
Der Bielefelder Westen hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Bernd J. Wagner blickt 100 Jahre zurück auf Menschen und Häuser
1901 hatten die Leute im Bielefelder Westen die Nase voll. Engagierte Bewohner gingen von Haus zu Haus und sammelten Unterschriften für einen Wochenmarkt. Wie lange sie gesammelt haben, ist nicht bekannt. Aber das Ergebnis ließ sich sehen: 2.000 Menschen wollten nicht länger »im heißen Sommer oder bei strömendem Regen oder strenger Kälte« über den Bürgerweg, der heutigen Stapenhorststraße, zum Marktplatz am Niederwall gehen oder seit 1900 sogar bis zum Neumarkt zwischen Kesselbrink und Paulusstraße. Der Marktplatz am Niederwall wurde wegen des Neubaus von Rathaus und Stadttheater aufgegeben.
Müllhalde Siegfriedplatz
Ein neuer Markt im Bielefelder Westen? Die Stadtverordneten waren skeptisch. In Schildesche und Gadderbaum hatten sie mit besonderen Markttagen schlechte Erfahrungen gemacht. Doch die Menschen im Bielefelder Westen ließen nicht locker. Früher, so berichteten sie, hätten noch viele Leute etwas »Gartenland zur Erzeugung von Gemüse« gehabt, heute seien dagegen die meisten Bewohner auf Markthändler angewiesen. Außerdem sei Schildesche oder Gadderbaum nicht mit dem Bielefelder Westen zu vergleichen: In diesem Stadtteil wohnten rund 18.000 Menschen.
Der Stadtteil endete um 1900 an der Kriemhildstraße. Die Rolandstraße ging von dort über die Wittekind- zur Siegfriedstraße. Stadteinwärts befand sich eine größere, brach liegende Fläche fast bis zur Friedrichstraße. Die Weststraße verband damals erst die Werther Straße mit dem Bürgerweg. Der Siegfriedplatz, der von den Anwohnern als Marktplatz auserkoren war, machte »einen schauderhaften Eindruck.« In einem Leserbrief schrieb ein Anwohner: »Nicht allein, dass derselbe von Mensch und Tier auf alle Art verunreinigt wird, benutzt man ihn auch zur Ablagerung von allerhand Schund und sonstigen Raritäten.« Dort, wo heute die Glaspyramide der Stadtbahn steht, moderte ein baufälliger Kotten. Das ganze Viertel spottet über das alte Gehöft, weil es seit Jahren abgerissen werden sollte, aber nie etwas passiert war.
Seltener Luxus: Badezimmer
Wer wohnte damals im Viertel? An der Siegfriedstraße waren es vor allem Metallfacharbeiter wie Schlosser, Dreher oder einfach nur ›Fabrikarbeiter‹, die in den zahlreichen Firmen rund um den Hauptbahnhof arbeiteten. Natürlich gehörte die Nähmaschinenfabrik Kochs Adler dazu, aber auch die Metallfabrik der Gebrüder Dickertmann. Beide Firmen prägten den Stadtteil zwischen Arndt- und Jöllenbecker Straße bis der Ostwestfalendamm gebaut wurde. Metallarbeiter zählten um 1900 zu den am besten verdienenden Facharbeitern Bielefelds. Ihr Lohn lag um bis zu 30 Prozent höher als in der Textilindustrie. Häuser bauen oder kaufen konnten sie aber wohl nur fern der Innenstadt – zum Beispiel im äußersten Westen der Stadt rund um die Kriemhildstraße.
In der Nachbarschaft wohnten Tischler, Schuhmacher und andere Handwerker. Von den gut 60 Häusern in der Siegfriedstraße gehörten 20 Metallfacharbeitern und fast ebenso vielen Handwerker, von denen acht als Meister selbstständig oder angestellt beschäftigt waren. In den Häusern 15, 45 und 53 befanden sich Kolonialwarengeschäfte. Sie verkauften zum Beispiel Kaffee, Tee und Schokolade. Zwei Straßen weiter, an der Friedrichstraße, boten übrigens gleich fünf Kolonialwarenhändler ihre Waren an. In dieser Straße gehörte kaum ein Haus einem Metallfacharbeiter. 23 der 47 Hauseigentümer waren Handwerker.
In den meisten Häusern lebten mehrere Familien oder Parteien. So boten die zweigeschossigen Häusern an der Siegfriedstraße Platz für vier Wohnungen mit jeweils einer Küche und zwei bis drei kleineren Zimmern. Die Wohnungen waren in der Regel nicht größer als 40 bis 60 Quadratmeter. Vor allem die kleineren Häuser im äußersten Westen hatten keine Toiletten. Entsprechende Örtlichkeiten befanden sich im Garten. Natürlich fehlte eine Wasserleitung; ein Krug Wasser musste langen.
In den größeren Mehrfamilienhäusern an der Friedrich-, Siechenmarsch- und Arndtstraße teilten sich die Mieter in der Regel moderne WC auf halber Treppe. Badezimmer waren Luxus und daher selten. Dafür gingen die Menschen mit Handtuch, Seife, Kamm und Portemonnaie ins städtische Brausebad in der Siechenmarschstraße 10. Einige Häuser weiter (Hausnummer 16) gab es eine Kur-Badeanstalt verbunden mit einem Bierverlag. Ob nach dem Bad das Bier gemeinsam im Bademantel getrunken wurde, ist leider nicht überliefert.
Ende des 20. Jahrhunderts war im Bielefelder Westen viel gebaut worden. Häuser hatten die Gärten verdrängt, aus denen sich die Bewohner mit Gemüse versorgt hatten. Dieser Verlust machte aus ihrer Sicht einen Wochenmarkt im Westen notwendig. 1903 lenkte die Stadtverwaltung ein und erklärte, dass der Markt ab dem 1. Juli auf dem Siegfriedplatz an jedem Mittwoch und Freitag stattfinden sollte. Allerdings nur »versuchsweise«, wie es in den Akten heißt, denn die Verwaltung wollte erst abwarten, ob sich »diese Einrichtung« auch bewährt.
Der Markt wurde angenommen. Klagen sind nicht bekannt. Die Händler hatten sich bereits im Vorfeld für den Markt beworben und wurden wohl nicht enttäuscht. Und für das Viertel war der Wochenmarkt ein Glücksfall. Der Siegfriedplatz wurde von Unrat geräumt und Instand gesetzt. Jetzt war der Platz auch bei schlechtem Wetter begehbar.
Die Weststraße wurde noch vor dem Ersten Weltkrieg über die heutige Stapenhorststraße hinaus bis zur Jöllenbecker Straße verlängert und an der südlichen Seite des Platzes mit Häusern bebaut. 1913 genehmigte der städtische Magistrat die Bürgerwache mit dem Dienstgebäude des staatlichen Eichamtes, des Postamtes und der Polizeistation. Das imposante Gebäude, das bis heute den Platz prägt, konnte noch vor dem Ersten Weltkrieg bezogen werden.
Krieg bremst Stadtbahn aus
Das Viertel entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg rasant. So rasant, dass die Stadt beschloss, eine Straßenbahnlinie vom Jahnplatz aus über die heutige Stapenhorststraße bis zur Bossestraße zu bauen. Im Juli 1914 lagen die Materialien für den Bau bereit. Als im August der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde das Projekt sofort gestoppt und die Schienen und Schwellenhölzer kassiert. Das Viertel musste gut 80 Jahre auf die Linie 4 warten.