‬besichigte das besetzte Haus und hörte sich die Anliegen der‭ »‬Rechtsbrecher‭« ‬an.‭ »‬Das war damals eine Sensation‭«‬,‭ ‬sagt Britta Hasselmann.‭ ‬In die Verhandlungen kam frischer Wind.‭ ‬Es dauerte zwar noch fünf Jahre bevor ein Kaufvertrag unter Dach und Fach war.‭ ‬Aber immerhin konnte die BIS noch drei Häuser in der Siechenmarschstraße vor dem Abrissbagger retten.

Aufregen über Bausünden

Dass der Bielefelder Westen trotz der Stadtsanierung ein lebendiges Viertel geblieben ist,‭ ‬hat viel mit dem Engagement in den‭ ‬80er Jahren zu tun.‭ ‬Auch Martin Kapke hat für ein lebenswertes Viertel gestritten.‭ ‬Er gründete mit‭ ‬15‭ ‬anderen eine Initiative,‭ ‬die gegen den Verkehrslärm vom Ostwestfalendamm mobil machte.‭ ‬Die Initiative forderte Tempo‭ ‬80‭ ‬für die Stadtautobahn.‭ ‬Dank dieser Gruppe gilt heute wenigstens Nachts eine Tempolimit.‭ ‬Die Geschwindigkeitsbeschränkung würde sicher auch etwas bringen,‭ ‬wenn die Polizei sie denn auch kontrollieren würde.‭ »‬Warum es nicht möglich ist eine vergleichsweise moderate Forderung,‭ ‬wie regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen durchzusetzen‭«‬,‭ ‬versteht Martin Kapke bis heute nicht.

Er bedauert zwar,‭ ‬dass die Stadtsanierung viel alte Bausubstanz zerstörte,‭ ‬aber er schätzt das Viertel um den Siegfriedplatz und hat hier eine ruhige Wohnung gefunden.‭ ‬Das ehemals besetzte Haus in der Siechenmarschstraße ist mittlerweile gekauft und Privatbesitz.‭ ‬Ein kleines Schild am Haus kündet selbstbewusst von der Besetzer-Geschichte.‭ »‬Wer damals hier gewohnt hat und heute,‭ ‬wir kennen uns alle‭«‬,‭ ‬sagt Britta Hasselmann.‭ ‬Nur über manche Bausünden,‭ ‬wie das Parkhaus an der Jöllenbeckerstraße,‭ ‬kann sie sich immer noch aufregen.