
»Heimweh nach Bielefeld« thematisiert die Deportation jüdischer Kinder aus Bielefeld. Von Matthias Harre
Wie können wir uns erinnern an Ereignisse, die mehr als 70 Jahre zurückliegen, die die meisten von uns nicht erlebt haben? Reichen die Bilder in den Geschichtsbüchern, reicht das Docutainment der Fernsehsender, reicht die übliche chronologische Einordnung der Nazi-Verbrechen zwischen Weimarer Republik und Wiederaufbau?
Die ›Bielefelder
Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte‹ leisten einen außerordentlichen Beitrag,
das Grauen fassbar, millionenfaches Leid zumindest ansatzweise erfahrbar zu
machen. »Heimweh nach Bielefeld?« heißt der Band, Brigitte Decker ist die
Herausgeberin, der Untertitel benennt das Thema: »Vertrieben oder deportiert:
Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich« und versammelt
Berichte ehemaliger BielefelderInnen, die ihre Heimatstadt verlassen mussten.
In persönlichen
Briefen, angereichert durch Fotos und Dokumente, berichten die Überlebenden
ihre Geschichte. Kinder, die es geschafft hatten, vor den Deportationen in die
Vernichtungslager nach England oder Palästina zu gelangen, Kinder, die sich in
Holland verstecken konnten, Kinder, die die Vernichtungslager überlebt haben.
Was das Buch so
wertvoll macht, ist der persönliche Zugang zum Vergangenen. Im Lesen der
Berichte bricht die zeitliche Distanz auf, im Betrachten der Familienfotos
öffnet sich das Private, die Faksimiles der handgeschriebenen Briefe
ermöglichen einen fast beschämend intimen Zugang.
Wer sich einlässt auf die Dokumente, verspürt Dankbarkeit für die Veröffentlichung, Demut vor dem Mut der AutorInnen, sich auf diese Weise zu öffnen und Hochachtung vor der nicht nachlassenden Kraft, immer wieder von der Shoa zu berichten. »Danke für Ihr Überleben«, schrieb ein 14jahriger Schüler einem Auschwitz-Überlebenden nach dessen Besuch in seiner Schule: ein angemessener Lohn für den Kampf gegen das Vergessen.
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