Webwecker Bielefeld: Wild im Westen (01.03.2008)

Wild im Westen (01.03.2008)




Sie leben seit 35 Jahren direkt am Siegfriedplatz, sind sowohl politisch als auch kulturell vielseitig engagiert. Aus dem bewegten Leben von Dietlind und Heiner Wild berichtet Friederike Schleiermacher


In Dietlinds Augen spiegelt sich etwas Wehmut. »Nach 35 Jahren in dieser Wohnung fällt der Abschied schon schwer.« Die große Altbauwohnung strahlt viel Individualität aus. Die unkonventionellen Küchenregale und die Schränke im Bad sind selbst gebaut. Damals, als sie hier im Stadtteil eine Wohnung suchten, klingelten sie einfach bei fremden Leuten und fragten, ob etwas frei würde. »Wir hatten immer sehr direkte Methoden«, schmunzelt Heiner dazu. Ebenso direkt marschierten sie im vorletzten Jahr zur BGW (Bielefelder Wohnungsbaugenossenschaft), als bekannt wurde, dass das Grabeland am Heisenbergweg zwischen Jöllenbecker Straße und Schlosshofstraße bebaut werden sollte. Ein generationsübergreifendes Wohnprojekt schwebte den beiden vor, ein Haus mit vielen verschiedenen Menschen, wo gegenseitige Unterstützung aus der Gemeinschaft erwächst. Im Frühjahr wird nun mit dem Bau des Hauskomplexes für die 15 Parteien begonnen. Der Weg von der Idee über das Finden der Gruppe zu fertigen Verträgen war anstrengend und kräftezehrend, zeitlich gesehen aber sehr kurz. Sie werden dort im nächsten Jahr ihre selbst geplante Traumwohnung beziehen.

Von Berlin nach Bielefeld

Gekommen sind sie als junge Studenten aus Berlin, sie wollten Lehrer werden und waren – wie so viele damals – in politischen Hochschulgruppen engagiert. Durch ihre kleine Tochter kamen sie mit den ersten Kinderläden in Berührung. Die Idee der gemeinschaftlich organisierten Kindererziehung brachten sie mit in die ostwestfälische Provinz und gründeten hier zusammen mit anderen Eltern einen der ersten Kinderläden, der heute noch in der Laerstraße existiert. Durch die gerade eröffnete Universität gab es auch in Bielefeld eine politische Szene, wo sie ihr Engagement einbringen konnten, was sie sich bis heute bewahrt haben. »1968 in Berlin gewesen zu sein, war da sicher sehr prägend« resümiert Dietlind.

Mit dem Pädagogenberuf wurde es dann doch nichts. Nach Abschluss des Staatsexamens, bei der Verleihung der Urkunden ging Heiner leer aus: Berufsverbot. Die Begründung war zunächst ein Ermittlungsverfahren noch aus Berliner Zeit. Das war allerdings zu diesem Zeitpunkt schon längst eingestellt. Der nächste Vorwurf folgte schnell: Teilnahme an Demonstrationen, zu denen auch kommunistische Parteien aufgerufen hatten. Ihm wurde die Nähe zu diesen Organisationen unterstellt. Dabei ging es ihm wie den meisten Mitmarschierern um die Sache. Heiner klagte gegen die erneute Zurücksetzung und verlor in zweiter Instanz – nach zehn Jahren.

Der Blick nach vorn

Sein Lehrergehalt hatten die beiden schon fest einkalkuliert. Nun war es erstmal an Dietlind, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Dabei hatte sie eigentlich eine Kinderpause eingeplant. Unter diesen Umständen war es das einfachste, in ihrem alten Beruf als Logopädin zu arbeiten. Heiner jobbte und entschloss sich alsbald zu einer Umschulung zum Werkzeugmacher. Damit war das Leben gesichert, wenn es auch einen ganz anderen Gang einschlug als geplant.

Bleibt da Ärger über das zerstörte Berufsleben oder vielleicht Traurigkeit? Nichts dergleichen. »Eigentlich wäre der Lehrerberuf für mich gar nicht so geeignet gewesen«, rekapituliert Dietlind. »Ich beschäftige mich viel lieber mit einzelnen Menschen.« Auch Heiner hat mit seinem Schicksal nie gehadert: »Das Berufsverbot sollte unser Leben nicht bestimmen! Ich bin gerne Werkzeugmacher gewesen, arbeitete 20 Jahre in einer guten Abteilung bei Droop und Rein, war Vertrauensmann und Betriebsrat.« Da ist es wieder, das politische Engagement. Aber auch das Engagement für die Jugend, denn in seiner Abteilung kümmerte er sich um Auszubildende und Praktikanten. Nur eines wurmt ihn: Ganz wenige vom Berufsverbot Betroffene klagten sich bis vor den Europäischen Gerichtshof durch und bekamen in den 90er Jahren recht. »Was die als Abfindung bekommen haben, davon hätten wir locker unsere neue Wohnung bezahlen können!« Sie lächeln sich an und wissen, dass ihnen nicht wirklich etwas entgangen ist.

