Leierlinse, senile Bettflucht und Alterweisheit: Jens Kirschneck stellt sich den Herausforderungen des Alterns
Bald ist wieder ein Jahr vorbei. Und wieder sind wir nicht jünger, sondern älter geworden. Früher fanden wir das großartig, weil es mit jedem dazu gewonnenen Jahr neue Errungenschaften zu feiern gab: Filme ab 12, Filme ab 16, endlich saufen dürfen, Führerschein, erstes Auto, wählen dürfen, gewählt werden dürfen, zweites Auto, erster Job, schließlich: Girokonto nach 20 Jahren raus aus dem Dispo, herzlichen Glückwunsch. Mittlerweile aber wird einem klar, dass das mit dem Älterwerden durchaus seine Fußangeln hat.
Nur selten verdichtet sich diese Erkenntnis so exemplarisch wie bei meinem Kollegen Tim, der seit einer Ewigkeit mehr oder weniger erfolgreich im Rock’n’Roll-Geschäft tätig ist. Doch als er neulich von einem Auftritt mit seiner Band zurückkehrte, war da ein zutiefst melancholischer Zug um seinen Mund. »Wie war’s?«, frage ich arglos. »Ganz gut«, meint er nur. »Du siehst aber nicht so aus«, sage ich. »Doch, doch«, gibt er mit dem selben traurigen Ausdruck zu Protokoll. »500 Leute, drei Zugaben, alles in Ordnung.« »Hast du mit 5000 Leuten und 30 Zugaben gerechnet?«, frage ich ihn. »Nö«, meint er, »alles in Ordnung.« Aber natürlich war gar nichts in Ordnung.
Das Problem, so stellte sich nach längerer Inquisition heraus, war die Vorband. Nicht, dass sie Tim und die Seinen an die Wand gespielt hätte, sie hatte ihr Gift subtiler, weil ohne Absicht verspritzt. Zwei Stunden vor dem Auftritt hatte ihr Gitarrist, ein junger Spund, schüchtern an die Tür der Garderobe geklopft, verlegen von einem Bein aufs andere getreten und gesagt: »Entschuldigen Sie die Störung, aber wie lange brauchen Sie für den Soundcheck?« Das saß. Entschuldigen SIE die Störung… Im Rockkontext. Er hätte gleich sagen können: Darf ich IHNEN auf die Bühne helfen? Können SIE den Bass noch halten? Benötigen SIE einen Stuhl? Ein Lätzchen zum Sabbern? Und machen SIE sich bitte keine Sorgen, hinter der Bühne steht ein Defilibrator, für alle Fälle.
Nahende Einschläge
Ich konnte Tims Melancholie gut verstehen. »Die Einschläge kommen näher«, pflegt er in solchen Fällen zu sagen, und damit ist nicht nur, aber auch gemeint, dass die ersten Weggefährten von früher nun die Radieschen von unten betrachten oder zumindest die dritten Zähne brauchen.
Selten ist mir der irreversible Verwitterungsprozess, dem der Körper unterliegt, deutlicher vor Augen geführt worden als vor einigen Wochen bei einem Besuch beim Optiker. Dabei verortete die Angestellte das Ausmaß meiner Fehlsichtigkeit und meinte: »Na ja, ein Sehteil braucht er noch nicht.« Ich erkundigte mich höflich, was es mit einem Sehteil auf sich hätte, und bekam zur Antwort, ein Sehteil sei ein Ausgleichsteil, eine Linse in der Linse, dazu da, die aufkommende Weitsichtigkeit eines eigentlich Kurzsichtigen auszubalancieren. Das Sehteil sei dabei aber nur das letzte Mittel, sozusagen der finale Rettungsschuss unter den in Frage kommenden Strategien. »Wir haben verschiedene Möglichkeiten«, sagte die noch junge Optikerin. »Über 40 möchte man manchmal etwas weniger Minus.« Dioptrin, meinte sie, aber irgendwie – man nenne mich paranoid – klang es, als könne sie dem künftigen Greis vor ihrer Nase auch eine Pi mal Daumen vermessene Brille andrehen, käme ja eh nicht mehr richtig drauf an. »Wie kommt es eigentlich?«, fragte ich, »dass ich weitsichtig werde, wo ich eigentlich kurzsichtig bin?« »Das nennt man Presbyopie«, plapperte die Brillenfachangestellte, »Alterssichtigkeit.« Spätestens an diesem Punkt hätte ich schweigen sollen, doch ich fuhr fort: »Und was habe ich mir darunter vorzustellen?« »Wenn Sie es genau wissen wollten«, sagte die Frau, »leiert Ihre Linse allmählich aus.« Das war dann doch etwas zu genau. Ich spürte Trauer. Wut. Aber auch Zorn. Gähnte zynisch und sagte: »Pardon, aber ich bin heute ein wenig müde. Die senile Bettflucht hat mich im Griff.« Das sollte ein Scherz sein, aber die Optikerin nickte nur mitleidig.
Vergessen vom Herrgott
In diesem Zusammenhang klingt es fast wie eine Drohung, wenn meine Hausärztin sagt: »Wir können ja heute fast alle 90 werden.« Schön und gut, aber ist das mit Lätzchen und Leierlinse nicht nur noch der halbe Spaß? Außerdem wird es, je weiter das Alter voranschreitet, immer einsamer um einen herum. Zur Abschreckung sei vom Schicksal der S. berichtet, einer alten Dame aus meiner Heimatstadt, die irgendwann mangels Gefährten in ihrer eigenen Liga spielte. 97-jährig erhängte sie sich, daneben ein Abschiedsbrief: »Der Herrgott hat mich vergessen.«
Mein eigener Großvater hingegen fiel in seiner letzten Lebensphase mit Äußerungen auf, die selbst meine Oma als Vorsitzende der familieninternen Dechiffrierabteilung nicht mehr verstand. Man musste dann einfach so tun, als sei alles normal. »Kommst du mit dem Flugzeug oder aus Uchte?«, fragte er einmal meinen Vater. »Aus Uchte«, antwortete mein Vater, was völliger Quatsch war, aber der alte Mann war zufrieden. Meine Oma, nicht die von eben, sondern die andere, litt lange Jahre an Osteoporose. Am Ende war sie nur noch 1,30 Meter groß und sah aus wie ein U, doch blieb ihr Geist scharfsinnig bis zum Schluss. Als es mit ihr zu Ende ging, arbeitete ich an meinem ersten Buch, einem Wälzer über Arminia Bielefeld, und litt an einer Schreibblockade. Ich war verzweifelt und schon kurz davor aufzugeben, als ich Oma im Krankenhaus besuchte. Nachdem ich ihr von meinem Problem berichtet hatte, raffte sie sich mit letzter Kraft auf, wuchtete ihren ausgemergelten, u-förmigen Körper nach oben, packte mich am Kragen und rief: »Das Buch muss raus«. Es versteht sich von selbst, dass ich gehorchte.
Info:
Jens
Kirschneck ist von Bielefeld nach Berlin emigriert. Dort arbeitet der
42-Jährige als Redakteur beim Fußballmagazin 11 Freunde. In Bielefeld brachten
er mit der Kolumne ›Tragik im Alltag‹ Generationen von StadtBlatt-Lesern zum
schmunzeln, schrieb ein Buch über Arminia und gründete die Lesebühne
›Zirkeltraining‹, deren gleichnamiger Geschichtenband 2004 im Verbrecher
Verlag erschienen ist.