Abstieg oder
Klassenerhalt – Wer viel mit Arminia erlebt hat,
wird immer Fan bleiben.
Philipp Köster erinnert sich
Fans des DSC Arminia gelten in der Bundesliga als, nun ja, ein klein wenig wunderlich. Einem Klub anzuhängen, dessen Briefkopf seit 1923 nicht mehr geändert werden musste, und der in Umfragen zur bundesweiten Beliebtheit sogar noch hinter dem VfL Wolfsburg landet, – tja, solche Menschen rangieren etwa auf einer sozialen Stufe mit Sammlern von Überraschungseiern, Vorsitzenden von C.C.-Catch-Fanklubs und den Leuten, die sich in der Mensa der Uni Bielefeld auch dann noch bei Stammessen 1 anstellen, wenn es beim Stammessen 2 Pommes als Beilage gibt. Aber, uns ist das egal. Wir haben uns unseren Klub nicht ausgesucht, er wurde uns gegeben. Auch wenn wir nicht so genau wissen, von wem. Aber, ganz ehrlich, selbst wenn nun eine gute Fee vorbeikäme und uns anbieten würde, noch einmal neu wählen zu können. Freie Auswahl, alle europäischen Topklubs dabei, Real Madrid, FC Barcelona, Hannover 96 – wir würden dankend ablehnen. Denn wir haben mit Arminia einfach schon zuviel erlebt.
Unvergessliche, lustige, tragische, bizarre, aufwühlende, bewegende Momente, die wir nicht missen wollen. Wir bejubelten unseren Stürmer Uwe Fuchs bei seinem Versuch, die hundert Meter unter dreißig Sekunden zu laufen und sahen mitleidig zu, wie er anschließend mit Elektrostößen wiederbelebt werden musste. Wir munterten Thomas Ostermann auf, wenn der mal wieder erst beim Aufprall auf dem Zaun der Hintertortribüne gemerkt hatte, dass die Flanke früher hätte kommen müssen.
Ehren, feiern und zittern
Wir fuhren in ausrangierten Gelenkbussen nach Rheine und bestaunten im westfälischen Schöppingen das weiträumige Hausschweingehege hinter der Gegengerade. Wir kläfften in Beckum mit verdutzten Polizeihunden um die Wette und tranken auf der Auswärtsfahrt nach Salmrohr das Wurstwasser direkt aus der Großraumdose.
Wir huldigten Landesligaspieler Andre Neustädter für seinen känguruhartigen Laufstil und seine XXL-Buchse, aus der bei Kopfbällen links und rechts beinahe die Eier herauskullerten. Wir kauften uns in der Saison 1996/97 unverdrossen die neuen Arminia-Trikots mit Forum-Jahnplatz-Werbung, obwohl die aussahen, als habe eine farbenblinde Reinmachfrau ihre erste Kollektion herausgebracht. Wir versuchten, Lothar Huber auf dem Dortmunder Mende-Sportplatz auf die Glatze zu spucken und sangen »Es ist noch Suppe da«, nachdem ein Arminia-Anhänger aus Steinhagen in den Auswärtsbus nach Halvelse gereihert hatte. Wir reisten in den Gütersloher Heidewald, hängten beim Spiel gegen Gütersloh gegen Paderborn unsere Arminia-Fahne an den Zaun und riefen jedes Mal, als sich Helmut Schröder vor unserem Block warmmachte: »Küss die Fahne, Helmut, küss die Fahne«.
Skurrile Trikots bewundern
Wir bewunderten den Träger des einzigen Arminia-Trikots mit dem Schriftzug von »Geirmund Braendesaether« und beschlossen, ihm noch mehr Achtung entgegenzubringen als dem geistesverwirrten Knaben, der seit Jahren im grünen »Rainer Rauffmann«-Auswärtstrikot herumläuft. Und wir ertrugen auf einer Auswärtsheimfahrt von Oldenburg nach Bielefeld, dass zwei entfesselte Anhänger den Roxette-Hit »Listen to your heart« drei Stunden lang in das ebenfalls hitverdächtige »Listen to Arminia« umdichteten und den Gesang mit dem feurigen Appell an die Busbesatzung würzten (»Wir wollen euch jetzt alle hören«), nach jedem Refrain in wieherndes Gelächter ausbrachen und sich aufwendig abklatschten.
Ach ja, und die Trainer. Wir verhöhnten Franz Raschid und die bulgarische Hammerwerferin Fritz Grösche, wir nannten Horst Franz noch den »Retter«, als der sich nicht einmal mehr selbst retten konnte. Wir sind für ein goldenes Denkmal für Ernst Middendorp in der Melanchthonstraße, haben aber die Beckerfaust gemacht, als er gefeuert und für ihn Michael Frontzeck geholt wurde. Denn Frontzeck zu verpflichten, bedeutet im Umkehrschluss: Unser neuer Trainer wird nicht Peter Neururer.
Stoßseufzer gen Melanchthonstraße
Und noch ein Stoßseufzer. Arminia macht es uns immer mal wieder schwer. Wenn ein Stadionsprecher verpflichtet wird, der selbst beim DSF-Sport-Quiz wegen allzu großer Penetranz gefeuert würde. Und wenn eine Gästetribüne gebaut wird, die so konstruiert ist, dass sie ohne Probleme auch als Tiefgarage durchgeht.
Trotzdem, das ist unser Klub, das sind wir. Wir möchten mit niemandem tauschen. Nicht einmal mit Hannover 96. Und ich will euch jetzt alle hören: »Listen to Arminia«.
Info:
Der Journalist und Autor
Philipp Köster ist Gründungsmitglied und Chefredakteur des Fußball-Magazins
›11 Freunde‹. Der bekennende Arminen-Fan wuchs in Bielefeld auf. Allein der
Titel seines Fanzines »Um halb vier war die Welt noch in Ordnung« sprach vielen
Arminen-Fans aus dem Herzen. Vor einigen Jahren zog Köster nach Berlin. Er ist
verheiratet und hat zwei Söhne.