Webwecker Bielefeld: Einmal Vollstrecker sein (01.06.2008)

Einmal Vollstrecker sein (01.06.2008)



Foto: Pixelio.de, Oliver Weber

Die Fußball-Europameisterschaft läuft nicht nur in der Glotze. Auf Bielefelds Wiesen versuchen sich Nachwuchskicker darin, besser als Ballack & Co zu sein. Als ziemlich erfolgloser Himmelstürmer outet sich hingegen Sascha Brohm

 

Die männlichen Vertreter meiner Familie sind seit jeher begeisterte Fußballfans. Sie sehen sich alle Spiele an, wissen darüber Be­scheid, was auf dem Spielfeld passiert und spielen sogar selber aktiv mit. Einer als Tor­wart, andere rennen auf dem Feld herum und schießen Tore. Nur ich bin fußballmäßig unterentwickelt. Wenn es in meiner Schul- oder Freizeit dazu kam, mit den anderen Jungs Fußball zu spielen, war ich bei weitem nicht der beliebteste Brillenträger. Ich konnte nämlich nur zwei Dinge.

1. Dem Ball mit heraushängender Zunge hinterher japsen und dabei die Arme nach dem mir vorausrollenden Ball strecken. Als sei der Ball ein kleiner Hund, der mir einen Schinken geklaut hat. Wenn mich auch noch barbusige Frauen, wütende Feuerwehr­männer und ein glatzköpfiger Opa verfolgt hätten, dann hätte man mich sicherlich mit dem englischen Komiker Benny Hill verwechselt. In dessen slapstickgefüllten Sen­dungen war immer der Höhepunkt erreicht, wenn eine wilde Horde Menschen dem etwas fülligen Hill aus meist obszönen Grün­den hinterher rannte.

2. Den Ball im Stehen so hoch in den Himmel kicken, dass er meistens irgendwo landete, von wo man ihn nie mehr zurückholen konnte. Mehrere Bälle hatte ich auf diesem Weg verschwinden lassen.

Bester im Ausweichen

Eine Torchance ergab sich bei allem Spaß nie. Deshalb stellten mich meine »Freunde« eine zeitlang ins Tor. Aber, wen wundert es?, sobald auch nur ein Ball in meine Nähe kam, bin ich weggesprungen oder habe ihn, wenn ich ihn doch mit dem Fuß traf, so hoch in den Himmel geschossen, dass er nie wieder den Boden erreichte. Manchmal, wenn ich allen Mut zusammengekratzt hatte, schmiss ich mich auf den schmutzigen Boden. Beseelt davon, den Ball diesmal doch zu halten. Doch meistens schmiss ich mich schon zehn Sekunden, bevor der Ball überhaupt in Torrichtung geschossen wurde, auf den Boden und die Mannschaft mit dem anderen Torwart konnte in aller Ruhe den Ball in die andere Seite meines Tors kullern lassen.

Mit der Zeit änderte sich das Spiel dahingehend, dass irgendwann alle Spieler nur noch versuchten, mich zu treffen. Wenn man mich getroffen hatte, gab es einen Punkt. Was eindeutig viel schwieriger war, denn ich entwickelte, was das Ballausweichen anging, sehr gute Reflexe.

Nur einmal habe ich ein Spiel abgeliefert, das in die Geschichte einging. Ich und meine Freunde sollten gegen die Mannschaft aus dem Nachbardorf spielen. Wir trafen uns auf »unserem« Spielfeld, einem hügeligen Stück Brachland auf das die Gemeinde trotzdem zwei Tore gebaut hatte. Das war auch der einzige Grund, hier zu spielen, da das Nachbardorf zwar eine schöne, ebene Grasfläche, jedoch keine Tore hatte.

Das Unausweichliche

Nachdem sich die zwei Mannschaften ge­genseitig verbal genug angestachelt hatten, kam es zum Unausweichlichen. Vor Beginn des Spieles versammelten sich meine Mit­spieler um mich herum. Nie war ich der Mittelpunkt gewesen. Wollten sie mir etwa viel Glück und Spaß wünschen? Nein, sie bläuten mir ein, den Ball nicht in die Luft zu kicken und sie hämmerten mir ein, nicht wie Benny Hill dem Ball hinterher zu rennen. Ich versprach, mich anzustrengen und er­tappte mich einige Augenblicke später wie ich mit heraushängender Zunge dem Ball hinterher japste, die Arme ausgestreckt und den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, so als wolle ich den kullernden Ball aufheben.

Die Mannschaft aus dem Nachbardorf war einen Moment lang perplex. Das hatte sie noch nicht gesehen. Und während sie erst einmal geschlossen stehen blieb, um zu lachen, hatten die Spieler nicht damit ge­rechnet, dass ich mir daraus nichts machen würde, und kullerte den Ball in Richtung Tor. Und als er fast zum Liegen gekommen war, benutzte ich meinen Fuß und schoss ihn ins Netz. Mein erstes Tor. Meine Mitspieler schauten sich mehrere Sekunden lang an. Ich schaute meine Mitspieler mehrere Sekunden lang an. Dann rissen sie die Arme in die Luft und jubelten auf mich zu. Sie schmissen sich auf mich und jubelten weiter. Was für ein Moment. Ich wurde an Körperstellen be­rührt, die ich bis dahin nicht einmal selber berührt hatte.

Die gegnerische Mannschaft benötigte etwas Zeit, um sich von diesem Angriff zu erholen. Ich erlebte ein derbes Spiel voller giftiger Beschimpfungen aber ich ließ mich nicht von meiner Mission abbringen. Ich schoss noch zwei weitere Tore, denn ich war so aufgedreht, als hätte ich fünf Liter Espresso ge­trunken. Meine »ausgestreckte-Arme-heraushängende-Zunge-Taktik« brachte alle durcheinander. Und es sah dazu noch blöde aus. Manchmal schaffte ich einen Pass auf einen Mannschaftskameraden und der schoss dann ein Tor. Wir gewannen mit 8 zu 3 Toren und für einen kurzen Moment war ich der Held.

Natürlich war meine Serie beim nächsten Spiel wieder erloschen. Ich ließ mir den Ball wegnehmen, stolperte über ihn, wenn er vor mir lag, schoss ihn überall hin, nur nicht in Richtung Tor, und wenn meine Mannschaft ein Tor schoss, jubelte ich nicht zu überschwänglich mit.

Wenn ich hin und wieder in mein altes Dorf fahre, dann nehme ich mir die Zeit und besuche »unseren« alten Fußballplatz. Und manchmal spielen dort immer noch Jungs mit einem Fußball. Das wird sich wohl nie ändern. Und wenn der Ball zufällig in meine Richtung rollt, und die Jungs mir zurufen: »Sir, könnten Sie uns nicht den Ball zurück- schießen, Sir? Das wäre sehr nett von Ihnen, Sir«, dann nehme ich den Ball, schieße ihn in den Himmel und renne vorsorglich schon einmal weg.