Die Stadtwerke wollen mitten in der Stadt ein neues Kraftwerk bauen. Kritiker sorgen sich um das Klima. Ein Bericht von Manfred Horn
Ende August zogen die Stadtwerke Bielefeld ihren Plan zurück, in Bielefeld ein Kohlekraftwerk zu bauen. Die Kosten für den Bau seien mit 210 Millionen Euro zu hoch, erklärte der Energieerzeuger. Man müsse die Reißleine ziehen. Im Frühjahr hatten die Stadtwerke das Kraftwerk noch als günstigste Lösung angepriesen, der Preis sollte bei rund 100 Millionen Euro liegen.
Tatsächlich verteuerten sich zwischenzeitlich Materialien wie Stahl und Turbinen, die für einen Kraftwerksbau nötig sind. Verdoppelt haben sie sich aber nicht. So dürfte die Politik eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Denn der Bau eines Kohlekraftwerks in der Stadtmitte ist in der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln.
Prostest hatte sich bereits formiert. Umweltschutzverbände und Parteien wie ›Die Linke‹ und die Grünen gründeten ein Klimabündnis. Sie machten gegen das Kohlekraftwerk Front. Die Kritiker meinen, dass mit einem solchen Kraftwerk eine deutliche Senkung der Kohlendioxid-Emissionen (C02) nicht zu schaffen sei. Die Klima-Schützer streben das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 den C02-Ausstoß um 40 Prozent zu senken, auch für Bielefeld an.
Strom aus WindparksDie für Bielefeld sauberste Lösung wäre, den Strom woanders einzukaufen. Geht es nach dem Klimabündnis, dürfte dies kein Atomstrom sein. Das Bündnis schlägt unter anderem vor, dass sich die Stadtwerke an einem sogenannten ›Off-Shore‹-Park beteiligen, einem Windräder-Park, der im Meer steht und dort Energie gewinnt. Auch auf der Stadtfläche selbst könnten mehr Wind- und Solarparks aufgebaut werden, meint das Klimabündnis.
Doch Strom ist nicht alles: Dank Kraft-Wärme-Koppelung kann bei der Stromgewinnung auch Wärme entstehen. Das Fernwärmenetz gilt als umweltfreundliche Heizmöglichkeit. In Bielefeld wird die Fernwärme, die durch dicke Leitungsrohre in viele Haushalte der Innenstadt kommt, durch die Müllverbrennungsanlage (MVA) in Heepen gespeist. Die MVA produziert aus dem Müll Strom. Dabei fällt auch jede Menge Wärme ab.
Müll alleine reicht nicht ausIm Winter allerdings reicht die Leistung der MVA nicht aus, auch wenn Martin Schmelz, Ratsmitglied der ›Bürgernähe‹, meint: »Erfrieren müsste niemand«. Zusätzliche Wärme für kuschelige Temperaturen an frostigen Tagen kommt bisher vor allem aus dem alten Kohlekraftwerk an der Schildescher Straße. Wer in der Nähe des Kraftwerks wohnt, sieht dort dann Rauch aufsteigen. Doch das Kraftwerk steht vor seinem Ende. 2012 endet die Betriebserlaubnis. Die Anlage genügt dem gesetztlichen Immissionsschutz nicht mehr.
Die Klimadebatte in Bielefeld kommt reichlich spät. »Man muss in der Energiepolitik 30 Jahre vorausschauen«, sagt der Energieexperte Michael Brieden-Segler vom ›e&u Energiebüro‹ Bielefeld. In Bielefeld jedoch fehlt jegliche Planung. Selbst Zahlen über den CO2-Ausstoß kann die Verwaltung nicht liefern. Andere Städte wie Münster sind da weiter. Dort setzte die Politik das Thema Klima bereits vor über zehn Jahren auf die Agenda. Inzwischen liegen die CO2-Emissionen rund ein Fünftel unter denen von 1990.
Was das neue Kraftwerk angeht, halten sich die Stadtwerke nach dem Planungs-Debakel bedeckt. Bis Ende diesen Jahres wollen sie ein neues Konzept vorlegen. Experten halten es für wahrscheinlich, dass die Stadtwerke erneut ein Kohlekraftwerk vorschlagen, allerdings eines mit geringerer Leistung.
Das Klimabündnis hingegen will zunächst einen Klimatisch. Dort sollen Vertreter der Stadt, der Stadtwerke, Bürger, Architekten und Handwerker zusammensitzen und über die passende Energieversorgung der Zukunft grübeln. Die Grünen favorisieren konkret ein kleines Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk als Nachfolger des alten Kohlekraftwerkes. Es soll für die Wärmeerzeugung genutzt werden und könnte auch mit Biogas betrieben werden.
Energie für ExpansionDie Stadtwerke dürfte sich für eine kleine aber feine weil umweltfreundliche Lösung wenig erwärmen. Längst ist der Energieerzeuger auf Wachstum getrimmt, weit über die Hälfte des Stroms wird außerhalb der Stadtgrenzen verkauft. Die Gewinne sprudeln. 2006 lagen sie bei 32 Millionen Euro. Vor allem dank der Beteiligung am Atomkraftwerk Grohnde, eines der zehn produktivsten AKWs weltweit.
Rund die Hälfte des Gewinns ging an die Stadtwerke Bremen, die an den Bielefelder Stadtwerken beteiligt sind. Die andere Hälfte landete im Stadtsäckel, weil die Stadtwerke gut zur Hälfte der Stadt selbst gehören. Geld, mit dem eine Menge finanziert wird, unter anderem der ständig Miese einfahrende öffentliche Personennahverkehr. Sinkende Gewinne der Stadtwerke können so schnell höhere Ticketpreise im Stadtbahn- und Busverkehr bedeuten.