Webwecker Bielefeld: Filiale des Jenseits (01.07.2009)

Filiale des Jenseits (01.07.2009)



 

Christen wollen dem Bielefelder Westen die Liebe Gottes schenken. Unglaublich fand das Bernd Kegel und hat sich den Gläubigen in einem Selbstversuch genähert

 

Wittekindstraße 42: ›Parlando‹ heißt jetzt ›Präsent‹. Wo einst Anarchisten versuchten, sich unter Einwirkung vegetarischer Speisen um Kopf und Kragen zu reden, hat das Jenseits eine Filiale eröffnet. Rührige Christen betreiben hier ihr Café, mit dem sie Ausstrahlung im Viertel erwirken möchten. Das lockt mich als bekennenden Agnostiker – also als einen Atheisten, der eine Höllenangst davor hat, dass er vielleicht doch unrecht hat und Gott stinksauer auf ihn ist. Mit vielen Fragen und einer alten Bibel unterm Arm pilgere ich zu den Gläubigen.

Finster und feucht ist es an jenem Abend, an dem es zur Begegnung kommen soll. Freundlich locken die hellen Fenster des wohlbekannten Eckladens im Bielefelder Westen. Kinder ballern ihren regennassen Lederball gegen die großen Scheiben des Treffpunkts. Lebenszeichen von drinnen bleiben aus. Dabei erkenne ich Umrisse von Menschen, die drinnen sitzen, mit geneigtem Haupt, um den Tisch herum. Vielleicht ist Schlimmes passiert, also trete ich ein, um Hilfe zu bringen. Jetzt kehrt Leben ein, freundliche Gesicherter schauen auf. Die Gemeinde beendet gerade ihr Treffen. Sie haben gebetet. Wofür, das werde ich gleich erfahren.

»Gott kennt diesen Stadtteil«

»Ich bin hier an der Jölli aufgewachsen«, erklärt Dieter Linde. »Ich fühle mich dem Viertel verbunden und möchte Positives einbringen«. Das klingt ausgesprochen sympathisch. »Alternative Leute, die was für andere im Viertel tun«, hätte ich früher gesagt und vielleicht gleich mitgemacht. Die schwarze Bibel neben meinem Teeglas scheint mir deplatziert. Dieter Linde, Vorsteher der freien Gemeinde, ist ein junger Mann mit langem Haar. ›Präsent‹, so fährt er fort, »das soll heißen: Wir machen dem Viertel ein Geschenk. Das Geschenk ist die Liebe Gottes«. Ich lege meine Hand auf die Bibel. Sie ist doch nicht fehl am Platze.

»Leidenschaftlich« sei man hier dabei, »Gottes reale Anwesenheit in der Welt erfahrbar werden zu lassen.« – »Ich will mich nicht mehr verstecken«, erklärt Gerwin Heinrich, der dritte Mann am Tisch. »Ich bin Christ! Das habe ich von zu Hause mitbekommen, doch dort wurde alles zerteilt. Hier Glaube, dort Politik. Für mich gehört das zusammen!« Dieter Linde erweitert diese Idee: »Ich glaube, dass Gott diesen Stadtteil kennt. Ich möchte, dass er in mein Leben hier eingreift!«

Linde und Heinrich sind Mitglieder des freikirchlichen ›Christlichen Zentrums Bielefeld‹ (CZB), dem zurzeit rund 300 Menschen zuzurechnen sind. Das CZB ist ein 1977 gegründeter Verein mit einem Zentrum in Hillegossen. »Doch das war uns zu weit außerhalb«, erklärt Linde. »Wir wollten mitten rein ins Viertel«. Religiös lässt sich das CZB den charismatisch-pfingstlichen Freikirchen zurechnen. Sie treffen sich in Hauskreisen und erleben diese Zellgruppen als eigentliche Gemeinde.

