Webwecker Bielefeld: Offenes Herz in harten Zeiten (01.10.2008)

Offenes Herz in harten Zeiten (01.10.2008)



»Die Bürgerwache ist etwas ganz besonderes«, sagt Maria Eickermann, »sonst würde ich hier auch gar nicht arbeiten«. Foto: Manfred Horn


Die Bürgerinitiative Bürgerwache ist 30 Jahre alt geworden und hat wieder mal das Feiern vergessen. Woran das liegt, hat Silvia Bose ermittelt

 

Wenn nur die Wolken nicht wären. Fett und dunkel von Regen wie so oft in diesem Sommer. Der zerfurchte Himmel gräbt Sorgenfalten auf Maria Eikermanns Stirn. »Bei gutem Wetter bin ich entspannter«, sagt die Wirtin der ›KaffeeWirtschaft‹ in der Bürgerwache. Wieder muss sie angesichts drohender Regenschauer entscheiden, ob es sich lohnt, die Außengastronomie zu öffnen. Maria Eikermann steht hinter der Theke und blickt durch das große Bogenfenster – vom Himmel runter auf den Platz.

An den Tischen vor der Wache haben sich ein paar Frauen gesetzt. Sie quatschen und stecken ihren Kindern nebenbei Zwieback zu. Eins krabbelt brabbelnd auf die Stufen zu. Ein aufmerksamer Zeitgenosse rückt sein Dosenbier zur Seite. Hinten auf dem Platz kreuzen ein paar Radfahrer. Sie ahnen nichts von schweren Entscheidungen. Im Gegen­teil. Immer mal wieder kommen ganz Pfiffige auf die Idee, die Finanzierung der Bürgerwache kritisch zu hinterfragen. »Die verdienen sich mit der Kneipe eine goldene Nase und kriegen auch noch Geld von der Stadt«, heißt es immer wieder.

Von wegen goldene Nase

Fehleinschätzungen zur Wache sind ungefähr so alt wie die Bürgerinitiative Bürgerwache – 30 Jahre. Und ebenso lang ist der Kampf des Vereins um Überleben, Förderung und Unabhängigkeit. Gegründet haben den Ver­ein SPDler aus dem Viertel 1978, mit dem Ziel ein Bürgerzentrum in freier Trägerschaft zu öffnen. Parteifreunde im Ratshaus favorisierten aber ein städtisches Gemeinschafts­haus. Als der Rat über das Konzept für die Bürgerwache abstimmte, siegte die Partei­raison. Da hoben auch die Genossen aus dem Westen ihre Hand für das Gemeinschafts­haus.

Statt offenes Bürgerzentrum mit inhaltlicher Arbeit also die günstige Variante: Ge­meinschafts­haus mit Schlüsselservice. Maria Eikermann hat noch die letzte Zeit dieser schwierigen Startphase mitbekommen. 1991 war das. Der Golfkrieg hatte sie in die Bürgerwache verschlagen. Nach einer Demo auf dem Jahnplatz hatte sie mit vielen anderen entsetzen Menschen diskutiert, was gegen den Krieg zu tun sei. Hier in Biele­feld. Ganz konkret. Und sie beschlossen in der Bürgerwache ein Koordinationsbüro zu gründen.

Damals hatte die Bürgerinitiative noch keine eigenen Räume. »Wir mussten alles anmieten – ob nun für das Koordinationsbüro, den Altenclub oder den Marktklön«, sagt Maria Eikermann. Geändert hat sich das erst 1994, als der Verein das Haus in freier Trägerschaft von der Stadt übernommen hat. Seitdem zahlt die Stadt der Bürgerinitiative einen Betriebskostenzuschuss. Im Gegensatz zum Betriebskostenzuschuss hat sich Maria Eiker­mann weiter entwickelt. Sie ist mittlerweile die Chefin der ›KaffeeWirtschaft‹.

Ups... Da ist doch ein böses Wort rausgerutscht. »Chefin« hört Maria Eikermann nämlich gar nicht gern. Ihr ist das Team wichtig, wie allen im Haus. Hier gibt es noch immer keinen richtigen Chef – weder in der ›KaffeeWirtschaft‹ noch im Verein. »Natür­lich ist das schwierig und anstrengend alle im Zaum zu halten, so dass der Laden läuft und alles funktioniert«. Es klappt. Für Maria Eiker­mann ist dieses Miteinander in der Wache »leben von politischen Konzepten«. Und das unterscheide die Wache von anderen Zentren oder anderen Arbeitgebern.

 Kaffeewirtschaft überlebenswichtig

Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen muss die 57-jährige Wirtin trotzdem. Die ›KaffeeWirtschaft‹ öffnen oder nicht ist nämlich eine Frage des Überlebens. Denn die Bürgerwache hängt am Tropf der ›KaffeeWirtschaft‹. »Ohne diesen Biergarten könnte die Bürgerinitiative das Haus nicht betreiben«, sagt Ulrich Zucht vom Vorstand des Vereins. »Seit 1994 ist alles teurer geworden, vieles hat sich weiter entwickelt und geändert – nur der städtische Betriebs­kos­ten­zuschuss nicht«.

Die Bürgerinitiative hat das früh kommen sehen und wollte vorsorgen: Eine Kneipe im rechten Gebäudetrakt sollte die Existenz sichern. Ein sozialer Wirtschaftsbetrieb mit Arbeitsplätzen für sieben erwerbslose Frauen war geplant. Schall- und Wirtschaft­lich­keitsgutachten lagen auf dem Tisch und Pro­jektanträge bei der Investitionsbank des Landes NRW. Nur die Räume fehlten. Das schien reine Formsache zu sein. Schließlich gab es Zusagen aus Politik und Verwaltung.

