Webwecker Bielefeld: Überflieger mit Höhenangst (01.04.2009)

Überflieger mit Höhenangst (01.04.2009)



Ralph Pache, Sven Nieder, Björn Pollmeyer und Roland Siekmann (v.l.n.r.) haben zum Beispiel entdeckt, dass der Siggi-Flohmarkt ganz schön strukturiert aussieht. Zumindest von oben. Foto: Uwe Schweer-Lambers



Bielefeld von oben ist ganz schön schön. Das zeigt ein neuer Bildband, der faszinierende Perspektiven auf die Stadt bietet, findet Mario A. Sarcletti

 

Eigentlich hatte Ralph Pache denkbar schlechte Voraussetzungen für das Projekt, das er im November 2007 mit seinem Kollegen Sven Nieder startete. »Ich habe richtig schlimme Höhenangst. Wenn ich von einer Leiter runter schaue, wird mir ganz bang ums Herz«, beschreibt der Fotodesigner sein Handicap. Das kann durchaus hinderlich sein, wenn man Luftbilder schießen will.

Doch die Aufgabe sorgte dafür, dass Ralph Pache die Höhe irgendwann nicht mehr wahrgenommen hat. Dabei hatten die beiden FH-Absolventen für ihr Projekt ein Flug­gerät gewählt, das schon für Menschen ohne Höhenangst eine Herausforderung darstellt: Sie saßen auf dem Sozius eines Gyrokopters, einer Mischung aus Moped und Cabrio-Hubschrauber. »Der Vorteil ist, dass das Gerät unglaublich wendig ist«, begründet Sven Nieder die Wahl des Verkehrsmittels.

Wie so viele Zugezogene hat das Studium, genauer die ZVS, die beiden Fotode­signer nach Bielefeld verschlagen. Wie so viele moch­ten sie die Stadt erst nicht. Aber nach einigen Jahren am Teuto ist Sven Nieder überzeugt: »Bielefeld ist definitiv eine schöne Stadt«. Die Entscheidung, nach dem Studium zu bleiben, war Auslöser für das Projekt ›Über Bielefeld‹. Der daraus entstandene Bildband wurde von Björn Pollmeyer, einem weiteren FH-Absolventen, gestaltetet. »Eine Liebes­erklärung an die Stadt«, sagt Texter Roland Siekmann und Sven Nieder räumt ein: »Wir haben ein wenig mit einem rosa Filter fotografiert«. Aber nicht nur durch den sehen etwa Universität oder Müllverbrennungs­anlage gar nicht so schlimm aus wie in echt.

Eine Frage der Perspektive

»Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive man das sieht«, erklärte Roland Siekmann bei der Buchvorstellung Mitte Februar in der Galerie ›Artists Unlimited‹. Dass die Präsentation des Bildbandes dort stattfand, passt zu den teils fast abstrakten Bildern, bei denen nicht der »Guck mal, da wohn ich«-Faktor, sondern die Ästhetik im Vordergrund steht.

Dennoch kommen Fakten nicht zu kurz. Dafür verantwortlich sind die informativen Texte des Historikers Ro­land Siek­mann, der unter anderem den ›Stadt­führer Bielefeld‹ geschrieben hat. So erfährt der Leser, dass die Ravensberger Spin­nerei 1855 bis 1857 »weit außerhalb der Stadt auf freiem Feld errichtet« wurde. Und die Generation von Nieder und Pache weiß nicht unbedingt, dass die ›Raspi‹ in den 70er Jahren abgerissen werden sollte und nur dank einer Bürgerinitiative heute ein kulturelles Zentrum der Stadt ist.

Ein wenig merkt man den rosa Filter auch Siekmanns Texten an. So wird nicht jeder die U-Bahn-Station auf dem Siggi als »großstädtisches, rundes Glasportal« wahrnehmen. Es kommt eben immer auf die Perspektive an.

Aber auch objektive Betrachter können nicht bestreiten, dass Bielefeld die grüne Stadt ist, als die sie der Bildband zeigt. Und dass die Stadt lebt, zeigen die Fotodesigner auch dadurch, dass sie im vergangenen Jahr die wichtigsten Veranstaltungen der Stadt überflogen haben, vom Carnival der Kul­turen über das EM-Rudelgucken auf dem Jahnplatz, bis zur Wilden Liga oder dem Flohmarkt auf dem Siggi. Bekennende Biele­­felder werden ihre Liebe zur Stadt be­stätigt sehen. Zwangsverschickte Neu­biele­felder können ihren Bielefeldhass mit neuen Perspektiven vielleicht mildern und die Daheimgebliebenen beruhigen: Bielefeld existiert und ist eigentlich ganz schön schön. Zumindest von oben.

Info:
Über Bielefeld. Fotografie: Sven Nieder, Ralf Pache. Gestaltung: Björn Pollmeyer. Text: Roland Siekmann. Regionalverlag Thomas P. Kiper. 156 Seiten, 146 Farb­fotografien. 29,90 Euro. www.ueber-bielefeld.dete Grabeland ausweiten.