Webwecker Bielefeld: Rauchzeichen im Westen (01.03.2008)

Rauchzeichen im Westen (01.03.2008)



Im Nebel der Lust: Im Desperado soll auch künftig geraucht werden können. Foto: Manfred Horn



Ab 1. Juli gilt der Nichtraucherschutz auch im Bielefelder Westen. Gastronomen planen nun für eine ungewisse Zukunft. Ein Bericht von Manfred Horn


Wilde Zeiten rollen auf den Westen zu. Ab 1. Juli gilt in der Gastronomie das Rauchverbot. So dürfte die Fußball-Europameisterschaft, die am 29. Juni mit oder ohne Sieg der deutschen Nationalmannschaft endet, vielen Kneipenbesucher in tiefer Erinnerung bleiben: Ein letztes Mal rauchend und trinkend in der Kneipe sitzen und dabei 22 schwitzenden Männern bei der Arbeit zu sehen. Danach ist Abpfiff, was den Nikotin angeht.

Abpfiff? Nicht ganz. Das neue Gesetz des Landes NRW lässt einige Schlupflöcher. Kneipen, Restaurants und Diskotheken können Raucherräume einrichten. Diese müssen aber kleiner sein als der Nichtraucherbereich – und zudem rauchluftdicht abgeriegelt.

Die Wirte stehen, selber rauchend oder minzekauend, zwischen den Fronten. Sie haben ihre Kunden im Auge, und unter denen sind überproportional viele Raucher. »Die Hälfte der Wirte in Bielefeld nimmt es, wie es kommt, 40 Prozent sind gegen das neue Gesetz, zehn Prozent entschieden dafür«, beschreibt Thomas Keitel, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes OWL, die Stimmung.

Ein Streifzug durch den Bielefelder Westen zeigt: Die Planungen der Gastronomen gehen auseinander. In der In-Kneipe ›Mocca-Klatsch‹ in der Arndtstraße ist ab 1. Juli mit dem Rauchen Schluss, dem Stilbruch zum orientalischen Wasserpfeifen-Ambiente sieht der Betreiber gelassen entgegen gesehen.

Im neuen Szene-Lokal ›Plan B‹ in der Friedrichstraße wird es einen Raucherbereich geben, brav abgetrennt. Für diese Lösung entscheiden sich die meisten Wirte. Zum Teil ist das mit großem Aufwand verbunden. Michael Stegmann, Inhaber des ›Sounds‹, rechnet gar mit 15.000 Euro Kosten. »Wir haben keinen zweiten Eingang, also müssen wir eine Wand und eine Tür zwischen die Bereiche ziehen«, erläutert er. Diese Tür muss aber so konstruiert sein, dass kein Rauch in den neuen Wir-sind-gesund-Bereich getragen wird. Zugleich muss Stegmann den Feuerschutz beachten. Wenn es brennt, müssen alle schnell raus. Die Folge: Ein Fenster wird wohl zum Notausstieg umgebaut.

Einige große Aschenbecher entfernt residiert das ›Kochsiek‹, eine bürgerliche Kneipe mit Bundeskegelbahn. Typisch sind hier die Nach-Feierabend-Theken-Trinker. Die Besucher des ›Sounds‹ und des ›Kochsiek‹ sind wenig kompatibel, was sie in ihrer Mehrheit aber eint, ist die Sucht nach dem Glimmstängel. Inhaber Heiko Brunken plant deshalb, den alten zweiten Eingang zu reaktivieren, die Theke zu teilen und einen Rauchbereich einzurichten.

Andere Kneipen haben hingegen schlechte Karten, weil sie keinen Raucherbereich einrichten können. Die Räume sind dafür zu klein oder unpassend geschnitten. Das ›Desperado‹ an der Arndt-Straße misst ganze 48 Quadratmeter. Für die Inhaberin Britta Kattwinkel ist klar: hier kann auch nach dem 1. Juli geraucht werden. »Wenn ich dafür einen Raucherclub einrichten muss, dann mache ich das«, sagt sie.

Raucherclubs kommen

Nach dem neuen Landesgesetz geht das. Dazu muss sich allerdings ein Verein gründen und die Kneipe zum Vereinsheim erheben. Zutritt hätten dann nur Vereinsmitglieder. Den Thekenbereich samt Ausschank würde der Verein dem Wirt untervermieten. Wie das im Einzelnen gehen soll, ist aber noch nicht klar: Thomas Keitel vom Hotel- und Gaststättenverband OWL geht davon aus, dass es sich um Traditionsvereine handeln muss, die das Gedenken an Vergangenes hochhalten. Sein Verband arbeitet an einer Mustersatzung und bedauert derweil das weitestgehende Aus für das Rauchen in der Gastronomie. »Man löst in Deutschland keines der großen Probleme, also stürzt man sich auf die Nebenschauplätze«, sagt der Nichtraucher Thomas Keitel.

Verantwortlich für den Schlamassel ist die Politik. Bei den Sozialdemokraten wurde früher gequalmt, bis der Arzt kam. Doch Herbert Wehner war einmal. Von den Grünen war eh nichts zu erwarten. Den einzigen Rauch, den die Müsli-Bande als akzeptabel erachtet, ist der von atemraubenden Patchouli-Räucherstäbchen. So blieb es ausgerechnet der FDP überlassen, den Rauchern ein paar letzte Schlupflöcher zu öffnen. Freiliberal nach dem Motto › Jeder soll selbst entscheiden und sich dann privat versichern‹ rang die FDP der unter Rauch-Gesichtspunkten schon immer indiskutabeln CDU eine Innovationsklausel für das neue Gesetz ab. Sollte die Lüftungstechnik so gut sein, dass Nichtraucher im gleichen Raum geschützt werden können, kann das Rauchen genehmigt werden. Die Zeichen stünden dann allerdings auf Sturm im Bierglas, weil die Lüftungen dafür kräftig arbeiten müssten.