Webwecker Bielefeld: Ein Park reguliert sich selbst (02.10.2007)

Ein Park reguliert sich selbst (02.10.2007)



Enteignung öffentlichen Raumes: Ein Teil der Tische der Gastronomie DPA stehen auf öffentlicher Fläche


Eine Studie hat Bürger- und Nordpark untersucht. Interessante Unterschiede zwischen den beiden Parks, die weit mehr sind als nur Grünanlagen, entdeckte darin Mario A. Sarcletti


An einem sonnigen Junitag sitzt Aiko Strohmeier auf einer Bank des Bürgerparks. Jogger laufen an ihm vorbei, Hundebesitzer führen ihre vierbeinigen Lieblinge aus. Aiko Strohmeier beobachtet sie und fällt damit in die Kategorie nichtgesellige-nichtbewegungsorientierte Parknutzer.

Die hat der Student der Sozialwissenschaften selbst entwickelt. Denn Strohmeier ist nicht zur Erholung im Park, ihn hat eine Studie für Bielefeld 2000plus in den Park getrieben. »Es ging darum Nutzungsverhalten in Freiräumen zu beobachten und zu analysieren, zum Beispiel wie sich die anwohnende Bevölkerung in der Nutzergemeinschaft wiederspiegelt«, erklärt Aiko Strohmeier.

Emil-Gross-Platz ohne Freiraum

Diese Freiräume sieht er als wichtig an: »Der Park ist für eine sehr breite Bevölkerung, für alle Schichten und alle Milieus offen«, sagt er. Eine Umwandlung solcher Freiräume in Privatgelände, wie jüngst am Emil-Groß-Platz, lehnt er deshalb ab. Ausgerechnet vor der SPD-Zentrale verdrängte dort ein Biergarten das öffentliche Grün, auf den Bänken trafen sich bisher die Anwohner. »Dieser Biergarten ist kein ›Frei-Raum‹ mehr im eigentlichen Sinne, es werden sich zunehmend bestimmte Leute dort aufhalten, die sich gegenseitig akzeptieren und andere Gruppen wiederum ausschließen«, befürchtet der Sozialwissenschaftler.

Bei seiner Untersuchung hat er herausgefunden, dass sich die Bevölkerungsstruktur der Umgebung in den Parks wiederfindet. Während den Bürgerpark vor allem eher bürgerliche Menschen, Studierende und Rentner, nutzen, ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund im Nordpark hoch. In seinem Umfeld sprechen 20 Prozent der Menschen Türkisch, rund um den Bürgerpark beträgt der Ausländeranteil nur 10 Prozent.

Esszimmer im Freien

Die verschiedenen Milieus nutzen den Park auch unterschiedlich. So ist im Bürgerpark der Anteil derjenigen, die Sport treiben, höher als im Nordpark, wo prozentual mehr »Aufsichtspersonen mit Kindern« anzutreffen sind. Auch das erklärt sich aus der Bevölkerungsstruktur, in der Gegend leben mehr unter 18-Jährige. Eine weitere Folge des Umfelds ist, dass die Nutzer mehr Zeit im Nordpark verbringen. Dort ist in den Abendstunden eine häufig auftretende Nutzerkategorie anzutreffen, die »Esser«. »Für die türkischen Familien, die am Nordpark wohnen, hat der Park auch eine Funktion als Esszimmer, wird also direkt in das Leben integriert«, erläutert Strohmeier. Da störe eine Verordnung, die das Grillen verbietet, wie sie 2003 von der Stadt erlassen wurde. »Vielleicht sollte man eher überlegen, ob man nicht Plätze zum Grillen freigibt, weil letztendlich reglementiert sich der Alltag im Park selbst«, sagt der Sozialwissenschaftler.

Er ist kein Anhänger der Reglementierung von oben, die meist sowieso nicht fruchtet. So hält sich kaum ein Hundebesitzer an die Vorschrift, dass sein Tier den Rasen nicht betreten darf. Zudem sind Parks auch ein Lernort für Konfliktvermeidung. »Die Studie hat gezeigt, dass es informelle Regeln für die Raumnutzung zu geben scheint. Es gibt bestimmte Flächen, die nur von Sonnenbadern genutzt werden und das scheint allgemein klar zu sein, sodass Spieler auf andere Flächen ausweichen«, erklärt Aiko Strohmeier. Und die Jogger kämen eben in den frühen Morgenstunden, wenn die Hundebesitzer, »ohnehin ein Konfliktherd«, noch nicht unterwegs sind.

Verdrängende Spielplätze

Für einen anderen Park, dem an der Stadthalle, hat Strohmeier einen Tipp für die Stadt. Die möchte dort die Angehörigen von Randgruppen loswerden. »Man sollte immer auf Selbstregulationsmechanismen setzen und nicht einfach von außen her verordnen«, empfiehlt der Sozialwissenschaftler. Man müsste den Park für andere Nutzergruppen attraktiver machen. Nutzergruppen, die man da nicht haben wolle, würden dann abgeschreckt. »Zum Beispiel könnte man da einen großen Spielplatz hinsetzen mit vielen Kindern«, schlägt er vor. Genau das ist jetzt auf dem Siegfriedplatz passiert: Die Trinker, die sich in der unteren Ecke im Schatten der Bäume trafen, hat die Stadt durch Erweiterung des angrenzenden Spielplatzes jüngst von dort vertrieben.