Webwecker Bielefeld: Tatmotiv Heimat? (02.10.2007)

Tatmotiv Heimat? (02.10.2007)



Die Krimiautorin Monika Detering sagt: »Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle«. Foto: Gabor Wallrabenstein


Jetzt hat auch Bielefeld seinen literarischen Hauptkommissar. Monika Detering schreibt an ihrem dritten Lokalroman. Matthias Harre sprach mit der Autorin


Viertel: Als Twen kehrten Sie dem Teuto den Rücken und zogen fort in ein bewegtes Leben. Sie arbeiteten als Puppenkünstlerin, stellten erfolgreich aus. Als Sie nach Bielefeld zurückkamen, war das wie »nach Hause kommen«?

Monika Detering: Manchmal hadere ich damit, zurückgekommen zu sein. Bei einem Teil der Menschen hier ist soviel affiges Getue, da ist diese gewisse Schwere, die leicht in Muffigkeit abgleiten kann. Wenn ich mir am Alten Markt die flanierenden Frauen anschaue, gibt es wenige, denen ich gern zuschaue. So viele verkniffene Gesichter: da nutzt der teuerste Fummel nicht, es fehlt an Heiterkeit, Charme und Leichtigkeit.

Ich brauche Luft, Offenheit, einen weiten Blick. Bielefeld fordert mich. Seit ich wieder hier bin, mische ich es für mich neu auf. Und wenn es Widerstände gibt, hat das eben auch mit mir zu tun. Die Stadt hat ja auch schöne Ecken. Rückhalt finde ich bei den Menschen, die mir wohl gesonnen sind. Das ist ganz stark. Also erobere ich mir mein Bielefeld neu und versuche es mit einem anderen Blick betrachten zu können.

 Reibt sich das mit den Erinnerungen an die Kindheit in Bielefeld?

Ich bin zwischen Botanischem Garten und Friedhof aufgewachsen, als Kind habe ich den Friedhof für mich erobert. Wenn ich heute an diesem ruhigen Ort bin, fühle ich mich entlastet. Das hat eine stärkere Wirkung auf mich, als ich es rational wahr haben möchte. Deshalb lese ich auch so gerne in der alten Bäckerei, im ›Movement‹, da stellen sich Kindergefühle ein. Schließlich habe ich dort als Kind Gebäck und Brötchen geholt.

Wie präsent ist da der Begriff ›Heimat‹?

Heimat ist dort, wo ich mich wohl fühle, und das hat immer mit Menschen zu tun. Vielleicht ist Heimat aber auch da, wo ich nie bin. Heimat verändert sich, hier hat das Leben zwar Grenzen, aber ich erfahre auch eine ungeheure Zuwendung durch die Krimis. Viele Menschen erinnern sich an mich, es gibt viele neue Leute, die auf mich zukommen, - auch das gibt ein Gefühl von Heimat. Ich hoffe sehr, diese Zuwendung auch halten zu können.

Wie viel ›Heimat‹ steckt denn in Ihren Büchern?

›Heimat‹ ist eigentlich nicht meine Begrifflichkeit, es stellt sich eher die Frage, wie Heimat und Zuhause zusammen gehören. Wenn ich die Wege, die ich in meinen Büchern beschreibe, selbst ablaufe, gibt das ein ganz anderes Gefühl. Allerdings muss man auch aufpassen, dass das Lokalkolorit nicht zu viel wird, das kann sonst schon nerven. Am ›Puppenmann‹ habe ich lange gearbeitet, vermeintlich fertige Szenen immer wieder überarbeitet, um die Gedankenstruktur und die Welt des Puppenmanns zu finden. Das kann stressig sein, aber es lohnt sich, um eine Entwicklung zu zeigen, warum etwas so und nicht anders ist.

Sind die Romanfiguren auch außerhalb Bielefelds denkbar?

Im Prinzip schon. Aber die Stadt ist die Basis, auch wenn die Figuren den Ort verlassen. Hier ist die Verortung, hier werden die Sachen geklärt, – insofern bekommt der Begriff Heimat immer mehr Dehnung. Der Siegfriedplatz hat seine Bedeutung und bei den kleinen Schnodderteichen am Schlosshof habe ich mich immer wieder gefragt: kann man da jemanden versenken, ohne dass der gleich wieder hochkommt? Da ist Unvorhergesehenes, Unerwartbares verborgen. Vielleicht synonym zu den Seelen der Menschen. Gerade an Timothius, dem Puppenmann, lässt sich exemplarisch zeigen, dass es in jedem aggressive Punkte gibt, an denen man zornig ist, wo irgendetwas ausrastet.

Wollen Sie noch einmal aus Bielefeld wegziehen?

Ich würde gerne mal für ein Jahr mein weiß-blaues Haus auf einer Insel haben. Das Langeoog meiner Bücher steht fast symbolisch für Ruhe und Gelassenheit. Aber es geht um die Menschen. Es ist nicht leicht, Insulanern wirklich nahe zu kommen, und wenn man es geschafft hat, verspürt man einfach nur eine große Freude. Wenn bei kleinen Schreibhängern jemand da ist, der einfach nur sagt: »Komm, das ist doch gut, was du bis jetzt gemacht hast, mach einfach weiter.« Das gibt Kraft.

 

 Info:

›Herzfrauen‹ ist Monika Deterings erster Bielefeld-Krimi: Gleich zu Beginn fällt ein Mann vom Himmel, ein Frauenkränzchen verwechselt Liebe mit Habgier, Hauptkommissar Weinbrenner ist eigentlich außer Dienst und zum bösen Ende entwirren sich die fatalen Fäden der Geschichte in Gift und Abzocke.

Im ›Puppenmann‹, ihrem zweiten Krimi, zeichnet Detering das Erschrecken eines 40jährigen Sohnes, dem seine Mutter verlustig gegangen ist. Der Blick in Timothius’ Innenleben ist ebenso erschreckend wie die Reaktion der Nachbarn. Und nicht nur für Weinbrenner, der immer noch im Sabbatjahr ist.

Mehr Informationen unter www.monika-detering.de