
Was hat Freundschaft mit Körperpflege zu tun? Selbstversuche, Erfahrungen und Deutungen von Matthias Schönebäumer
Vor einiger Zeit besuchte ich bei einem guten Freund und musste aufgrund ungünstiger Verkehrsanbindung dort übernachten. Als ich am nächsten Morgen zum Duschen das Badezimmer betrat, konnte ich noch nicht wissen, dass unsere Freundschaft bald eine entscheidende Wendung nehmen sollte. Ich hatte in meinem Leben schon oft geduscht und bisher war alles heil geblieben. Dass sich Wertesysteme entscheidend verändert hätten, während ich mir die Haare wusch, kann ich nicht bestätigen. Auch die Aufklärung konnte schließlich nicht dadurch aufgehalten werden, weil, sagen wir mal, Kant sich morgens immer ausgiebig abduschte. Bei Stalin weiss man´s nicht genau. Angeblich ließ der sich ja nur mit einem feuchten Lappen abreiben. Auch an diesem Morgen duschte ich ohne Angst. Die politischen Systeme funktionierten und die Schokolade setzte ihren Siegeszug als beliebteste Süßware fort.
Bei anderen Leuten duschen ist ja immer so eine Sache. Man kommt sich meistens eigenartig vor. Das beste Mittel dagegen ist: Pflegeproduktspionage. Das baut Hemmungen ab und ist zudem informativ. Als ich den natürlichen Waschvorgang erledigt hatte, vertrieb ich mir die restliche Zeit damit, die herumstehenden Pflegeprodukte in der Dusche meines Freundes näher zu betrachten und gelegentlichen Geruchstests zu unterziehen. Neben dem üblichen Arsenal an Duschcremes, weckte vor allem eine Flasche Lotion mit Gurkenextrakten mein Interesse. Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass der tägliche Kampf auf dem Arbeitsmarkt mit allen Mitteln ausgefochten wird, aber wer möchte denn beim Vorstellungsgespräch bitteschön nach Salat riechen? Es sei denn, man arbeitet bei Thomy. Ansonsten sollte man jeglichen Frucht- und Gemüseduft in Lotionform meiden. Schließlich dachte ich mir, wenn mein Freund ein Gemüse sein will, so will ich ihn deswegen nicht weniger respektieren und rieb mir aus Solidarität ein bißchen Gurkenlotion irgendwohin. Es roch, nun ja, gurkig.
Ich hatte meine Pflegeproduktspionage schon fast beendet, als mein Blick auf eine Flasche Haarshampoo fiel, die sorgsam in die hinterste Ecke der Ablage gefriemelt worden war. Auf der farblosen Flasche stand schlicht und unaufgeregt »Pflegeshampoo mit natürlicher Frische«. Die Unterzeile jedoch war schon etwas präziser: »Für schlaffes und plattes Haar«. Es traf mich wie ein Schlag. Mein zweitbester Freund hatte schlaffes und plattes Haar! Und zwar anscheinend so dolle, dass er schon mit Pflegeshampoos dagegen angehen muss. Kein Wunder, dass er die Flasche ganz hinten postiert hatte. Und dann wurde mir einiges klar. Plötzlich erschienen mir Ereignisse in denn letzten Wochen in einem anderen Licht. Der Streit auf der Fahrt nach Köln. Na klar, plattes und schlaffes Haar war Schuld! Die wochenlangen Auseinandersetzungen über Minimal Techno. Schlaffes und plattes Haar - musikalisches Urteilsvermögen adé! Was muss der Mann gelitten haben. Und ich hatte mal wieder nichts bemerkt. War ich denn schon so abgestumpft, dass ich es nicht mal mehr bemerkte, wenn ein Freund mit platten und schlaffen Haaren zu kämpfen hatte? Dabei hätte ein Wort genügt: »Matthias, ich habe schlaffe und platte Haare. Ich brauche Hilfe«. Stattdessen versuchte er hier mit faden Shampoos dagegen anzukämpfen. Wieviele Tränen waren schon in diesen Abfluss hinab geflossen? Dann kam die Wut.
Eine bleiche Wut auf den Kapitalismus und seine gemeine Visage. Gab es denn überhaupt keinen Anstand mehr in diesem Land? Musste die Pflegeproduktindustrie die kleinen Makel und Unregelmäßigkeiten ihrer Kundschaft denn so schonungslos beim Namen nennen? Musste sie unbedingt mit gutgewaschenen Finger auf diese Menschen zeigen?
Was würde bald noch alles im Regal stehen? »Seife – für schorfige Stinkegriffel« oder »Zahnpasta – für pekige und müffelnde Gilbstumpen«? Ganze Generationen wären verloren, so wie es bereits im Osten der Fall ist. Die Jugendlichen wandern ab und waschen sich nie wieder. So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Also leerte ich die komplette Flasche sofort aus. Es schäumte gewaltig, aber es war der Schaum der Toleranz. Dann sprang ich aus der Dusche und trocknete mich ab. Ich sah mich im Spiegel an. Gottseidank hatte ich starkes und widerspenstiges Haar. In der Küche saß Thomas und trank Kaffee. Ich besah ihn mir in der lauen Vormittagssonne. Dann trat ich an ihn heran, nahm seine Hand und fuhr ihm damit durchs Haar. Und ja, es war platt und schlaff. Sogar ziemlich. Ich sagte: »Thomas, dies ist dein Haar. Und siehe: es ist platt und schlaff. Und es ist gut. Ich aber sage dir, lass es platt und schlaff sein, denn du kriegst es einfach nicht mehr so drahtig wie vor zehn Jahren. Nicht mal mit Gel«. Thomas sah mich lange an und wir schwiegen. Draußen schien die Sonne. Dann sagte Thomas: »Du riechst irgendwie nach Salat«.
Info: Matthias Schönebäumer gehörte zu den Gründern und Autoren der legendären Lesebühne ›Zirkeltraininig‹. Der gelernte Germanist ist Lehrbeauftragter an der FH Bielefeld, hat eine Leidenschaft für Film , forscht zur ›Theorie der Popkultur‹ und schreibt auch noch für Spex, Groove, Die Zeit und Testcard.