
Der Johannisberg war
früher ein beliebter Tummelplatz. Er soll nun wieder
aufgewertet werden. Ein
Blick in die Geschichte und Zukunft von Manfred Horn
Könnte der Johannisberg sprechen, er wüsste eine Menge Geschichten zu erzählen. Der kleine Berg am Rande des Bielefelder Westens war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ein Gelände, auf dem sich viele Bielefelder tummelten. 50 Jahre hatte die Natur seitdem Zeit, sich große Teile des Berges zurückzuholen. Nun bemühen sich Politik und Verwaltung, den Johannisberg wieder zu einem Ort zu machen, der den Menschen dient.
Ein Panorama-Park soll entstehen, als Teil einer »StadtParkLandschaft«, die sich auf dem Kamm des Teutoburger Waldes vom Bauernhaus-Museum entlang an der Sparrenburg bis hin zu ›Brands Busch‹ als grüner Streifen durch die Stadt schlängelt. In diesem Jahr renoviert das Umweltamt die Wiesentreppe, zudem werden 40 Wegweiser installiert.
Der lange Marsch
Politik und Verwaltung gehen einen Weg der kleinen Schritte. 140.000 Euro sind in den Wirtschaftsplan 2009 für Maßnahmen am Johannisberg eingestellt. 2,85 Millionen Euro Gesamtkosten macht hingegen das kürzlich von einem Landschaftsarchitekten-Büro im Auftrag des Umweltamtes erstellte »Parkpflegewerk II« aus, praktisch ein Gutachten, das Empfehlungen ausspricht, welche Maßnahmen am Johannisberg in den nächsten Jahren umgesetzt werden sollen.
Zu dem Gutachten gehört die Empfehlung, an ausgewählten Stellen auf dem Johannisberg den freien Blick auf die Stadt zu ermöglichen. So röhrten im Januar diesen Jahres Motorsägen auf dem Johannisberg. »Damit haben wir eine Blickbeziehung auf die Sparrenburg und die Innenstadt wiederhergestellt«, erklärt Klaus Frank, Leiter der Planungsabteilung im Umweltamt. Er versichert, seine Behörde gehe behutsam vor. Gefällt würden nur Bäume, die in den vergangenen Jahrzehnten wild gewachsen oder die morsch seien. Proteste von Umweltschützern blieben bisher aus.
Eine Möglichkeit, sich ganz leibhaftig dem Berg zu nähern, bietet eine versteckt liegende Unterführung am Albrecht-Delius-Weg schräg gegenüber der Kunsthalle. Hellgrün gekachelt führt die Passage unter dem Ostwestfalen-Damm hindurch. Auf der Hochstraße angelangt, hallt der Lärm der in die Landschaft geschlagenen Verkehrsschneise nach. Dem Auge eröffnen sich jedoch neue Perspektiven, das Caroline Oetker-Stift baut sich mächtig auf. Dahinter liegt der Winzersche Garten.
Der verwunschene Garten
Wer da hinaufklettert, kommt schnell zu einer Tuffsteingrotte, nebendran finden sich die Reste eines Gartensitzplatzes. Ein verfallener Mauerbogen vervollständigt den ehemaligen Garten. Einige Schritte weiter ist noch das Bett eines künstlichen, längst wasserlosen, Baches erkennbar. Die Brücke über den Bach ist von Steinaufsätzen eingefasst, die wie eine Miniaturausgabe der Externsteine wirken. In Zukunft soll der Garten wieder blühen – selbst die Brücke soll wieder ihrer ursprünglichen Funktion dienen: Menschen trocken über Wasser zu führen.
Reinhard Vogelsang kennt das Idyll Johannisberg aus seiner Kindheit. Der Hügel war für den ehemaligen Leiter des Stadtarchivs ein willkommener Spielort. Nun, wo der Berg wieder in vieler Munde ist, stöberte er in den Archiven. Und er hat ausgegraben, dass die Schützengesellschaft in der Geschichte eine große Rolle spielt.
1840 kaufte die Schützengesellschaft den Berg, ließ dort Parkanlagen errichten, Häuser und Hallen bauen. »Der Johannisberg wandelte seinen Charakter vom Bau- und Brennholz liefernden Wald über die Schafe nährende Weide und den Gärten und Anlagen tragenden Erholungsort wohlhabender und gut betuchter Einwohner zum gesellschaftlichen Mittelpunkt eines großen Teils des Bielefelder Bürgertums«, spannt der Historiker Vogelsang den Bogen.
Die Bürger der Stadt waren dankbar. Oben angekommen, lustwandelten sie auf und ab oder picknickten. Bevor die Oetkerhalle erbaut wurde, nutzte das städtische Orchester den Festraum des Schützenvereins als Konzertsaal. Auch große Sängerfeste und die Stadtkirmes hatten auf dem Johannisberg ihren Ort. Eine fest installierte Geflügelschau lockte ab 1875 Besucher an. »Zur Einweihung spielte die verstärkte Bielefelder Kapelle. Der Abschluss wurde begleitet durch Böllerschüsse und ein Feuerwerk. Der Eintritt für diese Veranstaltung betrug 3 Silbergroschen und war von einfachen Bürgern nicht zu bezahlen«, heißt es in einem zeitgenössischen Pressebericht.
