Webwecker Bielefeld: Aufklärung gefragt (01.04.2009)

Aufklärung gefragt (01.04.2009)




An der FH hat ein Professor die Anstellung eines NSDAP-Funktionärs in den 70er Jahren kritisiert – und dafür ein Disziplinarverfahren kassiert. Peter Sperling berichtet

 

Die Sache ist erledigt – aber auch nur für die Fachhochschule Bielefeld. »In dem Gut­achten ist alles gesagt«, sagt der Pres­se­sprecher und verweigert weitere Stel­lung­nahmen zum Fall. Der Fall, das ist der Streit um die Hintergründe zur Lehrtätigkeit eines Nazis an der FH.

Der Anlass war eigentlich nur eine Rand­bemerkung. Auf seiner Internetseite hatte der FH-Professor Heinz Gess einen Artikel über den Holocaustleugner Werner Georg Haver­beck eingestellt, auf seine Lehrtätigkeit von 1972 bis 1975 hingewiesen und kritisiert, dass das Rektorat es bislang nicht für nötig befunden habe, »sich von seinem Tun oder seinen Schriften zu distanzieren«.

Es ist längst bekannt, dass der 1999 verstorbene Haverbeck ein hochrangiger NSDAP- Funktionär war und später als Holocaust­leugner in Erscheinung trat. In dem von ihm mitbegründeten ›Collegium Humanum‹ in Vlotho trafen sich Neonazis jeder Couleur. 2008 wurde die Einrichtung darum verboten. Auch Haverbecks Anstellung an der FH Bielefeld in den 70er Jahren ist kein Dienst­geheimnis. Dennoch leitete das Rektorat der FH im vergangenem Jahr ein Disziplinar­verfahren gegen Heinz Gess ein. »Ich soll Personalgeheimnisse preisgegeben haben«, sagt der Professor. Ihm drohen im schlimmsten Falle Gehalts- und Renten­kürzungen.

Den Ruf der FH wahren

Der AStA kritisiert das Verfahren und vor allem das ihm zugrundeliegende Hoch­schul­freiheitsgesetz heftig. »Das Rektorat macht deutlich, dass kritische Wissenschaftler nicht erwünscht sind und es wichtiger ist, den Ruf der FH zu wahren«, sagt ein AstA-Sprecher. »Jeder, der sich in Zukunft kritisch äußert, kann der Nächste sein.«

Die FH sieht sich durch einen Bericht von Bernd J. Wagner bestätigt, der auch zu den Autoren der ›Viertel‹ gehört. Der macht deutlich, dass der Fall Haverbeck ganz so einfach nicht ist. Wagner kommt zu dem Ergebnis, dass Haverbeck zwar bis 1945 ein NSDAP-Funktionär war und sich auch seit den 80er Jahren eindeutig extrem rechts betätigte. In der 60er und 70er Jahren sei seine rechtsextreme Gesinnung aber nicht zu erkennen gewesen, so Wagner. Tatsächlich ist nicht nur die FH dem Nazi auf den Leim gegangen. In den 70er Jahren wirkte er als Berater der SPD, trat bei Anti-AKW-Demos auf und war auch an der Gründung der Grünen beteiligt.

Gess geht mit Autor und Bericht hart ins Gericht. Er unterstellt Wagner eine Nähe zu rechtem Denken oder wirft ihm vor, gegen persönliche Vorteile ein »Gefälligkeits­gut­achten« erstellt zu haben. Wagner weist die Vorwürfe von sich. Von einem »Gutachten« könne keine Rede sein. Er habe lediglich in 14 Tagen einen »Literaturbericht« verfasst, um einen Überblick über Haverbecks Ver­öffentlichungen zu geben. Er bedauert, dass das Papier überschätzt und instrumentalisiert werde. »Für ein Gutachten ist mehr Zeit nötig und auch ein Blick in die Perso­nalakten, der mir nicht gestattet worden ist.«

Die Personalakten wurden schon in den 70er Jahren sorgsam gehütet. Dabei sei das Bewerbungsverfahren der neuralgische Punkt, sagt Jan Raabe vom Bielefelder Ver­ein ›Argumente und Kultur gegen Rechts‹. Nach seinen Informationen hat Haverbeck in der NS-Zeit über das Thema »Lebens­baum und Sonnensinnbild« promoviert. Er wirft dem Rektorat eine falsche Frage­stellung vor. »Die Frage muss lauten, wie jemand, der seine wissenschaftlichen Titel zwischen 1933 und 1945 erworben hat, über­haupt qualifiziert sein kann.«

In den 70er Jahren war Peter Pott Dekan des Fachbereichs. Wegen des sonderbaren Be­werbungsverfahrens war er misstrauisch geworden und wollte die Personalakte einsehen. Das wurde ihm verwehrt. Deshalb untersucht der Dekan Haverbecks 1965 er­schienenes Hauptwerk »Ziel der Technik. Menschwerdung der Erde« und fand darin »Rassismus ohne Rasse«. Haverbeck definiert Völker, die mittels Technik einen gewissen Fortschritt erreicht haben, als »Großmenschen«, um demgegenüber andere Völker abzuwerten. Pygmäen oder Feu­er­länder bezeichnet er als »Kretins«; sie seien eine »Entartung, weil sie die zu menschlicher techne veranlagten Möglichkeiten nicht entwickelten«. Auch die Juden stuft Haverbeck als »auf technischem und künstlerischem Gebiet unterentwickelt« ein.

Nicht alle Äußerungen Haverbecks sind so leicht als extrem rechts zu erkennen. Daher wäre eine wissenschaftliche Auseinander­setzung angebracht. Darin sind sich immerhin alle Beteiligten einig – abgesehen von der Hochschulleitung.

 

Heinz Gess lädt am Montag, 4. Mai,  ab 16 Uhr, FH (Kurt-Schumacher-Straße 6), zu einer öffentliche Tagung zu dem Thema ein. Vortragen wird unter anderen Micha Brumlik.