An die konnte sich aber 1998 keiner mehr erinnern. Auch keine Sozialdemokraten, die an Gesprächen teilgenommen hatten. Fraktionsgeschäftsführer Hans Hamann fühlte sich plötzlich für »irgendwelche Liegen­schaften und Kleinigkeiten« nicht verantwortlich. Und Genosse Günter Tiemann, der als Leiter des Liegenschaftsamtes eigentlich zuständig gewesen wäre, verwies den Fall in die Bezirksvertretung Mitte. Hier war sich die SPD wie eh und je einig mit der CDU. Die Fraktionen stimmten gegen die Ver­mietung an die Bürgerinitiative und schanzten die Räume dem traditionell sozialdemokratischen ›Turn- und Sportverein Einigkeit 1890‹ (TSVE) zu.

Die Grünen mussten zugucken und fanden die Entscheidung »tragisch«. Vor allem, weil beim TSVE kein dringlicher Hand­lungs­bedarf bestanden habe; bei der Wache aber schon, sagte die damalige Fraktions­spreche­rin und heutige grüne Bundestags­abgeord­nete Britta Hasselmann. Die große Koalition gab sich väterlich bis staatstragend: »Wir teilen die fraktionsübergreifende Sorge, dass sich der Verein verheben könnte«, argumentierte der CDUler Hartmut Meisner, während Bezirksvorsteher Horst Grube (SPD) meinte: »Die Stadt darf nicht in den Ruf kommen eine Gaststätte mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren«.

Trost nach Parteitag

Keine Räume, keine Gaststätte und keine wirtschaftliche Sicherheit. So sah es aus 1998. Den 20. Geburtstag mochte da keiner feiern. Weil aber etwas passieren musste, entschloss sich der Verein die ›KaffeeWirtschaft‹ als Biergarten zu betreiben. Also Umbau – ganz eilig, damit die ›KaffeeWirtschaft‹ noch zum Sommer öffnen konnte. Auf der Bau­stelle wurde es am 13. Mai richtig eng. Die Grünen hatten gerade auf ihrem Kriegs­parteitag in der Seidenstickerhalle ihre Unschuld verloren. Die grüne Linke war geschockt. Parteitagsdelegierte und Freunde drängten sich in der Wache, suchten Trost und neue Perspektiven. Kriegsgegnerin Annelie Buntenbach musste durch den Hintereingang reingelotst werden. Vorne riss der Bundestagsabgeordnete Christian Sim­mert an der provisorischen Theke die Bierflaschen auf. Für manche in der Bürger­initiative war die Situation ein Sinnbild: Umbruch bei den Grünen ebenso wie in der Wache, die nach 20 Jahren ein wirtschaftliches Standbein kriegen sollte.

Schlange stehen für Bier

Der Start der ›KaffeeWirtschaft‹ war hart. Die Leute standen anfänglich Schlange von der Theke bis auf den Platz hinaus. Nicht etwa, weil es so viele waren, sondern weil keiner Ahnung von Gastronomie hatte, das Bier nicht lief und die Bedienung an der Kaffeemaschine scheiterte. Diese miese Dienstleistung haben die Gäste ertragen und dafür sogar normale Preise gezahlt. »Deshalb haben wir es geschafft und auch, weil meine Vorgängerinnen Enormes geleistet haben«, meint Maria Eikermann.

Aber ein Biergarten ist keine Gastwirtschaft. Deshalb ist die finanzielle Lage der Wache nach zwei verregneten Sommern heikel. Erschwerend kommt hinzu, dass der Mietvertrag im Frühjahr ausgelaufen ist und jetzt jedes Jahr verlängert werden muss. Pla­nungssicherheit sieht anders aus. »Die Stadt interessiert das nicht, genau so wenig wie die Politik«, sagt Ulrich Zucht vom Vereins­vorstand, der im Alltagsstress wie alle anderen den 30. Geburtstag vergessen hat. »Von de­nen ist nie jemand auf uns zugekommen. Wir müssen um alles kämpfen«. Noch immer. Auch wenn die Wache mittlerweile von allen akzeptiert sei als florierendes Stadtteil­zentrum, in dem sich mehr als siebzig Gruppen treffen – von der Antifa über die Brief­markenfreunde bis zum Rosa-Luxem­burg-Club.

Die Mischung macht`s

Die Mischung macht die Wache aus. Die Mischung zwischen den Gruppen im Haus und den Gästen der ›KaffeeWirtschaft‹ und auch zwischen der ehrenamtlich Mitarbeit­ern und Beschäftigten. »Die Bürgerwache ist was ganz besonderes«, sagt Maria Eikermann, sonst würde ich hier auch gar nicht arbeiten«. Sie blickt nach draußen. Der Himmel ist aufgebrochen. Ein Sonnenstrahl jagt Lichtflecken über den Platz und verheißt ein paar warme Stunden. Jede Minute will die Wirtin nutzen. Schließlich geht es auch um das Überleben. Wie sie diesen Druck meistert? »Mit Blauäugigkeit und ganz, ganz viel Liebe zu diesem Haus«, sagt Maria Eiker­mann, krempelt die Ärmel hoch und öffnet die Tür. »Du brauchst ein offenes Herz, sonst hältst du das nicht durch.«