Schützenfest ohne einfaches Volk
Ende Juli, Anfang August war Schützenfestzeit. Reinhard Vogelsang zitiert einen Bericht aus dem Jahr 1875: »Die musterhafte Ordnung, welche diese kolossale, lebhaft animierte Menge beherrschte, ist ein schönes Zeugnis für die Gesittungen und den anstandliebenden Sinn unserer Bevölkerung, die mit allen Gesellschaftsklassen in einträchtigste Verbrüderung getreten war«. Eine Gesellschaftsklasse war jedoch weitestgehend ausgeschlossen: Die Arbeiterschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts bereits die Hälfte der Bielefelder Bevölkerung ausmachte. Das Eintrittsgeld, das der Schützenverein am heute noch zu besichtigenden Kassenhaus erhob, bildete eine wirksame Barriere.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde aus dem Festplatz auf dem Berg ein Zwangsarbeiterlager. Die 850 Zwangarbeiterinnen mussten ihre Notdurft im Freien verrichten. Bielefelder Bürger beschwerten sich über den Gestank, nicht aber über die unmenschlichen Bedingungen des Lagers. Im Gegenteil. Manche pilgerten am Wochenende mit ihren Kindern an den Zaun. »Sie wollten Russen sehen, als ob wir Wilde wären«, berichtet die ehemalige Zwangsarbeiterin Wera A. Heute erinnert ein Gedenkstein an das Lager.
Gedenkort Johannisberg
Auf dem Berg finden sich weitere Gedenkorte. Sie zeigen, dass vor allem Bürger mit Geld und der rechten Gesinnung für das Vaterland den Berg mit Bedeutung aufluden. Noch vorhanden ist eine Tafel zum Gedenken an die gefallenen »Sangesbrüder« im Ersten Weltkrieg. Das zweite Gefallenendenkmal nahe dem Hotel ist zwar ebenfalls noch an seinem Platz, aber beschädigt. Kopf und Arme wurden von einem Unbekannten weggemeißelt – das Denkmal wandelt sich so treffend zum Sinnbild des unmenschlichen Krieges. Ebenfalls in der Nähe des Hotels thronen drei Gedenkbäume, mit schwarzen, geschmiedeten Gittern umzäunt. Sie erinnern unter anderem an den ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte die Stadt die Kirmes auf den Kesselbrink, das im Krieg zerbombte, zuvor prächtige Schützenhaus verfiel. Der Johannisberg verlor seine Bedeutung. Einzig Zirkusse schlagen seitdem von Zeit zu Zeit auf dem großen Festplatz ihre Zelte auf. Die bedeutungslose, aber kuriose »Deutsche Meisterschaft im Handy-Weitwurf« fand in der Frühsommerhitze des Junis 2005 auf dem Berg statt. Der Johannisberg-Grill hält einsam Wacht am Eingang zur Dornberger Straße.
Der Schützenverein verpachtete bereits Anfang der 1970er Jahre das Gelände, auf dem vormals die Schützenhalle stand, an eine Hotelkette. Der dort errichtete Komfort-Schuhkarton namens ›Park Inn Hotel‹ setzt sich mit seinen öden Betonplatten augenfällig vom Reiz der Umgebung ab. Das Landschaftsarchitektur-Büro sieht in seinem Gutachten an einer Seite des Hotels eine offene Terrasse mit Biergarten vor, mit Blick auf die Stadt. Auch die Roteichenallee auf der zentralen Achse des Parks soll wieder vervollständigt werden. All dies geht nur, wenn das Hotel mitzieht. Die Gespräche laufen.
Diskutiert wird auch an anderer Stelle. Die Autoren des »Parkpflegewerk II« raten dazu, ein Stück Grabeland der benachbarten ehemaligen Schützenvilla zuzuschlagen, damit der Bau wieder »eine angemessene Resonanzfläche« erhalte. Der Villagarten grenzt direkt an Grabeland. Der Eigentümer der in frisch renoviertem Glanz strahlenden Villa fragte bei der Stadt an, ob er nicht die erste der Grabelandparzellen erhalten könne, um seinen Garten zu vergrößern – die Stadt lehnte ab. Dies passierte allerdings, bevor das Parkpflegewerk II vorlag.
Resonanzkörper oder Naturgarten
Die Stadt favorisiert nun offenbar eine andere Lösung: Aktuell führt sie mit den Grabelandpächtern Gespräche, die den Charakter sämtlicher Parzellen Richtung Naturgarten verschieben sollen. Bereits seit Jahren halten Naturfreundejugend und »namu« (Naturkundemuseum) eine Parzelle, in der sie Stadtkindern Pflanzen und Tiere näher bringen. Dieses Konzept will die Stadt auf das gesamte Grabeland ausweiten.