Webwecker Bielefeld: Kleinod auf der Ochsenheide (01.06.2008)

Kleinod auf der Ochsenheide (01.06.2008)



Foto: Stadtarchiv


Oberhalb des Bielefelder Westens liegt Westfalens ältestes Freilichtmuseum. Seine Geschichte hat Bernd J. Wagner recherchiert


»Mitten im Krieg ist der Bau fertig geworden«, freute sich der Vorsitzende des Histo­rischen Vereins, Professor Hermann Tümpel, als die Bielefelder am 6. Juni 1917 das Bau­ern­hausmuseum auf der Ochsenheide einweihten. »Und wenn wir ihn jetzt vor uns sehen, so kommt es uns recht zum Be­wusstsein, wie gut wir es haben: Während jenseits unserer Grenzen Dörfer und Städte, Kirchen und Wohnungen in Asche und Trümmern liegen, können wir hier nicht allein unseres bisherigen Besitzes uns freuen, sondern ihn auch mehren.«

Freilich, in Bielefeld war kein Kanonen­don­ner zu hören. Auch sah man keine Schützen­gräben, Bombentrichter und zerstörten Häu­ser. Aber die immer kritischer werdende Ernährungslage, die sich an den vollen Volks­küchen zeigte, und nicht zuletzt die zahlreichen Todesanzeigen von gefallenen Brüdern, Vätern und Söhnen ließen auch die Bielefelder spüren, dass man sich im Krieg befand. An diesem Junitag nahm sich Bielefeld auf der Ochsenheide eine kurze Auszeit, bevor die Sorgen wieder den Alltag prägten, und eröffnete das erste Freilicht­mu­seum Westfalens.

Zehn Jahre Überzeugungsarbeit

Die Idee war lange gereift. Schon 1907 hatte der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg ein Freilichtmuseum diskutiert, das der regionalen bäuerlichen Geschichte gedenken sollte. In der bevorstehende Feier zur dreihundertjährigen Zugehörigkeit der Grafschaft zu Brandenburg-Preußen sah der Verein einen würdigen Anlass. Die Stadt entschied sich aber für ein anderes Projekt: 1909 ließ sie auf dem Altstädter Kirchplatz das Leineweberdenkmal errichten.

Der Historische Verein warb weiter ein Bauernhausmuseum. Mit Oberbürger­meis­ter Rudolf Stapenhorst und dem Fabri­kan­ten Arnold Crüwell gewann der Verein prominente Förderer. Sie sprachen sich für eine volkskundliche Außenstelle des Stadtmuse­ums auf der Ochsenheide aus. Im Januar 1914 konnten auch die Bielefelder Stadt­verordneten überzeugt werden. Sie bewilligten nach einer kontrovers geführten Sitzung die finanziellen Mittel. Der Historische Verein und der Minden-Ravensbergische Haupt­verein für Heimatschutz und Denk­mal­pflege beteiligten sich mit Spenden.

Rückblickend betrachtet, hätte es nicht verwundern dürfen, wenn der Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 den Bau des Museums vereitelt hätte. Bielefeld hielt jedoch an den Plänen fest und übertrug Stadt­baurat Friedrich Schultz die Baulei­tung. Auf Anraten des Volksschullehrers Eduard Magnus entschied man sich für das 1606 errichtete Haupthaus des Hofes Meier zu Ummeln.

Stadtbaumeister Gustav Herzbruch ließ den Hof vorsichtig abbauen und sofort wieder auf der Ochsenheide aufbauen. Das beeindruckende Zweiständergebäude von gut 28 Meter Länge und 13,50 Meter Breite konnten die Bielefelder schon im Juni 1915 bewundern. Als volkskundliche Außenstelle des Stadtmuseum öffnete der Hof Meier zu Ummeln aber erst zwei Jahre später.

Flammen verwüsten Museum

Das Bauernhausmuseum wuchs den Biele­feldern ans Herz. Wie sehr, dass zeigte sich am 23. Mai 1995 als der Meierhof in Schutt und Asche lag. Die Feuerwehr hatte zwar nur wenige Minuten bis auf die Ochsenheide gebraucht, aber es war schon zu spät. Aus dem Reet gedeckten Dach schlugen Flam­men. Das Feuer war auf den benachbarten Speicher übergesprungen, den Besucher in westfälischer Mundart nur »Spieker« nannten.

