
Bridge ist eine Wissenschaft für sich. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Silvia Bose hat sich als Kiebitz bei den »Bridge-Damen« in der Bürgerwache versucht
Ursula Herlemann schwingt die Tischglocke. Stimmenwirrwarr erstirbt zum Murmeln. Widerwillig. Noch einmal energisches Läuten. »Haben alle die richtigen Boards?!« Die 73-Jährige lässt ihren Blick über die sechs Tische schweifen. Pose und Ton erinnern an den Feldherrenhügel. »Und los geht es!«
Geschäftiges Rascheln. An den Tischen greifen goldberingte Hände nach einer von drei roten Mappen. In diesen nummerierten Boards stecken Karten in vier Fächern mit den Buchstaben N, S, W und O für die Himmelsrichtungen, denen die Spielerinnen zugeordnet sind. Sie ziehen sich ihr Blatt heraus, sortieren die 13 Karten und schielen dabei über Brillenränder zu Mitspielerinnen.
An Tisch 3 ist Ursula Herlemann der Süden und ihre Partnerin Helga Stosch gegenüber der Norden. Sie sind eine Paarung, so nennen sich die festen Partnerschaften im Bridge. Die Frauen spielen schon seit fast vierzig Jahren zusammen. »Lange haben wir so ein Kaffee-Bridge gespielt – mit Mischen und so«, sagt Ursula Herlemann bevor die Partie losgeht. Widerwillen wirft sie ihre Nase in Falten. »Das reichte uns irgendwann nicht mehr. Dann haben wir uns einen Club gesucht, wo wir nach Turnierregeln spielen.« Sie versteht sich mit ihrer Partnerin blind und auch ohne Worte.
Beim Bridge braucht es auch wenig Worte. Beim Reizen sogar gar keine. Die Spielerinnen ziehen dabei nur wortlos Karten aus ihren Bidding-Boxes und geben damit reihum Gebote ab. 35 verschiedene sind möglich. Dazu kommt noch Kontra und Kontra auf das Kontra. Spätestens wenn drei grüne Karten mit »Pass« auf dem Tisch liegen, ist Eingeweihten ziemlich viel klar: Ob sie mit Trumpf spielen oder ein trumpfloses Sans-Atout (ostwestfälisch Sang). Ob Coeur, Pik, Treff oder Karo Trumpf ist. Wie viele Stiche die Gewinnerinnen der Reizung bekommen wollen. Ob ihre Gegnerinnen mit einem Kontra dagegen halten und noch vieles mehr.
Den unwissenden Gast versucht die offensichtlich gnädig gestimmte Spielerin auf »West« in die Mysterien des Reizens einzuweihen. »Wissen Sie, manchmal ist es besser auf einen Falla zu spielen«, sagt sie und fährt mit ihrem Daumen über ein paar Karten, als müsse das Gegenüber sie dann schon verstehen. »Das ist günstiger, als wenn die anderen ein Vollspiel mit 450 Punkten machen«. Ihre Partnerin auf Ost im mintfarbenen Twinset schüttelt ihr weißes Haupt – natürlich ohne überhaupt den Blick von ihren Karten zu lösen: »Das versteht der nicht!« Der Gnädige auf West erklärt mit einem entschuldigendem Lächeln. »Da braucht man viel, ganz viel Erfahrung«.
Herren als Minderheit
Hier lernt niemand Bridge. Wer mitspielen will, muss lange mit einem Lehrer gelernt, Theorie gepaukt und Extrakurse zu Themen wie Gegenreizung besucht haben. Nach zwei Jahren kann man dann mal nachfragen, ob man mitspielen darf. Aber zur Zeit haben die »Bridge-Damen«, so heißt der private Club beim Team der Bürgerwache, sowieso Aufnahmestopp.
Zu den »Bridge-Damen« gehören auch paar wenige Herren. Eine zu vernachlässigende Minderheit. Der Club hat sich vor mehr als dreißig Jahren gegründet. Seit zwölf Jahren treffen sie sich jeden Mittwoch in der Bürgerwache. Sie sind eine der ältesten Gruppen im Haus überhaupt. Sie waren die ersten, die sich eine Kiste mit Getränken zusammenstellen ließen. Alles ohne Alkohol natürlich. Inzwischen bestellen fast alle Gruppen Getränke. Wer Kisten mit Wasser, Saft und Sprudel bestellt, bekommt eine »Bridge-Kiste«.
Inzwischen sind Ursula Herlemann und ihre Mitspielerinnen an Tisch 3 beim eigentlichen Spiel angelangt. Die Stiche heimst hier keiner mit einem Streich schnöde vom Tisch wie beim Doppelkopf. Jeder behält seine Karte vom Stich und legt sie bei einem gewonnen Stich hochkant, beim verlorenen waagerecht. So ist schnell zu erkennen wie viele der angekündigten Stiche ein Paar geholt hat und wie viele Punkte das Spiel zählt. Beim Bridge hat alles seine Ordnung, ist nichts dem Zufall überlassen.
