Webwecker Bielefeld: »Listen to Arminia« (01.04.2009)

»Listen to Arminia« (01.04.2009)



 

Abstieg oder Klassenerhalt – Wer viel mit Arminia erlebt hat,
wird immer Fan bleiben. Philipp Köster erinnert sich

Fans des DSC Arminia gelten in der Bundesliga als, nun ja, ein klein wenig wunderlich. Einem Klub anzuhängen, dessen Briefkopf seit 1923 nicht mehr geändert wer­den musste, und der in Umfragen zur bun­desweiten Beliebtheit  sogar noch hinter dem VfL Wolfsburg landet, – tja, solche Menschen rangieren etwa auf einer sozialen Stufe mit Sammlern von Überraschungseiern, Vorsitzenden von C.C.-Catch-Fan­klubs und den Leuten, die sich in der Mensa der Uni Bielefeld auch dann noch bei Stammessen 1 anstellen, wenn es beim Stamm­essen 2 Pommes als Beilage gibt. Aber, uns ist das egal. Wir haben uns unseren Klub nicht ausgesucht, er wurde uns gegeben. Auch wenn wir nicht so genau wissen, von wem. Aber, ganz ehrlich, selbst wenn nun eine gute Fee vorbeikäme und uns anbieten würde, noch einmal neu wählen zu können. Freie Aus­wahl, alle europäischen Top­klubs dabei, Real Madrid, FC Barcelona, Han­nover 96 – wir würden dankend ablehnen. Denn wir haben mit Arminia einfach schon zuviel erlebt.

Unvergessliche, lustige, tragische, bizarre, aufwühlende, be­wegende Momente, die wir nicht missen wollen. Wir bejubelten unseren Stürmer Uwe Fuchs bei seinem Ver­such, die hundert Meter unter dreißig Sekunden zu laufen und sahen mitleidig zu, wie er anschließend mit Elektro­stößen wieder­­­­­belebt werden musste. Wir munterten Tho­mas Os­ter­­mann auf, wenn der mal wieder erst beim Aufprall auf dem Zaun der Hinter­tor­tribüne ge­merkt hatte, dass die Flanke früher hätte kommen müssen.

Ehren, feiern und zittern

Wir fuhren in ausrangierten Gelenkbussen nach Rheine und bestaunten im westfälischen Schöppingen das weiträumige Haus­schwein­ge­hege hinter der Gegen­ge­rade. Wir kläfften in Beckum mit verdutzten Po­li­zeihunden um die Wette und tranken auf der Auswärtsfahrt nach Salm­rohr das Wurstwasser direkt aus der Großraumdose.

Wir huldigten Landesliga­spie­ler Andre Neustädter für seinen känguruhartigen Laufstil und seine XXL-Buchse, aus der bei Kopf­bällen links und rechts beinahe die Eier herauskullerten. Wir kauften uns in der Saison 1996/97 unverdrossen die neuen Ar­minia-Trikots mit Forum-Jahnplatz-Wer­bung, obwohl die aussahen, als habe eine farbenblinde Reinmach­frau ihre erste Kollek­tion herausgebracht. Wir versuchten, Lothar Huber auf dem Dortmunder Mende-Sport­platz auf die Glatze zu spucken und sangen »Es ist noch Suppe da«, nachdem ein Arminia-Anhänger aus Stein­hagen in den Auswärtsbus nach Halvelse gereihert hatte. Wir reisten in den Gütersloher Heidewald, hängten beim Spiel gegen Güters­loh gegen Paderborn unsere Arminia-Fahne an den Zaun und riefen jedes Mal, als sich Helmut Schröder vor unserem Block warmmachte: »Küss die Fahne, Helmut, küss die Fahne«.

Skurrile Trikots bewundern

Wir bewunderten den Träger des einzigen Arminia-Trikots mit dem Schriftzug von »Geirmund Braendesaether« und beschlossen, ihm noch mehr Achtung entgegenzubringen als dem geistesverwirrten Knaben, der seit Jahren im grünen »Rainer Rauff­mann«-Auswärtstrikot herumläuft. Und wir ertrugen auf einer Auswärtsheimfahrt von Oldenburg nach Bielefeld, dass zwei entfesselte Anhänger den Roxette-Hit »Listen to your heart« drei Stunden lang in das ebenfalls hitverdächtige »Listen to Arminia« umdichteten und den Gesang mit dem feurigen Appell an die Busbesatzung würzten (»Wir wollen euch jetzt alle hören«), nach jedem Refrain in wieherndes Gelächter ausbrachen und sich aufwendig abklatschten.

Ach ja, und die Trainer. Wir verhöhnten Franz Raschid und die bulgarische Ham­merwerferin Fritz Grösche, wir nannten Horst Franz noch den »Retter«, als der sich nicht einmal mehr selbst retten konnte. Wir sind für ein goldenes Denkmal für Ernst Middendorp in der Melanchthonstraße, haben aber die Beckerfaust gemacht, als er gefeuert und für ihn Michael Frontzeck geholt wurde. Denn Frontzeck zu verpflichten, bedeutet im Umkehrschluss: Unser neuer Trainer wird nicht Peter Neururer.

Stoßseufzer gen Melanchthonstraße

Und noch ein Stoßseufzer. Arminia macht es uns immer mal wieder schwer. Wenn ein Stadionsprecher verpflichtet wird, der selbst beim DSF-Sport-Quiz wegen allzu großer Penetranz gefeuert würde. Und wenn eine Gästetribüne gebaut wird, die so konstruiert ist, dass sie ohne Probleme auch als Tiefgarage durchgeht.

Trotzdem, das ist unser Klub, das sind wir. Wir möchten mit niemandem tauschen. Nicht einmal mit Hannover 96. Und ich will euch jetzt alle hören: »Listen to Arminia«.

 

Info:
Der Journalist und Autor Philipp Köster ist Gründungsmitglied und Chefre­dakteur des Fußball-Magazins ›11 Freun­de‹. Der bekennende Arminen-Fan wuchs in Bielefeld auf. Allein der Titel seines Fanzines »Um halb vier war die Welt noch in Ordnung« sprach vielen Arminen-Fans aus dem Herzen. Vor einigen Jahren zog Köster nach Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.