Webwecker Bielefeld: Gespaltene Gemeinde (02.10.2007)

Gespaltene Gemeinde (02.10.2007)



Paul Yuval Adam,‭ (‬Jüdische Kultusgemeinde‭)‬,‭ ‬Architekt Klaus Beck und Irith Michelsohn mit dem Modell der Synagoge


Bald verlässt die Jüdische Kultusgemeinde den Bielefelder Westen. Nicht alle mögen diesen Weg mitgehen. Die Gründe hat Gábor Wallrabenstein recherchiert


»Sie wünschen‭?« ‬Misstrauisch äugen zwei Damen mittleren Alters durch die halbgeöffnete Eingangstür der Stapenhorststraße‭ ‬35.‭ ‬Das Deutsch der Damen ist perfekt,‭ ‬der leicht russische Zungenschlag unüberhörbar.‭ ‬Es gebe immer wieder Drohungen gegen Menschen jüdischen Glaubens,‭ ‬erklärt Irith Michelsohn vom Vorstand.‭

Außer einer Handvoll Frauen und Männer kommen die knapp‭ ‬300‭ ‬Mitglieder aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.‭ ‬Sie sind wie so viele Juden nach‭ ‬1989‭ ‬ausgewandert‭ – ‬vor allem nach Israel und in die Bundesrepublik Deutschland.‭ ‬Hier belebten die Zuwanderer die kleinen,‭ ‬vielerorts dahinsiechenden jüdischen Gemeinden.‭ ‬Auch in Bielefeld ist es eng geworden:‭ ‬In der Stapenhorststraße‭ ‬35‭ ‬hilft eine Sozialberatung Mitgliedern,‭ ‬Anträge auszufüllen,‭ ‬einen Kita-Platz zu finden oder mit Behörden zu verhandeln.‭ ‬Hier lernen Ältere Deutsch.‭ ‬Hier üben Mädchen und Frauen israelische Tänze.‭ ‬Und hier erfahren Kinder und Jugendliche alles über jüdische Kultur in Wort und Schrift.‭ ‬Denn Hebräisch sprechen und schreiben kann kaum jemand,‭ ‬weil Juden in der Sowjetunion ihre Religion nicht ausüben durften.‭

Kirche als neue Heimat‭

Zum Shabbat drängeln sich im Haus der Kultusgemeinde bis zu‭ ‬100‭ ‬Personen im Gebetsraum‭; ‬viele müssen stehen.‭ ‬Für große Feste wie Chanukka‭ (‬Lichterfest‭) ‬im Dezember muss die Gemeinde sogar Räume anmieten.‭ ‬Kein Wunder,‭ ‬dass manch einer in der Kultusgemeinde über Lösungen nachdachte‭ – ‬und schließlich die evangelische Paul-Gerhard-Kirche ins Gespräch kam.

Es hat lange gedauert,‭ ‬bis die Kultusgemeinde die Kirche endlich kaufen konnte.‭ ‬Mitglieder der Paul-Gerhard-Gemeinde hatten das Gebäude besetzt und bundesweit für Schlagzeilen und auch für Verunsicherung in der jüdischen Kultusgemeinde gesorgt.‭ ‬Mittlerweile ist die Tinte unter dem Kaufvertrag getrocknet.‭ ‬2,5‭ ‬Millionen Euro sollen das Gebäude und der Umbau kosten.‭ ‬Das Land Nordrhein-Westfalen und auch die Stadt Bielefeld beteiligen sich.‭ ‬Bis zu‭ ‬600.000‭ ‬Euro muss die Kultusgemeinde selbst aufbringen.‭

Irith Michelsohn vom Vorstand freut sich auf die Zukunft in der neuen Synagoge an der Detmolder Straße,‭ ‬wo Platz sein wird für alle jüdischen Feste und Feiertage.‭ ‬So wird die Gemeinde an Sukkot‭ (‬Laubhüttenfest‭) ‬erstmals eine Sukka‭ (‬Laubhütte‭) ‬bauen können.‭ »‬Wir werden den Bielefeldern Einblicke in jüdische Kultur ermöglichen und auch gerne mit anderen Gruppen Veranstaltungen durchführen‭«‬,‭ ‬sagt Irith Michelsohn und schwärmt von einem‭ »‬interkonfessionellen Dialog‭«‬.‭

