Webwecker Bielefeld: Friedliche Hütten (01.04.2009)

Friedliche Hütten (01.04.2009)




Die wohl kleinste Wohnungsgenossenschaft in Bielefeld ist gleichzeitig auch die jüngste.  Ein Bericht von Friederike Schleiermacher

 

Mit ihren gut 60 Mitgliedern ist die Genossenschaft ›Friede den Hütten‹ vergleichsweise klein. Die Erwachsenen sind zwischen 20 und 65 Jahre alt und leben mit einer Anzahl Kindern in mittlerweile fünf Häusern. Drei stehen im Kamphofviertel, zwei auf der anderen Seite der Jöllenbecker Straße im Bielefelder Westen. Und die Häu­ser sind sehr unterschiedlich. Groß in der Ernst-Rein-Straße, klein in der Meller Straße. Altbauten, denen man ihre Geschichte ansieht, die die Vielfältigkeit ihrer Bewohner ausstrahlen und liebevoll gestaltet sind.

Begonnen hatte alles Mitte der 80er Jahre, als der Verlauf des Ostwestfalendammes durch das Kamphofviertel geplant war. Der alte Hausbestand des traditionellen Arbeiter­vier­tels sollte dem modernen Highway weichen. Die Häuser verloren massiv an Wert, die Mieten sanken. Eine Gruppe engagierter Menschen entwickelte die Idee, Häuser genossenschaftlich zu kaufen und zu bewohnen. Dabei ging es nicht nur um den Wohn­raum, sondern um politische Einfluss­nahme und eine selbstbestimmte Gestaltung der Lebensbedingungen im Kamphof. Was die Umsetzung des Genossenschaftsgedanken nicht einfacher machte.

Nachdem die Stadt Bielefeld die Verkehrs­planung änderte, stellte sie die von ihr aufgekauften Immobilien zehn Jahre lang unter die Verwaltung der LEG. Danach gingen die meisten Häuser an die ›Bielefelder gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH‹ (BGW), eine 75-prozentige Tochter der Stadt Biele­feld. Das erste Haus wurde der neu gegründeten Genossenschaft ›Friede den Hütten‹ in der Nordstraße von privat angeboten. Es gab die kaufwillige Initiative, es gab etwas Eigen­kapital, da fehlte nur noch eine Bank, die das Vorhaben mit Krediten unterstützte. Das hieß Klinkenputzen, um smarte Banker von einer Idee zu überzeugen, die mit deren Le­bens­welt vermutlich kaum in Einklang zu bringen war. Dementsprechend hagelte es Absagen. Weil das Unternehmen zu waghalsig war? »Nee, die haben sich einfach nicht getraut«, vermutet Gisela, die damals mit da­bei war.

Letztendlich halfen indirekte persönliche Kontakte: Der Vater eines Genossenschaftlers unterhielt als Prokurist einer größeren Firma gute Geschäftsbeziehungen zu einer Bank, die sich tatsächlich von der Finanzierungs­idee begeistern ließ. Ein Glücksgriff, denn noch heute ist sie die Hausbank der Ge­nossenschaft – mit immer noch demselben Kundenbetreuer.

Mehr als günstige Miete

Ein typisches Wohngefühl gibt es wohl eher nicht. Die Motivationen, genossenschaftlich zu wohnen, sind so vielfältig wie die einzelnen Menschen. »Da ist natürlich die günstige Miete. Aber das ist sicher nicht alles. Es ist eben auch nett, in einer guten Hausgemeinschaft zu wohnen,« meint Nicole.

Die Bewohner sehen es als Vorteil, sich zu kennen und nicht nur zu wissen wie sie aussehen, ohne Scheu um Rat oder Hilfe fragen zu können und bei Bedarf Unterstützung zu erhalten. Der Einzug war für manche eine bewusste Entscheidung, andere sind einfach so hineingerutscht. Da ergänzen sich der Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Bedürfnis, in der Privatsphäre nicht gestört zu werden. Mal gemeinsam zu kochen oder mal etwas mit anderen zu unternehmen, ohne die Verpflichtung, mitmachen zu müssen. Kommunarden sind sie keineswegs. »Zu­sammen, aber nicht privat«, so definiert Gisela es für sich.

Auch die Möglichkeiten der Mitbestimmung spielen eine Rolle: sich nichts vorsetzen zu lassen, sondern selbst Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Das ist auf der einen Seite reizvoll, auf der anderen Seite aber nicht immer einfach. Jeder hat die Möglichkeit, Ideen und Vorschläge einzubringen. Und vor allem kann jeder mit abstimmen. Auch wenn die Abstimmungs­er­gebnisse nicht immer die eigenen Erwartungen erfüllen, so ist doch jeder an den Entscheidungsprozessen beteiligt. »Ganz raushalten geht nicht«, betont Genossin Barbara.

