Webwecker Bielefeld: Johannis-Lust (01.04.2009)

Johannis-Lust (01.04.2009)




Der Johannisberg war früher ein beliebter Tummelplatz. Er soll nun wieder
aufgewertet werden. Ein Blick in die Geschichte und Zukunft von Manfred Horn

 

Könnte der Johannisberg sprechen, er wüsste eine Menge Geschichten zu erzählen. Der kleine Berg am Rande des Bielefelder Wes­tens war bis in die Mitte des 20. Jahr­hunderts ein Gelände, auf dem sich viele Bielefelder tummelten. 50 Jahre hatte die Natur seitdem Zeit, sich große Teile des Ber­ges zurückzuholen. Nun bemühen sich Poli­tik und Verwaltung, den Johannisberg wieder zu einem Ort zu machen, der den Men­schen dient.

Ein Panorama-Park soll entstehen, als Teil einer »StadtParkLandschaft«, die sich auf dem Kamm des Teutoburger Waldes vom Bauern­haus-Museum entlang an der Sparrenburg bis hin zu ›Brands Busch‹ als grüner Streifen durch die Stadt schlängelt. In diesem Jahr renoviert das Umweltamt die Wiesentreppe, zudem werden 40 Wegweiser installiert.

Der lange Marsch

Politik und Verwaltung gehen einen Weg der kleinen Schritte. 140.000 Euro sind in den Wirtschaftsplan 2009 für Maßnahmen am Johannisberg eingestellt. 2,85 Millionen Euro Gesamtkosten macht hingegen das kürzlich von einem Landschaftsarchitekten-Büro im Auf­trag des Umweltamtes erstellte »Park­pflege­werk II« aus, praktisch ein Gut­achten, das Empfehlungen ausspricht, welche Maßnah­men am Johannisberg in den nächsten Jahren umgesetzt werden sollen.

Zu dem Gutachten gehört die Empfehlung, an ausgewählten Stellen auf dem Johannis­berg den freien Blick auf die Stadt zu er­mög­lichen. So röhrten im Januar diesen Jahres Motor­sägen auf dem Johannisberg. »Damit haben wir eine Blickbeziehung auf die Sparrenburg und die Innenstadt wiederhergestellt«, erklärt Klaus Frank, Leiter der Planungsabteilung im Umweltamt. Er versichert, seine Behörde gehe behutsam vor. Gefällt würden nur Bäume, die in den vergangenen Jahrzehnten wild gewachsen oder die morsch seien. Pro­teste von Umwelt­schützern blieben bisher aus.

Eine Möglichkeit, sich ganz leibhaftig dem Berg zu nähern, bietet eine versteckt liegende Unterführung am Albrecht-Delius-Weg schräg gegenüber der Kunsthalle. Hellgrün gekachelt führt die Passage unter dem Ost­westfalen-Damm hindurch. Auf der Hoch­straße angelangt, hallt der Lärm der in die Landschaft geschlagenen Verkehrsschneise nach. Dem Auge eröffnen sich jedoch neue Perspektiven, das Caroline Oetker-Stift baut sich mächtig auf. Dahinter liegt der Win­zersche Garten.

Der verwunschene Garten

Wer da hinaufklettert, kommt schnell zu einer Tuffsteingrotte, nebendran finden sich die Reste eines Gartensitzplatzes. Ein verfallener Mauerbogen vervollständigt den ehemaligen Garten. Einige Schritte weiter ist noch das Bett eines künstlichen, längst wasserlosen, Baches erkennbar. Die Brücke über den Bach ist von Steinaufsätzen eingefasst, die wie eine Miniaturausgabe der Extern­steine wirken. In Zukunft soll der Garten wieder blühen – selbst die Brücke soll wieder ihrer ursprünglichen Funktion dienen: Menschen trocken über Wasser zu führen.

Reinhard  Vogelsang kennt das Idyll Johan­nis­­berg aus seiner Kindheit. Der Hügel war für den ehemaligen Leiter des Stadt­archivs ein willkommener Spielort. Nun, wo der Berg wieder in vieler Munde ist, stöberte er in den Archiven. Und er hat ausgegraben, dass die Schützengesellschaft in der Ge­schichte eine große Rolle spielt.

1840 kaufte die Schützengesellschaft den Berg, ließ dort Parkanlagen errichten, Häu­ser und Hallen bauen. »Der Johannisberg wandelte seinen Charakter vom Bau- und Brennholz liefernden Wald über die Schafe nährende Weide und den Gärten und An­lagen tragenden Erholungsort wohlhabender und gut betuchter Einwohner zum gesellschaftlichen Mittelpunkt eines großen Teils des Bielefelder Bürgertums«, spannt der Historiker Vogelsang den Bogen.

Die Bürger der Stadt waren dankbar. Oben angekommen, lustwandelten sie auf und ab oder picknickten. Bevor die Oetkerhalle erbaut wurde, nutzte das städtische Orchester den Festraum des Schützenvereins als Konzertsaal. Auch große Sängerfeste und die Stadtkirmes hatten auf dem Johannisberg ihren Ort. Eine fest installierte Geflügelschau lockte ab 1875 Besucher an. »Zur Ein­weihung spielte die verstärkte Bielefelder Kapelle. Der Abschluss wurde begleitet durch Böllerschüsse und ein Feuerwerk. Der Eintritt für diese Veranstaltung betrug 3 Sil­bergroschen und war von einfachen Bür­gern nicht zu bezahlen«, heißt es in einem zeitgenössischen Pressebericht.

