Wer im Viertel singen möchte, kann unter vielen Chören wählen. Von Aiga Kornemann
»Wenn die koreanische Gemeinde bei uns singt, öffnen die Nachbarn ihre Fenster, der ganze Stadtteil ist vom Wohlklang erfüllt«, schwärmt Christoph Steffen. Im Gemeindehaus am Johanniskirchplatz singen auch der Lydia-Kirchenchor, »Eine Frau für jede Tonart« und ein Gospelchor. »Chorsingen boomt«, sagt Pfarrer Steffen. Eine beeindruckende Zahl sängerischer Laienformationen, denen Viertel-Bewohner angehören, die sich im Viertel gründeten, hier proben, Konzerte geben oder wenigstens noch ihre Jahreshauptversammlung in der Bürgerwache abhalten, gibt ihm Recht.
»Durch die Stimme gemeinsam schwingen, ist das größte musikalische Erlebnis«, findet zum Beispiel Andreas Gummersbach. Die komplexen Jazz-Arrangements seiner Chit Chat Company sind nichts für Anfänger. Wer vorgesungen und sich das Repertoire erschlossen hat, wird mit der Teilhabe an einer Gemeinschaft belohnt, die ihren Zusammenhalt wie viele etablierte Chöre mit Auslandsreisen pflegt. »Wir müssen Highlights schaffen, die verbinden«, sagt Gummersbach, »Chöre leben von Kontinuität«. 20 Jahre Bühnenpräsenz haben die 30 SängerInnen im Mai gefeiert.
Solche Beständigkeit wünscht sich Marion Meisenberg für den frisch gegründeten Viertel-Chor. Seit Herbst 2008 probt die Stimmtrainerin mit bislang fünf Frauen im Alarmtheater Weltmusik. »Einfache Lieder, ein mazedonisches, ein englisches, was uns gefällt.« Niemand brauche Notenkenntnis, um mitzusingen. Künstlerischer Ehrgeiz ist nachrangig. Als »Nachbarn, die für Nachbarn singen« freut sich der junge Chor darauf, gezielt und ohne sich anzukündigen »Orte im Viertel zum Klingen bringen, die selten besungen werden«.
Kein Fall für die Oetkerhalle. Im großen Saal konzertieren der Universitätschor, der Konzertchor Bielefeld und der fast 120 Jahre alte Oratorienchor der Stadt. Mit den Bielefelder Philharmonikern bringen die 170 Mitglieder des früheren »Volkschors« unter der Leitung von Hartmut Sturm traditionell geistliches Repertoire zu Gehör. »Die Jüngste ist 13, der Älteste 80«, vermeldet die Vorstandsvorsitzende Rosemarie Pflieger. Tendenziell seien es schon eher Bildungsbürger über 40, die das Chorsingen zu ihrem Hobby machten, darunter deutlich mehr Frauen als Männer.
Jenseits der Herforder Straße ist der Bielefelder Trostchor noch fußläufig zu erreichen. 28 Frauen und zwei Männer begleiten Sterbende und Trauernde mit Kanons und Mantren. Für die Initiatorin Monika Noller liegt die Faszination des Singens in der Heilwirkung: »In unseren Liedern werden einfache musikalische Themen wiederholt. Darin liegt ihre Kraft«. Auch der Trostchor sei eine gewachsene Gemeinschaft, alle Mitglieder über 30 Jahre alt. »Vielleicht liegt es daran, dass man sich schon verpflichten muss, dabei zu bleiben«, vermutet Noller. »Außerdem hängen viele die Erwartung zu hoch, wie man singen können muss, um singen zu dürfen.«
»Nicht Perfektes aushalten«
»Nicht Perfektes auszuhalten, fällt manchmal schwer«, weiß auch Christoph Beninde vom WOZA-Chor. Vor 25 Jahren aus der Anti-Apartheid-Gruppe des Welthauses gegründet, singt WOZA bis heute gegen Rassismus und Gewalt. Oft hadern die knapp 40 Beteiligten mit Wissenslücken in der Aussprache oder Übersetzung der Liedtexte. »Wir hängen das Formale zu hoch«, erlebt Beninde, »dabei finden es alle Muttersprachler toll, dass wir ihre Lieder singen. Auch wenn da mal was falsch klingt«.
Darum tragen die Knebel-Chöre kein Taschentuch im Mund: »Was zu dumm ist, gesagt zu werden, wird gesungen«, haben sie zum Leitmotiv des Jubiläumskonzerts gemacht. Am 31. Oktober feiern gut 50 Mitsingende zehnjähriges Bestehen in der Oetkerhalle mit Liedern, Schlagern und selbst betexteten Coverversionen. Optimalerweise flankieren weitere 99 »ehemalige Nichtsänger« das Programm, die der Chor gerade für sein »Debütantenprojekt« zu gewinnen versucht. »Das Schönste am Singen ist, dass man alles andere dabei vergisst«, lockt Chorleiter Thorsten von Knebel. Leichte sportliche Aktivität mit Geselligkeit zu verbinden, sei der größte Vorteil eines Chors. Was die DebütantInnen singen werden, stehe auch schon fest: »Ein Lied«.
Info: Der Mitglieds- oder Kostenbeitrag der hier genannten Chöre liegt zwischen 10 und 20 Euro pro Monat.