Webwecker Bielefeld: »Das habe ich allein geschafft« (02.10.2007)

»Das habe ich allein geschafft« (02.10.2007)



Annabella: Sie liebt die Freiheit. Die hat sie inzwischen gefunden, wie einiges andere auch.


Annabella kennen im Bielefelder Westen alle.‭ ‬Aber kaum einer weiß ihren richtigen Namen und was sie geleistet hat.‭ ‬Diese Geheimnisse lüftet Frederike Schleiermacher


Bekannt ist sie,‭ ‬wie ein‭ ›‬bunter Hund‭‹‬.‭ ‬Der Begriff trifft wohl auf niemanden besser zu,‭ ‬als auf Annabella.‭ ‬Wen immer sie trifft,‭ ‬Zeit für einen kleinen Schnack ist immer‭ ‬-‭ ‬zumindest für eine ausführliche Begrüßung,‭ ‬sollte sie es einmal eilig haben.‭ ‬Erzählen,‭ ‬was es Neues gibt.‭ ‬Hören,‭ ‬was los ist.‭ ‬Kaum jemand ist über die kleinen und großen Geschehnisse so breit informiert wie Annabella.‭ ‬Und kaum jemand teilt so gerne mit,‭ ‬wie sie:‭ ‬Wo es etwas zu feiern gibt,‭ ‬wer krank ist,‭ ‬was irgendwo geplant ist‭ ‬...‭ ‬.‭ ‬Selten gehen Gespräche mit ihr ohne die charakteristischen zweizeiligen Reime ab,‭ ‬die sie immer mit einem gedehnten‭ »‬Ja,‭ ‬ja‭ ‬...‭« ‬beginnt.‭ ‬So kennen sie viele.



Dabei heißt Annabella eigentlich Angelika‭ – ‬Angelika Krieb.‭ ‬Aber als sie Anfang der‭ ‬80er Jahre im selbstverwalteten Frauenhaus in Altenhagen lebte,‭ ‬gab es noch eine andere Angelika.‭ ‬Um Verwechslungen zu vermeiden,‭ ‬bekam sie den Namen Annabella.‭ ‬Der passt genauso gut,‭ ‬wenn nicht sogar besser zu ihr.

Am liebsten verbringt sie ihre Zeit draußen.‭ ‬Frische Luft schnappen,‭ ‬Leute treffen,‭ ‬gucken,‭ ‬finden,‭ ‬das ist ihr wichtig.‭ ‬Besonders das Finden.‭ ‬Als leidenschaftliche Sammlerin von Dingen aller Art hat sie ein untrügliches Gespür für herren-‭ ‬und damenlose Gegenstände.‭ »‬Da ging ich doch mal durch den Krankenhauspark und da stand so‭ `‬ne Gruppe Leute.‭ ‬Von weitem hab‭´ ‬ich doch sofort gesehen,‭ ‬dass da was auf dem Weg lag.‭ ‬Und die standen viel dichter dran und haben nix gemerkt‭!« ‬Diesmal war es eine Geldbörse.‭ ‬Annabella gab sie im Krankenhaus ab und erhielt‭ ‬50‭ ‬Euro Finderlohn.‭

Feuerzeuge sammelt sie besonders gerne.‭ ‬Einmal hatte sie eins in Form einer nackten Frau:‭ ‬Wenn man damit Feuer gab,‭ ‬blinkten im Busen Leuchtdioden.‭ ‬Vom feministischen Standpunkt natürlich völlig daneben,‭ ‬aber‭ ›‬political correctness‭‹ ‬ist nicht immer Annabellas Sache.‭ ‬Ausgerechnet zu einem Parteitag der Grünen in der Bielefelder Stadthalle nahm sie dieses Kleinod mit und gab großzügig damit Feuer.‭ ‬Gesagt hat keiner was.‭ ‬Auch das passiert nur Annabella.‭ ‬Andere hätte sich vermutlich einiges anhören dürfen.

Auf der Flucht

Vor ihrem Aufenthalt im Frauenhaus lebte sie abwechselnd im Mädchenheim in Ummeln und in der Psychiatrie:‭ »‬Kaum war ich in dem Heim,‭ ‬habe ich meinen ersten Fluchtversuch gemacht.‭ ‬Nach ein paar Mal haben sie mich dann in die Psychiatrie gesteckt.‭ ‬So ging das immer hin und her.‭« ‬Hatte es damals eine Diagnose gegeben‭? »‬Nee,‭ ‬die wollten nur nicht,‭ ‬dass ich immer abhaue.‭« ‬Aber das tat sie ständig:‭ ‬Einmal rettete sie sich vom Heim ins Frauenhaus in der Buddestraße.‭ ‬Als sie Sozialhilfe beantragte,‭ ‬verständigte das Sozialamt das Heim und Annabella wurde abgeholt.‭ ‬Es ging wieder mal in die Psychiatrie.‭ ‬Einmal ist sie dort über die Mauer geklettert,‭ ‬die war sehr hoch.‭ »‬Jau‭ – ‬hab‭´ ‬ich geschafft,‭ ‬und das bei meiner Größe‭!« ‬Annabella kichert und ist merklich stolz.‭ ‬Sie misst nur‭ ‬149‭ ‬cm.