Schützenfest ohne einfaches Volk

Ende Juli, Anfang August war Schützen­festzeit. Reinhard Vogelsang zitiert einen Be­richt aus dem Jahr 1875: »Die musterhafte Ordnung, welche diese kolossale, lebhaft animierte Menge beherrschte, ist ein schönes Zeugnis für die Gesittungen und den anstandliebenden Sinn unserer Bevölkerung, die mit allen Gesellschaftsklassen in einträchtigste Verbrüderung getreten war«. Eine Gesellschaftsklasse war jedoch weitestgehend ausgeschlossen: Die Arbeiterschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts bereits die Hälfte der Bielefelder Bevölkerung ausmachte. Das Eintrittsgeld, das der Schützenverein am heu­te noch zu besichtigenden Kassenhaus er­hob, bildete eine wirksame Barriere.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde aus dem Festplatz auf dem Berg ein Zwangs­arbeiterlager. Die 850 Zwangarbeiterinnen mussten ihre Notdurft im Freien verrichten. Bielefelder Bürger beschwerten sich über den Gestank, nicht aber über die unmenschlichen Bedingungen des Lagers. Im Gegen­teil. Manche pilgerten am Wochenende mit ihren Kindern an den Zaun. »Sie wollten Russen sehen, als ob wir Wilde wären«, berichtet die ehemalige Zwangsarbeiterin Wera A. Heute erinnert ein Gedenkstein an das Lager.

Gedenkort Johannisberg

Auf dem Berg finden sich weitere Ge­denkorte. Sie zeigen, dass vor allem Bürger mit Geld und der rechten Gesinnung für das Vaterland den Berg mit Bedeutung aufluden. Noch vorhanden ist eine Tafel zum Ge­denken an die gefallenen »Sangesbrüder« im Ersten Weltkrieg. Das zweite Gefallenen­denkmal nahe dem Hotel ist zwar ebenfalls noch an seinem Platz, aber beschädigt. Kopf und Arme wurden von einem Unbekannten weggemeißelt – das Denkmal wandelt sich so treffend zum Sinnbild des unmenschlichen Krieges. Ebenfalls in der Nähe des Hotels thronen drei Gedenkbäume, mit schwarzen, geschmiedeten Gittern umzäunt. Sie erinnern unter anderem an den ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hinden­burg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte die Stadt die Kirmes auf den Kesselbrink, das im Krieg zerbombte, zuvor prächtige Schützen­haus verfiel. Der Johannisberg verlor seine Bedeutung. Einzig Zirkusse schlagen seitdem von Zeit zu Zeit auf dem großen Festplatz ihre Zelte auf. Die bedeutungslose, aber kuriose »Deutsche Meisterschaft im Handy-Weitwurf« fand in der Frühsommerhitze des Junis 2005 auf dem Berg statt. Der Jo­hannisberg-Grill hält einsam Wacht am Eingang zur Dornberger Straße.

Der Schützenverein verpachtete bereits Anfang der 1970er Jahre das Gelände, auf dem vormals die Schützenhalle stand, an eine Hotelkette. Der dort errichtete Komfort-Schuhkarton namens ›Park Inn Hotel‹ setzt sich mit seinen öden Betonplatten augenfällig vom Reiz der Umgebung ab. Das Land­schaftsarchitektur-Büro sieht in seinem Gut­achten an einer Seite des Hotels eine offene Terrasse mit Biergarten vor, mit Blick auf die Stadt. Auch die Roteichenallee auf der zentralen Achse des Parks soll wieder vervollständigt werden. All dies geht nur, wenn das Hotel mitzieht. Die Gespräche laufen.

Diskutiert wird auch an anderer Stelle. Die Autoren des »Parkpflegewerk II« raten dazu, ein Stück Grabeland der benachbarten ehemaligen Schützenvilla zuzuschlagen, damit der Bau wieder »eine angemessene Reso­nanz­fläche« erhalte. Der Villagarten grenzt direkt an Grabeland. Der Eigentümer der in frisch renoviertem Glanz strahlenden Villa fragte bei der Stadt an, ob er nicht die erste der Grabelandparzellen erhalten könne, um seinen Garten zu vergrößern – die Stadt lehnte ab. Dies passierte allerdings, bevor das Park­pflegewerk II vorlag.

Resonanzkörper oder Naturgarten

Die Stadt favorisiert nun offenbar eine andere Lösung: Aktuell führt sie mit den Grabeland­pächtern Gespräche, die den Charakter sämtlicher Parzellen Richtung Naturgarten verschieben sollen. Bereits seit Jahren halten Naturfreundejugend und »namu« (Naturkundemuseum) eine Parzelle, in der sie Stadtkindern Pflanzen und Tiere näher bringen. Dieses Konzept will die Stadt auf das gesamte Grabeland ausweiten.