Ein Busunternehmen macht durch niedrige Löhne von sich reden. Ein Bericht von Silvia Bose
»Ich habe es ja noch gut«, sagt der Mann hinterm Steuer. Er steht mit seinem Bulli vor dem Förderschulzentrum in der Bökenkampstraße, das früher als Gehörlosenschule bekannt war. Ein paar Minuten hat er noch, bis die Kinder und Jugendlichen aus dem Unterricht kommen und er sie nach Hause bringt. Seinen Namen mag er nicht nennen. Ein Kollege habe schon seinen Job verloren, weil »er sich negativ über die Firma geäußert« habe. Deshalb nennen wir den Mann hinterm Steuer Rüdiger Schulz.
Er fährt 17,5 Stunden in der Woche für das bundesweit tätige Bus-Unternehmen ›Sonnenschein‹ und hat dafür am Monatsende 240 Euro auf seinem Konto. »Wer eine längere Route hat, verdient noch weniger als ich«, sagt Rüdiger Schulz. Viele Kollegen bekämen die Fahrzeiten nicht bezahlt, die sie mit dem Bus vom Betriebshof bis zum Einstieg des ersten Fahrgastes benötigten.
Verdacht: Lohnwucher
Der Gewerkschaft ›ver.di‹ sind Sonnenschein-Beschäftigte bekannt, die nicht einmal zwei Euro in der Stunde verdienen. ›ver.di‹ hat inzwischen Strafanzeige wegen des Verdachts auf Lohnwucher gestellt – gegen ›Sonnenschein‹ und auch gegen ›Kaiser Busse‹ und ›Busverkehr Pader‹, die ebenfalls Löhne zwischen zwei und drei Euro zahlen sollen. Die Stimmung unter den Fahrern sei mies – und gespalten, sagt Rüdiger Schulz. Vor allem die Rentner unter den Kollegen hielten sich raus. »Die sagen auch schon mal, dass man ja aufhören kann, wenn einem was nicht passt.« Hartz IV-Bezieher könnten das aber nicht. Bei ihnen gehe die Angst um. »Schlimm ist das!«, findet Rüdiger Schulz. «Lohndumping kann niemand gutheißen«, räumt Karl-Georg Donath vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ein, dem Träger der Förderschulen und Auftraggeber von ›Sonnenschein‹. Allerdings seien dem LWL seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes im vergangenem Jahr die Hände gebunden: »Wir können nicht auf die Lohnstruktur einwirken.« Das Dilemma sei nur zu lösen, wenn sich die Tarifpartner einigten und »faktisch einen Mindestlohn einführen«, sagt Donath.
Seine Kollegen vom LWL in Bielefeld wissen nicht, was die Fahrer ihrer rund 100 Förderschüler verdienen. Der Verwaltungsleiter Rainer Lutterbüse ist sehr zufrieden mit ›Sonnenschein‹. »Mich hat nicht eine besorgte Mutter angerufen. Es ist alles in Ordnung. Es läuft«. Und das liege an der Qualität von ›Sonnenschein‹ – den guten Fahrern und dem einwandfreien technischem Zustand der Fahrzeuge.
Hoffen auf besseren Job
Rüdiger Schulz haben dagegen schon viele schockierte Eltern angesprochen. Ja, sagt er dann. Auch er verdiene so wenig. Und dann spricht er lieber über seine Hoffnungen auf einen besser bezahlten Job.