Nach dem letzten Stich atmet die Runde auf, verliert wenige Woret wie »Hätte ich Karo klein gespielt«. Lange Diskussionen über die Partie gibt es nicht. Ebenso wenig wie die bekannten Vorwürfe beim Doppelkopf á la »Du Penner! Wenn du deinen Hals schon aufreißt und keine 6 ansagst, dann....« Nein, beim Bridge geht es gewählter zu. Schließlich überwiegen hier Blazer vor Blousons, Twinsets vor T-Shirt und Brillis vor Strass – auch wenn hier vom ehemaligen Anwalt bis zur Hausfrau alle Gesellschaftsschichten vertreten sind.
Sollte sich an einem Tisch doch einmal ein Spieler gesittet ereifern, ruft Ursula Herlemann zur Disziplin »Ruhe bitte!« Gerade beim Zählen ist die wichtig. Jedes Spiel wird akribisch auf einem Zettel notiert und mit den vier Blättern in die Nord-, Süd-, Ost- und Westfächer der Boards gesteckt. Fertig.
Keine Atempause
Nächstes Board, neue Partie. Reizen. Spielen. Zählen. Fertig. Keine Atempause. Nächstes Board, neues Spiel.... Bridge ist schließlich seit 1995 olympische Disziplin. Daran lassen die »Bridge-Damen« keinen Zweifel. Zehn bis 15 Minuten dauert eine Partie. Die drei Boards sind schnell durchgespielt. Ursula Herlemann schwingt die Handglocke. »Bitte wechseln!«
Raschelnde Unruhe. Schabende Stuhlbeine. Paare und Boards wechseln die Tische. Spieler greifen zu roten Mappen, sortieren Karten, reizen wortlos. Ein Herr auf West verrät mit einem kurzen Kopfnicken auf Ursula Herlemann: »Es ist so schwierig, gegen seine ehemalige Verlobte zu spielen«. Er zwinkert. Die zwei sind seit 50 Jahren verheiratet. »Eine geniale Spielerin!«, flüstert Gerd Herlemann unbeachtet von seiner Frau. Die spielt nämlich gerade.
Glück hat keine Chance
Und das ist eine ernste Sache. Hier geht es um Matchpunkte und Masterpunkte. Weil jedes Spiel akribisch dokumentiert wird und die Spieler mit den Boards die gleichen Voraussetzungen haben, sind die Leistungen vergleichbar. Ursula Herlemann wertet die Tagesergebnisse aller Spielerinnen mit einem Computerprogramm aus und überträgt sie in eine Rangliste. Ein Kartenspiel ohne Glücksfaktor. Es wäre also völlig unpassend mit einem »Na, dann noch viel Glück« zum nächsten Tisch zu ziehen. Bridge ist reine Kopfsache, Denksport.
Das beteuert auch die Dame auf Ost. Sie kam zum Bridge, als sie das Tennis aufgeben musste. »Kaputte Knie«, sagt sie knapp zwischen zwei Boards. »Hier kann man was tun für seinen Geist. Gucken Sie sich mal um, wie die Damen sich noch kleiden. Die gehen auf die 90 zu, sind fitt und fahren noch Auto. Alles durch Bridge.«
Der letzte Satz geht im Geläut von Ursula Herlemanns Handglocke unter. »Und wechseln!«, schallt es durch den Raum. Spielerinnen wandern, grüßen ihre neuen Gegnerinnen und ziehen ihre Blätter aus den Boards. Reizen. Spielen. Zählen. Die meisten haben noch einen zweiten Club; viele spielen jeden Tag. Mit Sucht hat das aber nichts zu tun, beteuert Ursula Herlemann kurz angebunden. Für Plaudereien ist jetzt keine Zeit. Das Spiel erfordert vollste Konzentration. »Ruhe bitte!«
Durch 20 Partien stürmen
»Wir haben auch unseren Spaß!«, versichert die Bridge-Spielerin, als sie später Boards, Bidding-Boxes und die Handglocke in einem großen Aktenkoffer verstaut. Es sieht wohl für Außenstehende doch nur schlimmer aus, als es ist, wenn die Spielerinnen quasi im Gewaltritt durch mehr als 20 Partien stürmen. »Ein, zweimal im Jahr treffen wir uns außerhalb unseres Termins. Und dann gibt es noch das Weihnachtsessen«, sagt Ursula Herlemann. »Da erzählen wir uns was, da essen wir zusammen, haben Spaß. Und dann spielen wir«.
Ursula Herlemann nimmt den Aktenkoffer mit nach Hause. Dort wird sie die Spiele auswerten und feststellen, dass sie mit ihrer Partnerin Helga Stosch wieder das beste Paar des Tages war. Ehrgeiz? »Nein. Nein! Wir sind viel weniger ehrgeizig als die im offiziellen Bridgeclub«, behauptet die Dame. Dabei legt sie den Kopf zur Seite und lächelt. Ein charmantes Lächeln, aber das kann irgendwie die Szene vom Feldherrenhügel nicht vergessen machen: Energisches Läuten »Haben alle die richtigen Boards?! Und los geht es!« Reizen. Spielen. Zählen. Nächstes Board, neue Partie.