Mahnungen missachtet

So begeistert sind nicht alle.‭ ‬Die Dame vom Vorstand ist umstritten.‭ ‬Als Irith Michelsohn vor etwa vier Jahren gewählt wurde,‭ ‬haben Mitglieder die Gemeinde verlassen und den Verein‭ ›‬Jüdisches Kulturzentrum‭‹ ‬gegründet.‭ ‬Zu den mittlerweile‭ ‬70‭ ‬Mitgliedern zählt auch der Arzt Pavel Berlin,‭ ‬der von St.‭ ‬Petersburg nach Bielefeld kam.‭ ‬Er kritisiert wie viele vom Kulturzentrum Irith Michelsohn,‭ ‬ihren energischen Führungsstil und ihre Alleingänge.‭

Sie habe ohne den Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde entschieden,‭ ‬die Kirche zu kaufen,‭ ‬und die Gemeinde erst spät informiert,‭ ‬erzählt Pavel Berlin.‭ ‬Dabei habe das Oberrabbinat in Israel davon abgeraten,‭ ‬eine christliche Kirche zu übernehmen und so antisemitische Tendenzen zu schüren.‭ ‬Stattdessen habe das Oberrabbinat empfohlen,‭ ‬ein neutrales Gebäude neu zu bauen.‭ ‬Um diese Mahnungen habe sich Irith Michelsohn nicht geschert.‭ »‬Wir vom Jüdischen Kulturzentrum wollten auf keinen Fall die Schließung einer evangelischen Gemeinde billigend in Kauf nehmen.‭ ‬Aber der Kauf hat Fakten geschaffen‭«‬,‭ ‬klagt Pavel Berlin und stellt dann eine Frage hinzu,‭ ‬die ihn sehr beschäftigt:‭ »‬Wenn eine lebendige evangelische Gemeinde mit etwa‭ ‬1.500‭ ‬Mitgliedern es anscheinend nicht schafft,‭ ‬ihr Gotteshaus zu finanzieren,‭ ‬wie schafft es die Kultusgemeinde mit ihren‭ ‬300‭ ‬Mitgliedern,‭ ‬von denen jedoch nur wenige berufstätig sind‭?«‬.‭

Miteinander ist unmöglich

Von einer einigen Gemeinde Menschen jüdischen Glauben kann keine Rede sein.‭ ‬Die Mitglieder des Kulturzentrums haben sich eine neue Gemeinde gesucht.‭ ‬Sie fahren jetzt zum Gottesdienst nach Herford,‭ ‬statt in die Stapenhorststraße zu gehen.‭ ‬Daran wird sich wohl vorerst nichts mehr ändern.‭ »‬Wir hätten uns zwei Vorstände gewünscht,‭ ‬die ein gemeinsames Leitungsgremium für zwei Gemeinden unter einem Dach bilden.‭ ‬Frau Michelsohn konnte sich dazu nicht entschließen‭«‬,‭ ‬bedauert Pavel Berlin während Irith Michelsohn kontert:‭ »‬Wir hatten bisher keine Anfragen vom Jüdischen Kulturzentrum bezüglich einer gemeinsamen Nutzung der Synagoge.‭«

Irith Michelsohn hat nicht viele gute Worte übrig für den Kulturverein und seine Mitglieder:‭ »‬Eine Person,‭ ‬die weder Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld ist und auch nicht seiner Steuerpflicht als Jüdin oder Jude nachkommt,‭ ‬hat meines Erachtens nicht das Recht,‭ ‬sich in die Belange jüdischen Lebens und in die Angelegenheiten der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld einzumischen‭«‬.‭ ‬Diesen Vorwurf weist Pavel Berlin als falsch zurück.‭ ‬Er will sich das Recht,‭ ‬sich einzumischen,‭ ‬nicht nehmen lassen,‭ ‬betont,‭ ‬dass er Kirchensteuer zahle und bedauert:‭ »‬Mittlerweile gibt’s kein Miteinander.‭ ‬Zur Zeit gibt es leider Gottes nur nebeneinander und das ist auch nicht ganz friedlich.‭«