Fremdwort Langeweile

Heiner und Dietlind sind jetzt in Rente – Arbeit gibt es jedoch genug. Zum Beispiel im Welthaus: Beide sind seit 25 Jahren in der El Salvador-Gruppe aktiv. Hier werden über Briefverkehr und gegenseitige Besuche intensive Kontakte zu einem Dorf gepflegt. Beide sind öfter in El Salvador gewesen, beherbergen immer wieder gern Gäste aus dem lateinamerikanischen Land. Dafür lernten sie extra Spanisch, was sie inzwischen ganz gut beherrschen. Auch die Aktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm waren nicht sicher vor Heiner und Dietlind Wild. Sie initiierten eine Aktionsgruppe und organisierten die Busse von Bielefeld zum Hochsicherheitsseebad. Im Welthaus arbeitet Heiner außerdem am neuen Weltwärts-Programm mit. Hier können junge EuropäerInnen ein Praktikum in einem Entwicklungsland absolvieren. Darüber hinaus bezeichnet er sich als »Urgestein« der Roten Hilfe in Bielefeld. Diese Organisation, in den 20er Jahren gegründet zur Unterstützung linkspolitischer Gefangener, wurde in der NS-Zeit verboten und gründete sich 1975 neu. Hier in Bielefeld setzte sie sich unter anderem in den 80er Jahren für die Gegner der Stadtsanierung ein und 1998 für die Opfer des ›Bielefelder Kessels‹. Jenem bitteren Ende eines Umzugs junger Leute, der sich ›Reclaim the Streets‹ nannte.

»Irgendwann fand ich ja, dass Politik auch Spaß machen müsste«, blickt Dietlind zurück. Sie entdeckte die Musik und sang zunächst politische Lieder in der Tzong-Gruppe des AJZ. Später trat sie dem Woza-Chor im Welthaus bei, dessen Repertoire vor allem aus südafrikanischen und lateinamerikanischen Songs bestand. Aber auch Heiner braucht für sich den Ausgleich zur politischen Kopfarbeit: Zusammen sind sie seit Jahren beim ›Tunneltheater‹ aktiv, das zuletzt »Glaube, Liebe und Hoffnung« von Ödön von Horváth spielte. Auch hier geht es ohne Politik nicht ab: Im vergangenen Jahr gestaltete die  Gruppe einen Stadtrundgang im Rahmen einer Ausstellung über Kolonialismus im hiesigen Stadtarchiv. Mit ihrer Darstellung historischer Personen verliehen Dietlind als Kolonialwarenhändlerin und Heiner als Afrika-Veteran Bielefelder Kolonialgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht.

Der Platz im Leben

Was hält die beiden zusammen? Sie sind seit 42 Jahren verheiratet, seit ihrer Jugend ein Paar. »Das sind natürlich viele Lernprozesse und das Erfahren von Grenzen« sagt Dietlind. »Ja, aber es gibt immer noch Zumutungen«, wirft Heiner frech ein. Ausgelernt haben sie noch nicht. Viel besser akzeptieren können sie sich nach so langer Zeit: Von dem was nervt, auch die positiven Seiten sehen. »Heiner engagiert sich viel mehr und hatte da oft wenig Zeit. Aber die Verantwortung, die er da und dort übernimmt, trägt er auch zu hause, da konnte ich mich immer drauf verlassen.« Was sie verbindet, sind nicht nur die zahlreichen Aktivitäten, sondern vielmehr noch die Familie: die beiden Töchter und jetzt die zwei Enkelkinder, für die sie sich sehr viel Zeit nehmen.

Beide kennen ganz viele Menschen aus dem Stadtteil. Dietlind durch ihre Logopädie-Praxis, Heiner durch den Job am Marktstand. An den ist er durch politische Zusammenhänge gekommen, wie könnte es auch anders sein: Vor acht Jahren suchte er einen Bauern, der den Gästen aus El Salvador ökologischen Landbau näher bringen sollte. Fündig wurde er bei Norbert Meyer. In mehrfacher Hinsicht: Bis heute besichtigen die Partner aus Mittelamerika dessen Biohof und Heiner verkauft freitags die Erzeugnisse auf dem Siegfriedplatz.

Beide hängen an diesem Stadtteil, dessen Entwicklung sie in den letzten 35 Jahren so hautnah miterlebten, der Schauplatz ihrer eigenen Geschichte ist. Das Schönste, wenn sie ihre neue Wohnung am Heisenbergweg beziehen werden, ist: Sie bleiben im Westen.