Annabella kennen im Bielefelder Westen alle. Aber kaum einer weiß ihren richtigen Namen und was sie geleistet hat. Diese Geheimnisse lüftet Frederike Schleiermacher
Bekannt ist sie, wie ein ›bunter Hund‹. Der Begriff trifft wohl auf niemanden besser zu, als auf Annabella. Wen immer sie trifft, Zeit für einen kleinen Schnack ist immer - zumindest für eine ausführliche Begrüßung, sollte sie es einmal eilig haben. Erzählen, was es Neues gibt. Hören, was los ist. Kaum jemand ist über die kleinen und großen Geschehnisse so breit informiert wie Annabella. Und kaum jemand teilt so gerne mit, wie sie: Wo es etwas zu feiern gibt, wer krank ist, was irgendwo geplant ist ... . Selten gehen Gespräche mit ihr ohne die charakteristischen zweizeiligen Reime ab, die sie immer mit einem gedehnten »Ja, ja ...« beginnt. So kennen sie viele.
Dabei heißt Annabella eigentlich Angelika – Angelika Krieb. Aber als sie Anfang der 80er Jahre im selbstverwalteten Frauenhaus in Altenhagen lebte, gab es noch eine andere Angelika. Um Verwechslungen zu vermeiden, bekam sie den Namen Annabella. Der passt genauso gut, wenn nicht sogar besser zu ihr.
Am liebsten verbringt sie ihre Zeit draußen. Frische Luft schnappen, Leute treffen, gucken, finden, das ist ihr wichtig. Besonders das Finden. Als leidenschaftliche Sammlerin von Dingen aller Art hat sie ein untrügliches Gespür für herren- und damenlose Gegenstände. »Da ging ich doch mal durch den Krankenhauspark und da stand so `ne Gruppe Leute. Von weitem hab´ ich doch sofort gesehen, dass da was auf dem Weg lag. Und die standen viel dichter dran und haben nix gemerkt!« Diesmal war es eine Geldbörse. Annabella gab sie im Krankenhaus ab und erhielt 50 Euro Finderlohn.
Feuerzeuge sammelt sie besonders gerne. Einmal hatte sie eins in Form einer nackten Frau: Wenn man damit Feuer gab, blinkten im Busen Leuchtdioden. Vom feministischen Standpunkt natürlich völlig daneben, aber ›political correctness‹ ist nicht immer Annabellas Sache. Ausgerechnet zu einem Parteitag der Grünen in der Bielefelder Stadthalle nahm sie dieses Kleinod mit und gab großzügig damit Feuer. Gesagt hat keiner was. Auch das passiert nur Annabella. Andere hätte sich vermutlich einiges anhören dürfen.
Auf der FluchtVor ihrem Aufenthalt im Frauenhaus lebte sie abwechselnd im Mädchenheim in Ummeln und in der Psychiatrie: »Kaum war ich in dem Heim, habe ich meinen ersten Fluchtversuch gemacht. Nach ein paar Mal haben sie mich dann in die Psychiatrie gesteckt. So ging das immer hin und her.« Hatte es damals eine Diagnose gegeben? »Nee, die wollten nur nicht, dass ich immer abhaue.« Aber das tat sie ständig: Einmal rettete sie sich vom Heim ins Frauenhaus in der Buddestraße. Als sie Sozialhilfe beantragte, verständigte das Sozialamt das Heim und Annabella wurde abgeholt. Es ging wieder mal in die Psychiatrie. Einmal ist sie dort über die Mauer geklettert, die war sehr hoch. »Jau – hab´ ich geschafft, und das bei meiner Größe!« Annabella kichert und ist merklich stolz. Sie misst nur 149 cm.
Wieder in Freiheit, ging sie ins Frauenhaus nach Altenhagen. Allerdings kehrte sie bald darauf freiwillig zurück. Ihre Situation sollte ein für alle Mal geklärt werden: Es gab ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt; er entband sie befristet von der Therapie und diese Zeit verbrachte Annabella diesmal ganz legal im Frauenhaus. Als dieser ›Urlaub‹ zu Ende ging, entschied der Arzt, dass sie endgültig dort bleiben durfte. Die lange Flucht hatte ein Ende.
Grenzenloser OptimismusHeute ist sie 56 Jahre alt. Zu ihrer Zeit gab es für unangepasste Kinder und Jugendliche kaum Fördermöglichkeiten. Das was es gab, wurde ihr zuteil: Heim seit dem Kleinkindalter und anschließend Psychiatrie. Beide Anstalten waren aus ihrer Sicht nicht besonders schlimm: keine Missstände oder so. Aber eben immer Leute, die sagten, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Und immer irgendwo verschlossene Türen. Wenn sie heute fast den ganzen Tag draußen umherstreift, so ist die Selbstbestimmung ihre Freiheit: »Sogar nachts kann ich rausgehen; ich habe ja eine Taschenlampe und einen Haustürschlüssel.«
Ob sie alle Dinge behält, die sie so findet? »Nee, nur das, wo kein Name draufsteht und was nicht so wertvoll ist.« Wenn klar ist, wem das Fundstück gehört, bringt sie es persönlich zurück, das ist ihr Service. Und manchmal gibt es auch eine richtige Belohnung, zum Beispiel 300 Mark für die Notebook-Tasche. »Wie? 300 Mark für eine leere Tasche?« »Ja, aber da waren doch noch Disketten drin! Mensch, war der glücklich! Und weißt du, was er noch zu mir sagte? Darf ich dich mal drücken?« Na klar durfte er das und hat sie ganz fest in den Arm genommen. Noch heute ist Annabella sichtlich gerührt, das Geld erwähnt sie nur einmal, die Umarmung öfter.
