Webwecker Bielefeld: Verschleppt und ausgebeutet (01.03.2008)

Verschleppt und ausgebeutet (01.03.2008)



Der Jugend beraubt: Wladimir Timofejew wurde 1942 kurz vor seinem 13. Geburtstag verschleppt. Die ersten Monate in Bielefeld war er im Lager auf dem Joahnnisberg untergebracht. Foto: Stadtarchiv Bielefeld


Anfang der 40er jahre lebten rund 16.000 Zwangsarbeiter in Bielefeld. Ihre Geschichte droht vergessen zu werden. Erinnerungshilfen bietet Silvia Bose


»Klack, Klack, Klack. Unsere Holzschuhe machten einen Lärm, dass alle Menschen aufwachten«, erzählt Jekaterina P.. Die Weissrussin war Jahre lang jeden Morgen vom Lager auf dem Johannisberg unter den Augen von Wachleuten zu den Dürkopp-Werken marschiert - die Dornberger Straße hinunter, unter der Bahnlinie entlang in die Innenstadt.

Auf dem Johannisberg erinnert außer einem Gedenkstein nicht mehr viel an das größte von mehr als zweihundert Lagern in Bielefeld. Nur ein paar Betonpfähle mit verrostetem Stacheldraht zur Stadt hin zeugen noch von dem gesicherten Gelände mit seinen Baracken. Jekaterina P. war dort mit bis zu 850 Frauen eingepfercht.

Im Lager fehlten sanitäre Anlagen. Die Zwangarbeiterinnen verrichteten ihre Notdurft im Freien. Bielefelder Bürger rümpften die Nase und beschwerten sich über den Gestank, nicht aber über die unmenschlichen Bedingungen des Lagers. Im Gegenteil. Manche pilgerten am Wochenende mit ihren Kindern an den Zaun. »Sie wollten Russen sehen, als ob wir Wilde wären«, schrieb die ehemalige Zwangsarbeiterin Wera A. an den ›Arbeitskreis Zwangsarbeit in Bielefeld‹. »Man kann nur ahnen, was die Medien über uns berichtet haben«.

Profiteure des Leids

Zwischen den Jahren 1942 und 1945 waren rund 16.000 Zwangsarbeiter in Bielefeld. Über die ganze Stadt waren Lager verteilt. Im Bielefelder Westen hatten Unternehmen wie die Anker-Werke, Wilhelm Bitter Armaturen, Fischer & Krecke GmbH, Hillenkötter & Ronsiek, Theodor Hymmen Maschinenbau oder die Kochs-Adler-Nähmaschinenwerke Zwangsarbeiter untergebracht.

Allein rund 100 Verschleppte haben in der Siegfriedstraße 23 gelebt. In der Friedrichstraße 41 hatte die Gießerei Friedrich Kramer 60 Zwangsarbeiter einquartiert. Und in der Gaststätte Bewekenhorn soll die Ziegelei Sudbrack Feldbetten für etwa 60 Arbeiterinnen aufgestellt haben. Eine andere Kneipe in der Stapenhorststraße 10 nutzten die Kochs-Adler-Nähmaschinenwerke, die 1978 für den Ostwestfalen-Damm angerissen wurden.

Wo heute die Stadtautobahn verläuft, schuftete damals auch Melanija P.. Sie war am 9. Mai 1943 aus der Ukraine verschleppt und nach Bielefeld gebracht worden. »Eine Woche oder zwei hatten wir Einarbeitungszeit und dann mussten wir selbständig arbeiten und ohne Ausschuss, sonst gab es Ärger«, erinnert sich Melanija P.. Die Schicht dauerte zwölf Stunden lang und war nur unterbrochen von einer zwanzigminütigen Pause. Zu essen gab es Kohl und Suppe aus Möhren oder Rüben sowie ein Brot für der Woche. »Meistens war das Brot in zwei, drei Tagen schon weg und dann hat man gehungert«.

Von der Hölle an die Drehbank

Viele haben gehungert. Auch der Kriegsgefangene Iwan T.. Als 21-Jähriger wurde er von Deutschen gefangen genommen und kam ins Stalag 326 nach Stukenbrock. Damals gab es noch keine Gebäude, nur einen unter Strom gesetzten Stacheldrahtzaun. »Es regnete und man konnte nirgends hin. Wir hoben mit bloßen Händen Gruben aus, bedeckten sie mit Ästen und dann mit Erde und gruben uns in diesen Löchern ein«, schrieb Iwan T. den Verein ›Kontakte‹ in Berlin, der ehemalige Kriegsgefangene unterstützt. »Was ich in diesem Lager erlebte, war die Hölle, das Jüngste Gericht«.