Als die Feuerwehr abzog, waren beim kleineren Gebäude der Dachstuhl und das obere Geschoss zerstört. Der Meierhof war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Dau­er­ausstellung mit der Sammlung aus Möbel, Trachten und Schmuck des Ravens­berger Landes ging unwiederbringlich verloren. Unschätzbare Werte. Als sich in den frühen Morgenstunden die Nachricht vom Brand in der Stadt ausbreitete, pilgerten Menschen auf die Ochsenheide. Sie standen fassungslos vor den Trümmern, einige weinten. Ein Stück Bielefeld sei vernichtet worden, titelte anderntags die »Neue Westfälische«.

Bereits wenige Stunden nach der Katas­trophe sprach sich Oberbürger­meis­terin Angelika Dopheide dafür aus, das Frei­licht­museum wieder aufzubauen. Dieses Be­kennt­nis war notwendig. Schließlich wurden schnell Stimmen laut, die forderten, das Museum stillzulegen und mit dem gesparten Geld den klammen städtischen Haushalt zu entlasten. Doch diese Meinung fand keine Mehrheit, nicht im Rat und schon gar nicht in der Bevölkerung.

Die Frage, wie das Bauernhausmuseum wieder aufgebaut werden sollte, hielt in den Wochen nach dem Brand die Öffentlichkeit in Atem. Neue Standorte, wie der Hof Meier zu Jöllenbeck oder das idyllische Gelände rund um den Hof Höner zu Jerrendorf, wurden vorgeschlagen, aber bald wieder verworfen. Grundlegender war die Diskussion, ob der Meierhof originalgetreu nachgebaut oder ein altes Bauernhaus umgesetzt werden sollte. Die entsprechenden Begriffe »Rekon­struktion« und »Translozierung« waren in aller Munde und schienen gar die Muse­umsfreunde in zwei unversöhnliche Lager zu spalten.

Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten der von den Fachleuten favorisierten Trans­lo­zierung als die Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB) mit dem Möl­leringhof aus Rödinghausen ein passendes Gebäude anbot. Gleichsam bildete die GAB mit dem Historischen Verein für die Graf­schaft Ravensberg eine gemeinnützige Trä­ger­gesellschaft, die das Museum aufbauen und betreiben wollte.

Die Stadt trug mit den Versicherungsgeldern die Baukosten und sagte eine jährliche Beteiligung an den Betriebskosten zu. Die GAB stellte Arbeitskräfte und Mitglieder des Historischen Vereins entwickelten gemeinsam mit der Stadt ein neues Konzept für das Freilichtmuseum. Am 28. August 1999 weihten die Bielefelder ihr Bauernhausmuseum zum zweiten Mal ein.

Während das alte Museum seine Besucher vor allem mit seiner einzigartigen volkskundlichen Sammlung in den Bann gezogen hatte, bringt das neue Museum Menschen das Leben und Arbeiten auf einem längst vergessenen, aber nicht minder faszinierenden Hof nahe. Die engagierten Museums­pädagogen wollen vor allem Kindern und Jugendlichen vermitteln, wie hier die Haus­gemeinschaft aus mehreren Generationen der Bauerfamilie und ihrem Gesinde lebte und abhängig von den Jahreszeiten arbeitete. Der Besucherandrang zeigt:  Auch das neue Bauernmuseum liegt den Bielefeldern am Herzen. 


Info:
Das Bauernhausmuseum ist von Februar bis Dezember geöffnet, Dienstags bis Freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochen­ende  ab 11 Uhr. Das Museum bietet Füh­rungen zu Themen wie »Wohnen vor 150 Jahren« an und auch Erkundungen mit Spiel und Spaß speziell für Kinder. Mehr Infos im Internet unter www.bielefelder-bauernhausmuseum.de. Anmeldungen unter fon 0521. 5218550