Webwecker Bielefeld: Neue Heimat Amerika? (01.10.2008)

Neue Heimat Amerika? (01.10.2008)



Investitionsruine Amerikahaus: Sie soll durch die Stadtbibliothek aufgewertet werden. Foto: Gabor Wallrabenstein


Heftiger Streit über den Standort der Stadtbibliothek – Die ›Linke‹ sammelt für ein Bürgerbegehren, die ›Grünen‹ sprechen von Demagogie. Von Benni Stiesch


»Sind Sie gegen den Abriss der Stadt­bibliothek?« Mit dieser Frage bestürmen Parteimitglieder der ›Linken‹ seit Wochen Passan­ten vor der Stadtbibliothek in der Wil­helmstraße. Sie wollen 12.000 Unter­schriften für ihr Bürgerbegehren sammeln, damit die Bücherhalle an ihrem bewährten Standort bleibt. Ende August hatten sie bereits rund 8.000 zusammen. Klaus Rees von den ›Grünen‹ nennt das Vorgehen der Linkspartei Demagogie. »Die meisten wissen nicht, was sie unterschreiben«, sagt der Ge­schäftsführer der grünen Ratsfraktion. Von Abriss kann seiner Meinung nach keine Rede sein. Es gehe vielmehr um kostengünstigere Alternativen.

Zum Ausgangspunkt: Jeder, der die Biblio­thek an der Wilhelmstraße kennt, weiß nur zu gut, dass sie dringend saniert werden muss. Seit dem Einzug Ende der 70er Jahre hat  in die ehemalige Kreissparkasse die Stadt kaum einen Cent in das Gebäude gesteckt. Was sich heute rächt. »Energetisch ist das Gebäude eine Katastrophe«, meint nicht nur Klaus Rees.

David prescht vor

Seine Fraktion hat im November 2006 die Bibliothek und ihre mögliche Sanierung zum Thema im Stadtrat gemacht. Gleich­zeitig hatte die ›Bürgergemeinschaft für Bielefeld‹ (BfB) den Antrag gestellt, sich vom jetzigen Standort zu lösen. Die Sanierung sei zu teuer und wenig zielführend. Die Ver­waltung präsentierte dem Rat Monate später verschiedene Varianten. Von einer einfachen Renovierung ohne Extras, 8 Millionen Euro, bis hin zu einer Aufstockung des öffentlichen Bereichs um eine Etage für 21 Millionen Euro. Über das weitere Vorgehen sollte ein interfraktioneller Arbeitskreis entscheiden.

Was dieser Arbeitskreis ausgetüftelt hatte, erfuhr die Öffentlichkeit Ende 2007 vom Oberbürgermeister Eberhard David (CDU). Der sprach von einen Haus der Kultur, das sowohl das Stadtarchiv, die Bibliothek als auch die Kunst- und Musikschule beinhalten soll. Als neue Heimat nannte er das Amerika-Haus am Neumarkt. David überraschte mit dieser Rede vor den »Freunden und För­derer der Stadtbibliothek« die Öffentlichkeit. Denn bis dahin hatte noch niemand die Notwendigkeit eines solchen Hauses angemeldet. Auch das ausgesuchte Objekt verwunderte viele. Denn bis dahin war das Amerika-Haus den Bielefeldern vor allem als Investitionsruine bekannt.

Jahre zuvor waren Pläne gescheitert, das Amerika-Haus zusammen mit dem Neu­markt, dem Haus Paulus-Straße 4 und der Alten Post zu einer Einkaufszone aufzuwerten. Alle genannten Gebäude gehören dem HfS-Fond, der bis heute dieses Ensem­ble nur als steuerlich Abschreibungsobjekt nutzen konnte.

Goldene Brücke für Investor

Warum David so unvorbereitet die Ergeb­nisse des Arbeitskreises ausgeplaudert hat,  dahinter vermutet Barbara Schmidt von der ›Linken‹ ein schlechtes Gewissen. Was die Stadt den Bibliotheken in den letzten 20 Jahren abgefordert habe, sei erschreckend: Stadtteilbibliotheken seien geschlossen worden oder nur mit ehrenamtlichen Kräften offen zu halten. Und die mobile Bibliothek sei abgeschafft. »Da macht es sich gut, wenn man den Büchern eine neue Heimat verspricht«, so die Ratsfrau. Und ganz nebenbei baue die Stadt einem Investor eine goldene Brücke in die Zukunft.

Die Vertreter der anderen Parteien sehen das anders. Die Bibliothek benötige während der Renovierungsphase auf jeden Fall ein Ausweichquartier. Hierbei sei man auf das Amerika-Haus gekommen. Es ist das einzige Gebäude, das eine entsprechend große Fläche im Zentrum anbiete, betont Rees. Hierbei habe sich gezeigt, dass die Nutzung dieses Hauses für die nächsten 20 Jahre billiger käme, als wenn man selber baue und zweimal umziehe.

Gerade diese genaue Abwägung bezweifelt die ›Linke‹. »Im eigenen Haus wohnt es sich auf Dauer billiger«, sagt Schmidt. Dass jetzt günstige Konditionen vorliegen, bedeute nicht, dass dies in 40 oder 100 Jahren noch der Fall sei. Gebe man das städtische Ge­bäude an der Wilhelmstraße auf, gerate man in eine Abhängigkeit, aus der man nicht mehr raus komme.

Rechnung nicht prüfbar

Für Aussenstehende bleibt die Aussage schwer nachprüfbar, ob die Lösung Ameri­ka-Haus kostengünstiger ist als ein Eigen­bau. So wurde zwischen den Partnern Stillschweigen über die Vertragsinhalte vereinbart. Bekannt ist nur, dass eine indexierte Steigerung der Miete von 1,5 Prozent für die nächsten 20 Jahre vereinbart wurde. Zu welchen Konditionen die Stadt in 20 Jahren neue Verträge für Stadtbibliothek, Stadt­archiv, Rechnungsprüfungsamt und  KfZ-Zu­­lassungsstelle bekommt, ist hingegen offen.