Sowjetische Kriegsgefangene waren neben Juden die Opfergruppe, die im Zweiten Weltkrieg das schlimmste Schicksal erlitt: Von 5,7 Millionen Rotarmisten kamen fast 60 Prozent ums Leben. Von amerikanischen und englischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand starben dagegen nur gut drei Prozent. Die hohe Sterblichkeit unter sowjetischen Kriegsgefangenen hatte System. Davon zeugen auch die Berichte von Iwan T. über den Lageralltag. »Jeden Tag brachte man 100 Tote weg, manchmal auch mehr«.

Kriegsgefangene – »vergessene  Opfer«

Trotz ihres Schicksals warten ehemalige sowjetische Kriegsgefangene noch immer vergeblich auf eine Anerkennung oder Entschädigung. Sie sind durch das deutsche Gesetz zur Errichtung der Stiftung ›Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‹ ausdrücklich als Empfänger von Entschädigungszahlungen ausgeschlossen: »Kriegsgefangenschaft begründet keinen Leistungsanspruch«, heißt es dort. Für die Opfer bedeutet das, dass ihnen nicht nur eine Entschädigung, sondern auch noch die Anerkennung ihrer Leiden verweigert wird.

Iwan T. hat das Stalag 326 überlebt. Er musste im Ruhrgebiet Zwangsarbeit leisten, an einer Bahntrasse bauen und schließlich in der Drahtfabrik Wolf in der Stapenhorststraße arbeiten. Einer der Aufseher war ein Nazi, der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene prügelte. Einmal ist Iwan T. zwischen den Aufseher und sein Opfer getreten und wurde dafür in einen Torfbruch strafversetzt. Der Unternehmer Wolf forderte Iwan T. zurück. » Ich interessiere mich nicht für die Politik. Ich brauche ordentliche Arbeit.«, soll er den Aufseher angeschrieen haben. »Wolf hat mich also an die Werkbank zurück geholt. Ich bin ihm dafür sehr dankbar«, schrieb Iwan T. und fragte, ob Wolf noch lebe oder wenigstens seine Kinder. Diese Fragen versucht der Arbeitskreis Zwangsarbeit jetzt klären.

Gestraft fürs ganze Leben

Ob Zwangsarbeiterinnen oder Kriegsgefangene – die meisten verlieren viele gute und wenig schlechte Worte über die Bielefelder. Der ehemalige Kriegsgefangene Iwan T. berichtet von freundlichen Kollegen bei Wolf, die ihn respektierten, die ihn vor dem Nazi-Aufseher warnten und ihm zu essen gaben. »Wir haben auch gesungen, getanzt und auf der Mandoline gespielt«, sagte Jekatarina P. als sie vor einigen Jahren auf dem Johannisberg nach Spuren des Lagers suchte. »Da waren nicht nur Tränen. Wir waren ja jung und das war das Leben.«

Diese Milde erstaunt. Zumal das Leiden für die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen nicht 1945 mit der Befreiung endete. Sie wurden in ihrer Heimat als Verräter geächtet, an einer Ausbildung gehindert, in Lager gesteckt und zur wieder zur Arbeit gezwungen. Die meisten leben heute in Armut. Die Rente reicht kaum fürs Essen, geschweige denn für Medikamente. Umso nötiger ist Hilfe – etwa vom Verein ›Kontakte‹, der auch Iwan T. 300 Euro zukommen ließen. »Vielen Dank, liebe Freunde, für Ihre Sorgen“, schrieb er. »Ich bin Ihnen sehr dankbar und wünsche Ihnen Gesundheit wie Wasser, Reichtum wie Erde und Wärme wie Sonne«.


Info: Mehr Informationen bietet der ›DGB-Arbeitskreis Zwangsarbeit in Bielefeld‹. Kontakt über Wolfgang Herzog, Ravensberger Str. 62, 33602 Bielefeld, Tel. 68 607. Mehr zum Verein ›Kontakte‹ gibt es im Internet unter http://www.kontakte-kontakty.de