
Ein neuer Bielefeld-Krimi ist erschienen. Sabine Ernst begibt sich ins Innere des Täters. Matthias Harre hat nachgeschaut
Krimis ohne lokalen Bezug? Gibt’s die überhaupt? Sehr selten, gehört doch oft gerade die lokale Besonderheit des Tatorts zum unverzichtbaren Kitzel eines Gänsehaut erzeugenden Kribbelns. Und das benötigen Leser und Leserinnen zum Verschlingen von Kriminalromanen ja unabdingbar.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich auch in Bielefeld in jüngster Zeit gleich mehrere Autoren tummeln, die ihre Ermittler zwischen Lohmannshof und Heepen, Brackwede und Jöllenbeck nach Spuren, Tätern und Motiven schnüffeln lassen.
Jürgen Siegmann und Monika Detering erweckten in letzter Zeit - auch in der ›Viertel‹ besprochen - mit ihren »Bielefeld-Krimis« lokales Aufsehen. Jüngstes Beispiel dieser Entwicklung ist »Kaltes Nest«, der Erstling von Sabine Ernst.
Der Klappentext weist Ernst als »Autorin und Texterin aus dem Kulturbereich« aus, was die ebenso wohlklingende wie unpräzise Umschreibung dafür ist, dass die meisten Krimischöpfer nur nebenbei morden lassen können. Buchauflagen und -einnahmen erwirtschaften selten mehr als die Heizkosten, die beim Schreiben anfallen.
Aber worum geht’s? Einheimische sind in Gefahr, mit dem Titel schnell die meteorologischen Verhältnisse am Teutoburger Wald zu assoziieren, »Kaltes Nest« aber meint dann doch eher die Umstände, unter denen der Täter im Innern wie auch im Äußeren leidet. Ernst begibt sich tief hinein in die Psyche des Täters, notiert verwirrend Verwirrtes und lässt ihn dann und wann auch seine Gedanken selbst formulieren.
Erschwerter Dienst im ostwestfälischen Novembernebel
Auch das kriminologische Personal kommt nicht ohne anständige Macken daher. Kommissarin Hanna Brandt und Kollege Alexander Abendroth tragen nicht nur sprechende Namen, sie verhalten sich auch so. Und so fehlen nicht die Verweise auf die stetig lauernden Gefahren des Alltags: Nikotin- und Alkoholmissbrauch belasten die Teamarbeit, unmenschliche Arbeitszeiten im feuchten Bielefelder Biotop gefährden Knie- und Armgelenke, dienstliche Beziehungen schwappen ins Private, die ostwestfälischen Novembernebel erschweren den Dienst.
Kein Wunder also, dass auch die Psyche der Beamten im Laufe der Ermittlungen durchlässig wird. Immerhin geht es um eine Überfallserie auf Frauen, vier werden brutal zusammengeschlagen, bevor sich um Opfer fünf und sechs dann die Mordkommission kümmern muss. Da laufen eine Menge Fäden durcheinander, aber Sabine Ernst schafft es durchaus, sie am Ende zu einem soliden Zopf zu flechten, der Roman überzeugt besonders durch seine Vielschichtigkeit.
Und doch, wenn der Kollege von der Spurensicherung im ernsten Männergespräch verkündet: »Wir haben alle unsere weichen Stellen«, so gilt das auch für Sabine Ernsts Krimi-Erstling. Sicherlich sind stilistische Feinheiten oft Geschmackssache, ein etwas sorgfältigeres Lektorat, besonders im Hinblick auf die layouterische Absetzung der unterschiedlichen Erzählperspektiven innerhalb der Kapitel, hätte die Lektüre erfreulicher gemacht.
Info: Sabine Ernst, Kaltes Nest. Bielefeld 2008, Pendragon Verlag, 256 Seiten, 9,90 Euro