
Schon ein paar Tage her, dass die ›Schlimme Band‹ auf ihrer ersten CD »Hä?« die Hymne auf den Bielefelder Westen einspielte. Schon ein paar Jahre her, dass »Hier ist der Westen« mehr als Verklärung war, meint Achim Borchers
Wie Hymnen halt so sind. Mal ein Auge zudrücken bei dem, was man liebt. Dann geht auch »kein Neukölln, kein geföntes Ghetto. Nepper, Schlepper, ham wir nicht in petto..... Schickimicki ist hier verhasst: Kein Viertel, das ins Prada-Täschchen passt.« Auch wenn heute zwischen Goldbach und Alm die Mieten oft exorbitant hoch, Hausbesetzer Hausbesitzer geworden sind und der Preisunterschied zwischen Prada-Schuh und Öko-Schlappe gen Null tendieren kann: Geld und Geisteshaltung sind zum Glück manchmal auch zwei paar Schuhe.
»Natürlich kannst du zu Recht sagen, dass es Schöngerede ist,« erklärt Bassist Gunnar Gliech. »Irgendwann haben wir natürlich gemerkt, dass diese West-Affinität einschränkt, zum Selbstläufer wird. Aber ich fühle mich wohl hier. Der Siegfriedplatz als Zentrum, die Kinder gehen hier zur Schule, es ist alles einfach stimmig.«
Stimmig wie die erste CD »Hä?« der Band mit dem cleveren Namen – eine schlimme Band kann zumindest niemanden enttäuschen. Raubauziger, schön schmutzig produzierter deutschsprachiger Rock mit Lokalkolorit. »Die Kopie geht an Cooper« steckt musikalische Vorlieben und Einflüsse der Band ab, ist aber auch Verbeugung vor dem Menschen, der diese erst entdecken ließ. Damals in den 70ern und 80ern in seinem legendären Plattenladen ›Phonac‹. Und der ›Schlimmen Band‹ gab Cooper ihren Namen.
Neues rotziges Leben
Gewachsen ist die Band, zu der im aktuellen Lineup neben Gunnar noch Thorsten Höning (voc), Spörk (git), Ansgar Samson und Alexander Frie (git) gehören, auf unzähligen Livekonzerten mit Coverversionen. Auf »Hä?« finden sich noch zwei davon: »Jenseits von Eden« haucht dem Song, in dem ›Ton, Steine, Scherben‹ für einen Moment Punk waren, neues rotziges Leben ein. »Lass mich doch dein Köter sein«: Stooges als düsteres Brett, deutsch getextet vom Bielefelder Lyriker Hellmuth Opitz, der auch »Hier ist der Westen« schrieb.
»Irgendwie waren wir es leid mit dem Covern. Wir waren auch nicht wirklich gut, wir haben ja auch eigentlich nur vor Auftritten geprobt«, erinnert sich Gunnar. »Aber solange Desperados, Sounds und Fidibus da mitgezogen haben, war es ok. Dann haben wir begonnen, selbst Songs zu schreiben, Thorsten die Texte, ich die Musik.«
Im Viertel, in dem sich die ›Schlimme Band‹ auskennt, trifft sich das Nützliche mit dem Angenehmen. Der erste Proberaum lag im Keller unter dem Desperados, der aktuelle befindet sich unter ihrer inzwischen langjährigen Stammkneipe Fidibus. Neben einigen Ausflügen übers Viertel hinaus spielten sie sich in diesem gastronomischen Bermudadreieck regelmäßig den Arsch ab. Aber als die einfachen Bierkneipen weniger wurden, wurde es auch insgesamt leiser. Gunnar: »Mit dem Soloprojekt ›Uschi Obermeier Experience‹ hab ich letztens im Desperados gespielt. Unplugged, elektrisch geht nichts mehr, wegen der Nachbarn. Es gibt ja kaum noch Kneipen, wo du mit einer Band auftreten kannst. Selbst im Extra laufen nur noch Unplugged-Konzerte. Also wo kann man noch spielen? Da bleibt nicht mehr viel außer dem Fidibus.« Darauf kann man sich einigen: Der Westen braucht wieder ein Rock 'n’ Roll-Gesicht.