
Jahrzehntelang schlummerte Asbest hinter Deckenverkleidungen in der Uni, Jetzt kommt der Terminator unter den Baustoffen wieder zum Vorschein. Von Mario A. Sarcletti
In den 60er Jahren galt er als die Allzweckwaffe unter den Baustoffen: Asbest sorgt für Brandschutz, er ist säurebeständig, hilft gegen Hitze, Kälte und Lärm. Doch dann wurde klar, dass der Stoff, aus dem die Baumeisterträume waren, tödlich sein kann. Er verursacht Krebs. Diese langen, dünnen Fasern werden in die Lunge eingeatmet, lagern sich dort ab und entfalten physikalische und chemische Reizwirkungen.
Genau diese Fasern finden Experten Ende März in der Decke der Bibliothek der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld. Der Kanzler der Universität, Hans-Jürgen Simm, reagiert prompt und sperrt den Bibliotheksteil gemäß der Asbestrichtlinie des Landes. Im Vordergrund steht die Sorge um die Gesundheit der Mitarbeiter und der Studierenden, begründet Simm die Maßnahme.
Für Juliette Bockslaff vom wissenschaftlichen Personalrat ist die Lage zwiespältig: Es gibt Kollegen, die haben Angst um ihre Gesundheit, berichtet sie. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die sich Sorgen um ihre Projekte machen, weil sie zur Zeit nicht an die Bücher kommen, fügt sie hinzu.
Nach dem ersten Asbestfund fahndet die Universität mit Hochdruck nach dem Terminator vom Bau. Und findet Mitte April in der Bibliothek der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, ebenso wie später in anderen Teilbibliotheken, Asbestfasern in Raumluft und Staubproben. Auch die LiLi-Bib wird vorübergehend geschlossen.
Woher die Fasern kommen ist ein Mysterium. Denn anders als in der Geschichtsbibliothek finden die Gutachter hier kein Spritzasbest, das die Fasern eher als etwa Asbestplatten freisetzt. Vielleicht ist ja ein Computer von einem Teil in einen anderen getragen worden. Und dabei sind Asbestfasern mittransportiert worden, vermutet Reinhold Peter vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB).
Da die großräumige Bibliothek anders gebaut ist als der Rest der Uni hoffen die Verantwortlichen anfangs, dass nur dort Asbest verspritzt wurde. Doch Ende April stoßen die Asbestdetektive auch in zwei Bürotrakten des S-Zahnes auf Spritzasbest, später auch im T-Zahn. Wieder lässt Kanzler Simm die Trakte räumen. Nachdem die Raumluft ohne Befund ist, können die Mitarbeiter die Büros wieder nutzen. Nach der Asbestrichtlinie aber nur für vier Stunden pro Tag, erst nach Abkleben der Decken stehen die Räume wieder uneingeschränkt zur Verfügung. Innerhalb von drei Jahren müssen sie dann saniert werden.
Die Richtlinie legt zudem fest, dass bis zu 1000 Fasern in einem Kubikmeter Luft enthalten sein dürfen, ehe ein Raum gesperrt werden muss. An der Universität liegt der höchste Wert bei 196 Fasern. Volker Mersch-Sundermann, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Uniklinik Freiburg, sagt, dass der Grenzwert keine Sicherheit bietet: »Im Prinzip sagt man, dass es bei Krebs erzeugenden Stoffen keinen unteren Wirkungsschwellenwert gibt. Das heißt, auch kleine Mengen sind gefährlich.
Trotz der verhältnismäßig niedrigen Grenzwerte - bis zum Asbestverbot waren Arbeiter nicht 1000, sondern Millionen Fasern pro Kubikmeter Luft ausgesetzt - äußert Kanzler Simm auch Verständnis für besorgte Mitarbeiter. Von denen wundern sich einige, dass der Spritzasbest erst jetzt entdeckt wurde. Schließlich sorgten bereits 1989 Asbestfunde in der Mensa für Unruhe.
Böse Überraschung
Reinhold Peter kann nur mutmaßen, warum der Terminator unter der Decke bei vorherigen Untersuchungen nicht entdeckt wurde: »Ich vermute mal, und das sind wirklich Vermutungen, dass die Gutachter davon ausgegangen sind, dass da kein Spritzasbest verwendet wurde. Die sind wohl einfach von der Unschuldsvermutung ausgegangen und hatten nicht den Anlass nach Spritzasbest zu suchen«, glaubt Peters.
Ein möglicher weiterer Grund für die böse Überraschung Ende März könnte sein, dass seit den 90er Jahren nur gut dreißig Bereiche untersucht wurden. Nach dem Asbestfund hingegen wurden bis Redaktionsschluss dieser ›Viertel‹ über 500 Proben genommen, weitere folgen. Sollte dabei nicht nur in den ältesten Teilen des Gebäudes, eben S und T, Spritzasbest entdeckt werden, hätte die Hochschule ein echtes Problem.
Da dürfte es für die Verantwortlichen kein Trost sein, dass der Terminator auch im Max-Planck-Gymnasium wieder zurück ist: Dort wurde Anfang Mai - allerdings gebundener - Asbest im Putz gefunden. Ein schwacher Trost könnte eher sein, dass die geplante Sanierung des gesamten Gebäudes schneller erfolgen könnte als ursprünglich geplant. Bereits im Sommer hofft der BLB den Grundstein für ein dafür nötiges Ausweichgebäude auf einem Uniparkplatz legen zu können.