Genossenschaftler sind Mieter und Vermieter in einer Person. Jonas beschreibt die Doppel­funktion so: »Die meisten Bewohner fühlen sich als Mieter, weil viele aus einer Kultur kommen, in der sie die Nicht-Besitzenden sind. Und stellen also Ansprüche an die Genossenschaft. Wir sind aber beides, Mieter und Vermieter. Ich habe auch erst lernen müssen, dass ich in eine Wand einfach nur ein Loch machen muss, dann habe ich ein Fenster«. Trotzdem gelten für die Nutzer von Wohnraum natürlich auch bestimmte Be­dingungen und Regeln. Nicht viel anders, als im Mietverhältnis. »Das Leben ist manchmal schon anstrengend hier, denn es ist gar nicht so leicht, Dinge gemeinschaftlich zu regeln.« empfindet Nicole. Denn alle Entscheidungen über den Wohnraum trifft die Genossenschaft und damit alle Mit­glieder. Das können bau­liche Verände­rungen, die Abstimmung von Regelungen für das Miteinander oder die Aus­wahl eines neuen Genossen für eine freie Wohnung sein.

›Friede den Hütten‹ bezieht – anders als die großen Wohnungsgenossenschaften – ihre Mit­­glieder direkt ein. Nicht nur in Ent­scheidungsprozesse, auch in die Umsetzung von Entscheidungen. Denn es gibt eben keinen Vermieter, der die olle Treppe mal eben sanieren lässt. Da muss sich jemand finden, der ein Projekt in die Hand nimmt: alle Be­teiligten informieren, Eigenleistun­gen und Handwerker koordinieren, das Budget im Auge behalten,vielleicht beim Vor­stand mehr Geld beantragen und vor allem für alle Be­teiligten ansprechbar sein. »Es kommt durch­aus vor, dass die Verant­wort­lichkeit bei langwie­rigen Maß­nah­men schon mal weiter gegeben wird, weil eine Person es auf Dauer nicht leisten kann«, er­klärt Gisela.

Das ist nicht anders als in Vereinen, die von ehrenamtlichem Engagement leben. Eini­ge Mitglieder brin­­gen sich gern und oft ein, andere seltener. Das kann schon für Konflikte sor­­gen, beson­ders in den kleinen Häusern, in denen die anfallenden Arbeiten auch nur auf wenige verteilt werden.Aller­dings zeigt die Erfahrung auch da eine gewisse Dyna­mik: Beteiligung und Rückzug wechseln bei den Einzelnen. Barbara stellt klar: »Es ist ja auch oft eine Frage der momentanen persönlichen Situ­ation, wieviel Kapazität noch frei ist.«

Groß genug

Die Mitbestimmung ist jedoch nicht auf das persönliche Wohnumfeld begrenzt. So haben die Mitglieder entschieden, dass ›Friede den Hütten‹ sich nicht weiter vergrößern soll. Die basisdemokratische Form, dass alle an allem beteiligt sind, wäre dann nicht mehr zu halten. Eine neue Organisationsstruktur müs­ste dann her. »Das wollen wir definitiv nicht«, sagt Gisela und wird nachdenklich. »Obwohl, wenn unsere Freunde aus der Nachbarschaft mit dem ganzen Haus hier anfragen würden, wer weiß? Vielleicht wäre das ja dann was Anderes.« Das ist das Schöne: Entscheidungen können auch verändert werden. »Das ist ja nicht als goldene Regel auf ewig festgeschrieben,« ergänzt Barbara.

Viermal im Jahr tagt die Mitgliederver­sammlung. Die Geschäftsführung erfolgt ehrenamtlich und damit die Interessen gleichmäßig vertreten sind, entsendet jedes Haus eine Person in den fünfköpfigen Vor­stand. So sind alle direkt über das informiert, was in jedem Haus gerade so anliegt. Der Vorstand wird von einem Aufsichtsrat kontrolliert, der auch von der Mitgliederschaft gestellt wird. Agieren und kontrollieren liegen hier dicht beieinander. Obendrein prüft ein Wirtschaftsprüfer jährlich die Bücher. Das ist vorgeschrieben und gibt Sicherheit für den Fortbestand. Und die Immobilienwerte? Die gehören der Genossenschaft oder vielmehr eher noch der Bank. Die Mit­glieder von ›Friede den Hütten‹ erwerben keinerlei Eigentum. Das ist ihnen wichtig.

Dies drückt sich auch im Namen aus: »Frie­de den Hütten! Krieg den Palästen!« war die Parole einer Flugschrift von Georg Büchner, mit der er die hessische Landbevölkerung 1834 zur Revolution aufrief. Die Genossen­schaft verzichtete auf den zweiten Teil des Zitats. »Friede den Hütten – das gab eigentlich überall Beifall, weil wir das mit dem Krieg ja nicht benannt haben. Aber jeder kannte den Zusammenhang,« erinnert sich Jonas. »Es stand für eine bestimmte Richtung damals, die angesagt war.« Und sich nicht überlebt hat.