Wieder in Freiheit,‭ ‬ging sie ins Frauenhaus nach Altenhagen.‭ ‬Allerdings kehrte sie bald darauf freiwillig zurück.‭ ‬Ihre Situation sollte ein für alle Mal geklärt werden:‭ ‬Es gab ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt‭; ‬er entband sie befristet von der Therapie und diese Zeit verbrachte Annabella diesmal ganz legal im Frauenhaus.‭ ‬Als dieser‭ ›‬Urlaub‭‹ ‬zu Ende ging,‭ ‬entschied der Arzt,‭ ‬dass sie endgültig dort bleiben durfte.‭ ‬Die lange Flucht hatte ein Ende.

Grenzenloser Optimismus

Heute ist sie‭ ‬56‭ ‬Jahre alt.‭ ‬Zu ihrer Zeit gab es für unangepasste Kinder und Jugendliche kaum Fördermöglichkeiten.‭ ‬Das was es gab,‭ ‬wurde ihr zuteil:‭ ‬Heim seit dem Kleinkindalter und anschließend Psychiatrie.‭ ‬Beide Anstalten waren aus ihrer Sicht nicht besonders schlimm:‭ ‬keine Missstände oder so.‭ ‬Aber eben immer Leute,‭ ‬die sagten,‭ ‬was sie zu tun oder zu lassen hatte.‭ ‬Und immer irgendwo verschlossene Türen.‭ ‬Wenn sie heute fast den ganzen Tag draußen umherstreift,‭ ‬so ist die Selbstbestimmung ihre Freiheit:‭ »‬Sogar nachts kann ich rausgehen‭; ‬ich habe ja eine Taschenlampe und einen Haustürschlüssel.‭«

Ob sie alle Dinge behält,‭ ‬die sie so findet‭? »‬Nee,‭ ‬nur das,‭ ‬wo kein Name draufsteht und was nicht so wertvoll ist.‭« ‬Wenn klar ist,‭ ‬wem das Fundstück gehört,‭ ‬bringt sie es persönlich zurück,‭ ‬das ist ihr Service.‭ ‬Und manchmal gibt es auch eine richtige Belohnung,‭ ‬zum Beispiel‭ ‬300‭ ‬Mark für die Notebook-Tasche.‭ »‬Wie‭? ‬300‭ ‬Mark für eine leere Tasche‭?« »‬Ja,‭ ‬aber da waren doch noch Disketten drin‭! ‬Mensch,‭ ‬war der glücklich‭! ‬Und weißt du,‭ ‬was er noch zu mir sagte‭? ‬Darf ich dich mal drücken‭?« ‬Na klar durfte er das und hat sie ganz fest in den Arm genommen.‭ ‬Noch heute ist Annabella sichtlich gerührt,‭ ‬das Geld erwähnt sie nur einmal,‭ ‬die Umarmung öfter.

Sie genießt Zuneigung,‭ ‬denn sie erlebt auch andere Reaktionen zur Genüge:‭ ‬Menschen,‭ ‬die sich über sie lustig machen oder Schimpfworte,‭ ‬die sie hinter ihr herrufen.‭ ‬Das trifft sie,‭ ‬das macht sie traurig wie kaum etwas anderes.‭ »‬Manchmal macht es mir gar nix aus,‭ ‬dann gehe ich einfach weiter.‭« ‬Und manchmal,‭ ‬wenn die Kinder‭ »‬Omma‭!« ‬rufen,‭ ‬dann dreht sie sich um und schreit frech zurück:‭ »‬Ich bin keine Omma,‭ ‬ich hab‭´ ‬ja noch nicht‭ `‬mal Enkelkinder‭!« ‬Auf den Mund gefallen ist sie wahrlich nicht.‭ ‬Und trotzdem,‭ ‬der Schmerz ist da.‭ ‬Aber nachhaltig darunter leiden,‭ ‬das ist nicht Annabellas Ding.‭ ‬Dafür ist sie viel zu lebensfroh.‭ ‬Die schönen Erlebnisse gewichtet sie viel höher.‭ ‬Alles andere akzeptiert sie,‭ ‬kann ihren Optimismus aber nicht trüben.

