Was Grabsteine und Gedenkstätten den Lebenden erzählen. Silvia Bose über ein sehr persönliches Buch
»Der Tod
macht alles gleich«. Irrtum. Aber Sprichwörter dürfen verkürzen. Johannes
Schwager wollte mehr. Er hat wachen Auges Friedhöfe und Gedenkstätten in
Ostwestfalen-Lippe besucht, Grabschmuck, Inschriften und Mahntafeln
fotografiert und dabei viel erfahren über die Toten, ihre Zeit und die
Hinterbliebenen. In einem Bildband hat er alles zusammengetragen – ohne
Anspruch auf Vollständigkeit oder
Wissenschaftlichkeit.
›Über den Tod hinaus‹ ist ein sehr persönliches Buch. Die Begleittexte zu den Fotos sind bisweilen unsachlich und parteiisch. Der Leser ahnt, an welchen Gräbern Johannes Schwager die kalte Wut packte, welche ihn schmunzeln ließen oder ihn einluden, »wiederzukommen mit einem Stuhl, Zeit und Musik im Ohr«.
Soldatinnen Gottes
Kindergräber zeigen, dass mit den Kleinen auch Träume der Eltern starben. Das geradezu militärisch wirkende Gräberfeld der Diakonissen auf dem alten Zionsfriedhof in Bethel zeugt vom fundamentalistisch-christlichen Glaubensbekenntnis und auch von der so genannten Erweckungsbewegung. Als Soldatinnen im Haus Gottes galten die Diakonissen. »Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz«, ist auf einem Grabstein zu lesen. Dabei muss es nicht immer christlich zugehen auf dem Friedhof. Auf einem Stein sind Text und Noten von ›My Way‹ zu lesen; auf einem anderen das Li-Tai-Pe-Zitat »Keine Welle weiß von einer Wiederkehr«.
Zum besseren Verständnis liefert Johannes Schwager zu den verschiedenen Kapiteln erklärende Texte. Er ist am ausführlichsten, wenn er über die Opfer des Nationalsozialismus schreibt. Schließlich hat er ›Über den Tod hinaus‹ Hedwig Frieda Hempel gewidmet und die Widmung mit »Kein Vergeben! Kein Vergessen!« unterschrieben. Die behinderte Mindenerin Hedwig Frieda Hempel starb 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Gütersloh an Entkräftung – wie die Krankenakte den Hungertod nennt.
Johannes Schwager erzählt Einzelschicksale deportierter Juden, sowjetischer Kriegsgefangener, Zwangsarbeiter, hingerichteter Antifaschisten und auch ermordeten Menschen mit Behinderungen wie Hedwig Frieda Hempel. Und er ordnet die Schicksale ein in den historisch-politischen Kontext. Er schildert etwa das Verhältnis der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel zu Militarismus und Nationalsozialismus, wie sich die Einrichtung an den Kriegsvorbereitungen beteiligte und Zwangsarbeiter einsetzte. Im Mai 1945 spricht Pastor Fritz von Bodelschwingh zwar von der »Torheit des Krieges«, aber auch noch vom im »ritterlichen Kampf tapferer Männer blank gehaltenen Ehrenschild des deutschen Volkes«.
Die Ästhetik des Sterbens, wie sie die Skulpturen heroisch sterbender oder kämpfender Soldaten zeigen, setzt Johannes Schwager Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« entgegen. Die Kriegsszene mit Blut, Dreck, Urin und Kot, verstümmelten Gliedmaßen und blanker Angst straft die Kriegerdenkmale mit makellosen Körpern und anmutigen Posen Lügen.
Johannes Schwagers Bildband endet aber nicht in den Abgründen der deutschen Geschichte. Auch Lachen ist erlaubt. Zum Beispiel, wenn sich eine Grabinschrift von einem Rechtsanwalt oder einem Grundstücksmakler wie eine Visitenkarte liest und der Betrachter instinktiv nach der Telefonnummer sucht. Wenn es den Hinterbliebene offensichtlich sehr wichtig war, dass da ein Brauereibesitzer oder ein Fleischermeister begraben liegt. Oder wenn gleich neben Kreuz und Palmblatt die zwei Worte »Teuer gekauft« zu lesen sind und die Frage auslösen, ob da jemand gegenüber dem Steinmetz oder der Friedhofsverwaltung das letzte Wort haben wollte.
Skuriles, Politisches oder einfach nur Alltagsgeschichte offenbaren die Friedhöfe in der Region. ›Über den Tod hinaus‹ ermuntert zu Entdeckungsreisen an die beredten Orte.
Info:
Johannes
Schwager, Über den Tod hinaus. Grabstätten und Gedenkorte in Ostwestfalen-Lippe,
Bielefeld 2008, AJZ-Verlag. Im Buchhandel für 14, 80 Euro