Sie genießt Zuneigung, denn sie erlebt auch andere Reaktionen zur Genüge: Menschen, die sich über sie lustig machen oder Schimpfworte, die sie hinter ihr herrufen. Das trifft sie, das macht sie traurig wie kaum etwas anderes. »Manchmal macht es mir gar nix aus, dann gehe ich einfach weiter.« Und manchmal, wenn die Kinder »Omma!« rufen, dann dreht sie sich um und schreit frech zurück: »Ich bin keine Omma, ich hab´ ja noch nicht `mal Enkelkinder!« Auf den Mund gefallen ist sie wahrlich nicht. Und trotzdem, der Schmerz ist da. Aber nachhaltig darunter leiden, das ist nicht Annabellas Ding. Dafür ist sie viel zu lebensfroh. Die schönen Erlebnisse gewichtet sie viel höher. Alles andere akzeptiert sie, kann ihren Optimismus aber nicht trüben.
Neue Heimat ›BIS‹Vom Altenhagener Frauenhaus ging sie dann zur Bielefelder Selbsthilfe e.V. (BIS). »Da hab´ ich mich einfach vorgestellt. Ja, und da haben die mich auch genommen.« Im besetzten Haus der BIS fanden Mitte der 80er ehemalige Heimbewohner, Psychiatrie-Erfahrene oder Ex-Strafgefangene einen Ort zum Leben und Arbeiten. Alle Frauen und Männer hatten ein eigenes Zimmer mit Kochecke. Arbeit gab es bei Haushaltsauflösungen, im Gebrauchtwarenladen, bei Kohlelieferungen, Gartenarbeiten oder Hausarbeit, wie Kochen für die ganze Mannschaft: Immerhin zwölf Personen.
Das war eine schöne Zeit für Annabella. Allerdings hatte sie noch einen Vormund. Zwar musste diese Dame eigentlich nicht aktiv werden, denn Annabella war ja gut aufgehoben, aber Vormund ist Vormund. Mit einer Stellungnahme der BIS erreichte Annabella die volle Selbstbestimmung, die Vormundschaft wurde gerichtlich abbestellt.
Vergangenes Jahr durfte sie als Gast bei einer Ausstellung zu den Tagen der offenen Ateliers ihren Bilderzyklus »Mein kleiner, grüner Kaktus« präsentieren – Polaroidbilder von ihren Kakteen. Darauf ist sie noch heute stolz. Die Fotos wurden später bei der GAB (Gesellschaft für Arbeitsbeschaffung) für einen guten Zweck versteigert. Ihr Werk ging für 20 Euro an den Studioleiter des WDR Bielefeld. Annabella gab dem Ahnungslosen großzügig ein Autogramm.
Das Haus der BIS ist heute in Privatbesitz und Annabella wohnt immer noch da. Der große Versammlungsraum wurde geteilt, so dass sie nun eine abgeschlossene kleine Wohnung hat. Wie andere Menschen auch – ohne Betreuer. Das war die letzte Hürde zu einem ›normalen‹, einem freien Leben.
Frei und selbstständigEnde gut, alles gut? Nein, so einfach ist es nicht. Vor viereinhalb Jahren erkrankte sie an Krebs. Was viele Betroffene zunächst schockiert, nahm Annabella bemerkenswert gelassen, so wie andere Unannehmlichkeiten auch. Keine Klagen, kein Leiden, sondern nach vorne gehen und Abhilfe schaffen. Das hieß Operation und Chemotherapie. Bis heute gibt es keine neuen Geschwüre. »Und weißt du was das Beste ist?«, fragt Annabella. »Dass ich es damals selbst gemerkt habe. Ich habe den Knoten zuerst ertastet. Da wusste ich gleich, was es war!«.
Frei, selbstständig und ungebunden zu leben, das hatte Annabella ihr Leben lang als Ziel vor Augen. Darauf hat sie stetig hingearbeitet und sich nie von diesem Weg abbringen lassen. Aus ihrer Psychiatrieerfahrung macht sie kein Geheimnis. Im Gegenteil. »Aber natürlich soll das in den Artikel!«, sagt sie und klingt dabei fast empört. »Die Leute sollen wissen, dass ich es geschafft habe – dass man es schaffen kann!« Frau auch.