Webwecker Bielefeld: Eiserner Kanzler muss weichen (01.10.2008)

Eiserner Kanzler muss weichen (01.10.2008)



Mitte September noch eine Baustelle: Der Skulpturenpark der Kunsthalle. Foto: Manfred Horn


Zum 40-jährigen Jubiläum gestaltet die Kunsthalle den Park neben dem Gebäude nach den Plänen von Philip Johnson um. Der war jedoch überzeugter Nationalsozialist. Ein Bericht von Manfred Horn

 

Der eiserne Kanzler Otto von Bismarck muss weichen, sei es drum. Der Park neben der Kunsthalle wird umgestaltet. Zum 40. Geburtstag Ende September lässt sich die Kunsthalle beschenken: mit einem veränderten Skulp­tur­enpark für 475.000 Euro. Dafür halten die Originalpläne des Kunst­hallen-Architekten Phi­lip Johnson her.

Der 1906 geborene Johnson gilt als einer der bedeutensten Architekten der Moderne. Doch der US-Amerikaner war zumindest einige Jahre aktiver Rechtsextremist. John­son begeistert sich früh für die Kunst. Bereits Anfang der 1930er stellt er im gerade ge­gründeten, später weltberühmten ›Muse­um of Modern Arts‹ in New York aus. 1933 kommt er zum ersten Mal ins Deutsche Reich – und ist gefesselt vom »nationalsozialistischen Schauspiel«. Fasziniert schwärmt er von »all those blond boys in black leather«.

Dabei bleibt es nicht. 1934 gründet er in den USA die ›National Party‹, einem unverhüllten Abklatsch der ›NSDAP‹. Der Erfolg bleibt aus. Doch Johnson lässt nicht locker. Statt Häuser zu planen, treibt er sich im Sumpf rechtsextremer Gruppierungen her­um. So tritt er gegen Abtreibung und für Wachstum der weißen Bevölkerung auf.

»Ein erregendes Schauspiel«

Ende 1939 fährt er ins besetzte Polen, akkreditiert als Korrespondent für eine rechtsextreme US-Zeitung. Er schreibt einen Brief an die als Journalistin getarnte NS-Agentin Viola Bodenschatz, mit der er zuvor in Polen unterwegs war: »Ich ging über den selben Platz, an dem wir damals getankt hatten, er war nicht wiederzuerkennen. Die grünen Uniformen der Deutschen sorgten dafür, dass der Ort fröhlich und glücklich wirkte. Juden waren nicht viele zu sehen. Wir sahen Warschau in Flammen und die Bom­bar­dierung von Modlin. Es war ein erregendes Schauspiel«.

1940 gibt er seine politischen Am­bitionen auf. Er wendet sich wieder der Architektur zu – und entwirft monumentale Bauten, die einige Kritiker als »postfaschistisch« bezeichnen. Gut 20 Jahre später, Mitte der 60er Jahre, überzeugt ihn Rudolf August Oetker, die Kunsthalle zu entwerfen. Die Stadt hat nichts dagegen, die Familie Oetker ist einflussreich und finanziert einen Teil des Kunsthallenbaus.

Oetker setzt auch durch, dass die Kunsthalle ›Richard-Kaselowsky-Haus‹ heißen wird, in Gedenken an seinen Stiefvater Richard Kaselowsky. Der aktive Nazi und Förderer der SS kam bei einem Bombenangriff Ende des zweiten Weltkriegs um. Erst seit 1998 ist der Name per Ratsbeschluss wieder aus der Kunst­halle gestrichen.

Das nun die Kunsthallen-Leitung den Park nach seinem Architekten Philip Johnson benennen wollte, sorgte bei den Grünen, der Links­partei und der Bürgernähe für Protest. Eine Ver­waltungsvorlage, die den Namen vorschlug, wurde daraufhin dezent zurückgezogen. Die Kunsthalle spricht ebenfalls von ei­nem »Ar­beitstitel« und distanziert sich inzwischen von ihm. Die Verwechselungsge­fahr sei zu groß. Kunst­laien könnten denken, es handele sich um einen Park, in dem Skulp­turen von Philip Johnson ausgestellt seien. Auch die politische Geschichte des Archi­tekten habe schließlich eine Rolle gespielt, erklärt die Kunsthalle. Übrig bleibt der schlichte Name ›Skulp­turenpark der Kunst­halle Bielefeld‹.

Park für die Nazi-Opfer

Die ›Bürgernähe‹ schlägt hingegen vor, mit dem Park die Opfer der Naziherrschaft zu ehren und den Park nach einem Opfer zu benennen. Als Beispiel nennt sie Josepha Metz, in Bielefeld aufgewachsene Ma­lerin, die nach Theresienstadt deportiert wurde und das Konzentrationslager nicht überlebte. »Für die Gestaltung eines solchen Gedächtnisortes könnte man sicher einen der berühmten Johnson-Schüler gewinnen«, sagt Martin Schmelz, Ratsmitglied der Bürgernähe. Sowohl Peter Eisenman, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin entworfen hat, wie auch Frank O. Gehry, der in Herford das Museum MARTa schuf, sind jüdischen Glaubens und waren nach dem Krieg Schü­ler Johnsons.

Kenner der Szene sagen Frank O. Gehry nach, er habe den Auftrag für das MARTa in Herford nur übernommen, um sich an der Kleingeistigkeit der Familie Oetker zu rächen. Denn die hatte mit ihrem Einfluss einen Erweitungsbau der Kunsthalle Mitte der 90er Jahre verhindert, den Frank O. Geh­ry bauen sollte und für den er sogar schon Pläne angefertigt hatte.

Klaus Rees, Fraktionsvorstand der ›Grünen‹ im Rat, hat sich ebenfalls deutlich gegen die Bezeichnung ›Philip Johnson Park‹ ausgesprochen. Von der Idee, in dem Park die Opfer der Naziherrschaft zu ehren, hält er aber wenig. »Ich bin gegen eine Instrumen­talisierung der Opfer als Gegenentwurf zu einem untauglichen Namen«, sagt er, »wenn wir die Opfer ehren wollen, dann an einem würdigen Platz«.