Neue Heimat‭ ›‬BIS‭‹

Vom Altenhagener Frauenhaus ging sie dann zur Bielefelder Selbsthilfe e.V.‭ (‬BIS‭)‬.‭ »‬Da hab‭´ ‬ich mich einfach vorgestellt.‭ ‬Ja,‭ ‬und da haben die mich auch genommen.‭« ‬Im besetzten Haus der BIS fanden Mitte der‭ ‬80er ehemalige Heimbewohner,‭ ‬Psychiatrie-Erfahrene oder Ex-Strafgefangene einen Ort zum Leben und Arbeiten.‭ ‬Alle Frauen und Männer hatten ein eigenes Zimmer mit Kochecke.‭ ‬Arbeit gab es bei Haushaltsauflösungen,‭ ‬im Gebrauchtwarenladen,‭ ‬bei Kohlelieferungen,‭ ‬Gartenarbeiten oder Hausarbeit,‭ ‬wie Kochen für die ganze Mannschaft:‭ ‬Immerhin zwölf Personen.

Das war eine schöne Zeit für Annabella.‭ ‬Allerdings hatte sie noch einen Vormund.‭ ‬Zwar musste diese Dame eigentlich nicht aktiv werden,‭ ‬denn Annabella war ja gut aufgehoben,‭ ‬aber Vormund ist Vormund.‭ ‬Mit einer Stellungnahme der BIS erreichte Annabella die volle Selbstbestimmung,‭ ‬die Vormundschaft wurde gerichtlich abbestellt.

Vergangenes Jahr durfte sie als Gast bei einer Ausstellung zu den Tagen der offenen Ateliers ihren Bilderzyklus‭ »‬Mein kleiner,‭ ‬grüner Kaktus‭« ‬präsentieren‭ – ‬Polaroidbilder von ihren Kakteen.‭ ‬Darauf ist sie noch heute stolz.‭ ‬Die Fotos wurden später bei der GAB‭ (‬Gesellschaft für Arbeitsbeschaffung‭) ‬für einen guten Zweck versteigert.‭ ‬Ihr Werk ging für‭ ‬20‭ ‬Euro an den Studioleiter des WDR Bielefeld.‭ ‬Annabella gab dem Ahnungslosen großzügig ein Autogramm.

Das Haus der BIS ist heute in Privatbesitz und Annabella wohnt immer noch da.‭ ‬Der große Versammlungsraum wurde geteilt,‭ ‬so dass sie nun eine abgeschlossene kleine Wohnung hat.‭ ‬Wie andere Menschen auch‭ – ‬ohne Betreuer.‭ ‬Das war die letzte Hürde zu einem‭ ›‬normalen‭‹‬,‭ ‬einem freien Leben.

Frei und selbstständig

Ende gut,‭ ‬alles gut‭? ‬Nein,‭ ‬so einfach ist es nicht.‭ ‬Vor viereinhalb Jahren erkrankte sie an Krebs.‭ ‬Was viele Betroffene zunächst schockiert,‭ ‬nahm Annabella bemerkenswert gelassen,‭ ‬so wie andere Unannehmlichkeiten auch.‭ ‬Keine Klagen,‭ ‬kein Leiden,‭ ‬sondern nach vorne gehen und Abhilfe schaffen.‭ ‬Das hieß Operation und Chemotherapie.‭ ‬Bis heute gibt es keine neuen Geschwüre.‭ »‬Und weißt du was das Beste ist‭?«‬,‭ ‬fragt Annabella.‭ »‬Dass ich es damals selbst gemerkt habe.‭ ‬Ich habe den Knoten zuerst ertastet.‭ ‬Da wusste ich gleich,‭ ‬was es war‭!«‬.

Frei,‭ ‬selbstständig und ungebunden zu leben,‭ ‬das hatte Annabella ihr Leben lang als Ziel vor Augen.‭ ‬Darauf hat sie stetig hingearbeitet und sich nie von diesem Weg abbringen lassen.‭ ‬Aus ihrer Psychiatrieerfahrung macht sie kein Geheimnis.‭ ‬Im Gegenteil.‭ »‬Aber natürlich soll das in den Artikel‭!«‬,‭ ‬sagt sie und klingt dabei fast empört.‭ »‬Die Leute sollen wissen,‭ ‬dass ich es geschafft habe‭ – ‬dass man es schaffen kann‭!« ‬Frau auch.