Webwecker Bielefeld: Zu Risiken und Nebenwirkungen (01.10.2008)

Zu Risiken und Nebenwirkungen (01.10.2008)




Ende 2008 soll eine elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden. Bürgerrechtsgruppen machen Front dagegen. Mit dabei der Bielefelder Gesundheitsladen. Ein Beitrag von Attac Bielefeld: Gerard Brunsperger, Christoph Loschen, Jens Hinze

 

Die ersten Krankenkassen fordern bereits Fotos von ihren Kunden an. Für die neue e-card. Dabei wird die elektronische Gesund­heitskarte sich zu Anfang von der jetzt üblichen Versichertenkarte nur wenig unterscheiden. Zusätzlich zu den bisher gespeicherten Daten soll die Karte ein Foto enthalten. Später kommt das elektronische Rezept hinzu. Zudem können Versicherte ihre medizinischen Notfalldaten speichern lassen.

In einem zweiten Schritt soll die Kran­kengeschichte in einer elektronischen Pa­tien­ten­akte dokumentiert werden. Hier können medizinische Unterlagen wie Röntgen­bilder, Laborbefunde und Arztbriefe abgelegt werden. Diese Daten werden nicht auf der Karte, sondern auf zentralen Rechnern gespeichert. Alle Versicherten, Apotheken, Arztpraxen, Krankenhäuser und -kassen werden so vernetzt.

Um Zugriff auf die sensiblen Daten zu erhalten, muss der Patient seine Karte in ein Lesegerät stecken, der Arzt oder Apotheker zusätzlich seinen Heilberufsausweis. Darüber hinaus muss der Patient eine achtstellige Pin­nummer eingeben. Damit seien die Daten sicher, so die Befürworter und versprechen sich durch die Karte einen verbesserten Daten­austausch aller Akteure im Gesund­heitswesen. Ein weiterbehandelnder Arzt könne dadurch sofort einen Überblick über die Krankengeschichte eines neuen Patienten bekommen. Teure Mehrfach­behandlungen würden vermieden. Patienten würden so »schneller gesund«, meint etwa die Deutschen Angestellten Krankenkasse.

Wenig Vertrauen

Die Kritiker hingegen fürchten den Miss­brauch der großen Mengen an hochsensiblen Krankheitsdaten. Viele Datenschutz­experten schließen dies nicht aus. Günter Hölling vom Bielefelder Gesundheitsladen verweist auf die aktuellen Datenschutz-Skandale: »Die Vertraulichkeit im Gesund­heitsbereich wäre dahin«. Ihn beunruhigt die Vorstellung, dass die Daten in falsche Hände geraten und für Dritte, etwa Versicherungen, verwertbar würden. Der Gesundheitsladen betreibt eine unabhängige Beratungsstelle und nimmt Patienteninteressen wahr.

Zu­sammen mit anderen Ärzteverbänden, Pa­tienten- und Bürgerrechtsgruppen ist die Ini­tiative im Bündnis ›Stoppt die e-card‹ aktiv. 350.000 Unterschriften gegen das Pro­jekt hat das Bündnis allein in den vergangenen Monaten gesammelt. »Die Bürger in un­serem Land wollen nicht, dass ihre Krank­heitsdaten außerhalb der Arztpraxis ihres Ver­trau­ens gespeichert werden«, sagt die Ham­burger Ärztin Silke Lüders, Sprecherin der Aktion.

Mit der technischen Seite des Mammut­projekts, dessen Kosten mit bis zu 13,5 Milliarden Euro in den ersten zehn Jahren veranschlagt werden, haben sich Experten vom Chaos Computer Club (CCC) auseinander gesetzt. Demnach sind die Daten nur ungenügend vor dem Zugriff Anderer geschützt. Das Sicherheitskonzept sei bislang nicht in einem notwendigen Feldtest erprobt worden. Die Daten würden nur teilweise verschlüsselt gespeichert.

Wo liegt der Mehrwert?

Keine klärende Antwort erhielt der Club auf die Frage, wofür sogenannte »Mehrwert­dienste« in der technischen Dokumentation der Karte vorgesehen seien.

Solange grundlegende Fragen zum Schutz der sensiblen Patientendaten nicht geklärt sind, rät der CCC den Versicherten, der Auf­forderung nach Einsendung eines Fotos nicht nachzukommen.

Weitere Informationen: Gesundheits­laden Bielefeld, Breite Straße 8, 33602 Bielefeld, www.gesundheits.de/gl-bielefeld sowie im Internet: www.stoppt-die-e-card.de und www.ccc.de

Attac trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat um 20 Uhr in der Bürgerwache. Kontakt: AttacBielefeld@gmx.de