Webwecker Bielefeld: Verraten und verkauft (01.10.2008)

Verraten und verkauft (01.10.2008)



Foto: Matthias Harre


Daten werden missbraucht, gesammelt und verscherbelt. Der Staat schaut zu und macht mit. Von Matthias Harre


Eine PR-Kampagne der Datenschutzorgani­sationen hätte es kaum besser machen können: Telekom, Lufthansa, Lidl und andere Da­ten­discounter besetzten in den vergangenen Monaten mit ihren Bespitzelungen und Datenschlampereien die Titelseiten. Und im In- und Ausland vagabundierende Compact­Discs boten Millionen von Personendaten feil, preisgünstig und für jedermann zu haben.

Bundesinnenminister Schäuble reagierte und berief einen so genannten Datenschutzgipfel ein. Peter Schaar, der Bundesdaten­schutz­beauftragte, zeigte sich von seinen Ver­sprechungen beeindruckt.

Was sich danach ändern soll: Die Nutzung persönlicher Daten darf nur nach ausdrücklicher Erlaubnis durch den Kunden stattfinden, bei Internet­tätigkeiten wird jetzt also ein Häk­chen an-, statt weggeklickt. Dazu wird erwogen, den Bußgeldrahmen bei Ge­setzes­verstößen zu erhöhen. Weite­re Maß­nah­­men werden in Gesprächs­gruppen und Arbeitskreisen erörtert.

Allerdings be­tonte Schäuble auch: »Wir sollten nicht so tun, als wäre die Ver­fügbarkeit von Informationen auf jeden Fall eine Be­drohung«, um zu­sätzlich klar zu stellen: »Es wird keine Schnellschüsse geben.« So wurde also unter massivem öffentlichen Druck ein Minimalpro­gramm verabredet. Immer­hin, klei­ne erste Schritte zu einem gesetzlich verankerten Recht auf informelle Selbst­bestimmung.

Illegales Handeln und massenhafter Missbrauch

Datenschutzrechtlich liegt weiterhin all das im Argen, was beim Gipfel ausgespart wurde. Vor dem Bundesverfassungsgericht sind etliche Klagen anhängig, die sich gegen Vorratsdatenspeicherung und das Telekom­muni­kationsgesetz aussprechen. Nach wie vor unbefriedigend ist der Umgang mit Meldedaten, die bislang auch ohne Berech­tigungsnachweis bei den Meldeämt­ern abgefragt werden können. Von der Nutzung und den Erhebungsmodalitäten der Anti-Terrordatei ganz zu schweigen. Und auch die Notwendigkeit des geplanten Bundesmelde­re­gisters, das vorgeblich Kosten sparen soll, im Endeffekt die in Länder­registern schon vorhandenen Daten aber nur zentralisiert, wird bezweifelt. Rolf Gössner, Vizepräsident der ›Internationalen Liga für Menschen­rechte‹ bringt die Sachlage auf den Punkt: »Handeln und massenhafter Miss­brauch sind keinesfalls nur in der Privat­­wirtschaft vorzufinden.«

Im Juli winkte das Bundeskabinett den elektronischen Personalausweis durch. Zwar mit »freiwilligem« Fingerabdruck, aber, wie auch der e-Pass, mit einem sogenannten RFID (Radio Frequency Identification)  - Chip ausgerüstet. Diese sogenannten »Tags« werden inzwischen inflationär in TÜV-Plaketten, Reisepässen, Paketaufklebern, Jog­hurtbechern und anderswo eingesetzt. Sie haben jeder eine weltweit einmalige Num­mer und arbeiten kontaktlos, so dass das Aus­lesen der Daten ohne Wissen des Be­sitzers erfolgen kann.

Rena Tangens vom ›Foebud e. V.‹: »Menschen sind keine Versand­pakete. Dass solche RFID-Schnüffelchips gegen die erklärte Meinung aller Experten jetzt auch in Personalaus­wei­sen eingesetzt werden sollen, zeigt weder Sach­verstand noch Demokratieverständnis. Da regieren Lobbyismus und Korruption.«

 

Info:
Ein breites Bündnis ruft am 11. Oktober 2008 zu einer bundesweiten Demo geben Datenmissbrauch in Berlin auf. Mehr Infos unter www.freiheitstattangst.de