Sie haben Sendungsbewusstsein, wollen aber nicht missionieren. »Gott ist kein exklusiver Gott«, meint Linde. Er sei für alle da. Deshalb investieren sie seit vier Jahren in den Treffpunkt mit Jugendgruppe und Kidstreff, Internet und Popmusik, Kaffee und Kuchen. »Da sind uns auch muslimische Nachbarn willkommen. Sie sollen einfach sehen, was Christen so machen.« »Nichts ist so attraktiv für Nichtchristen«, wird seitdem auf der Homepage konstatiert »wie die gelebte ganzheitliche Gemeinschaft«. Ergo: »Die Zellgruppe wächst«. Und mit ihr die Hoffnung, dass bald »eine Stadt, eine Region, ja, das ganze Land für Jesus Christus erreicht« sein wird. Urbi et orbi, ganz ohne Missionieren.

Christenglauben mit Sprengkraft

Die Christen im ›Präsent‹ beten, dass »Gott sich einmischt«. Vorhin, erfahre ich jetzt, habe man für einen Jugendlichen gebetet, der im Viertel beim Herumpöbeln beobachtet worden war. Da ging die gute Bitte an Gott, dass dem jungen Mann geholfen werde und das Viertel von Vandalismus verschont bleiben möge. Die Hand auf der Bibel, melde ich mein Ressentiment an, dass Politik und Glauben zu mischen, immer nur Probleme gebracht hat. »Politik ist nicht Sinn und Zweck unseres Glauben«, höre ich als Gegenargument. »Christenglauben hat Sprengkraft. Das ist politisch.«

In den 1970er Jahren wurden viele Freikirchen in Deutschland gegründet. Meist in Großstädten, fast immer in Anlehnung an die Pfingstler der USA. »Hier werden Emotionen zugelassen!«, erklärt Pastor Andreas Volkmar von der selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Der Mann ist ein Kenner der freikirchlichen Szene in Ostwestfalen-Lippe. »In der Amtskirche besteht die Gefahr, dass Gefühle heraus gedrängt werden«. Bei den Charismatischen dagegen finde wortwörtliche Begeisterung statt.

Deshalb ist Pfingsten für die Gläubigen im ›Präsent‹ auch weit mehr als eine Art Weihnachten bei besserem Wetter. Pfingsten erinnert an den Besuch des Heiligen Geistes bei den ersten Christen, wie er in Feuerzungen über sie kam. Charismatiker sind sich sicher, dass sich dieses Ereignis ständig neu erleben lässt. In euphorisch gefeierten Festen holen sie Gott per Gebet in ihre Mitte. Dann werden ihnen Charismen zu­teil: gute Gaben, die in göttlicher Gnade über sie kommen.

Exorzistische Vollmacht inklusive

Nicht in gnädiger Herablassung eines Priesters oder Popen, sondern von einem Gott, der direkt mitfeiert. So erfahren sie urchristliche Heilsgaben. Für den einen oder die andere springt möglicherweise sogar eine exorzistische Vollmacht heraus.

»Es gibt sehr viele reflektierte Menschen unter ihnen«, meint Pastor Volkmar über die ostwestfälische Szene. »Ein Höchstmaß an Reflektionsfähigkeit ist auch nötig. Sobald die versagt, kann es gefährlich werden«. Zum Ende der Ära Bush gab es in den USA 70 Millionen Evangelikale, die mit ihrem Slogan: »Wir sind im Besitz der Wahrheit« offenbarten, dass ihnen die Feuerzungen anscheinend die Fähigkeit zur Reflektion weggelutscht hatten.

Und Anfang 2009 beteten in Deutschland 350.000 Evangelikale »für Christen in Schlüsselpositionen« und »für unsere Regierung«. Sie glauben an den realen, ins Leben eingreifenden Gott, den sie beeinflussen können. Sie beten ihn an als Organisatoren von Rollbacks, die sich auch gegen Emanzipation und Evolutionstheorie richten. Schnell erfolgt hier die Metamorphose vom hingebungsvoll vor sich hin betenden Clübchen zu einer Bewegung, die kollektiv Amok glaubt.

Als ich mein schwarzes Buch unter den Arm klemme und das ›Präsent‹ verlasse, fühlt sich der Atheist in mir gestärkt. Ich bin nun überzeugt, dass es nur darum gehen kann, all die Zustände in der Welt zu beseitigen, die die Illusion eines Gottes hervorrufen. Oder diese Illusion notwendig erscheinen lässt. Es ist Marx, der das gesagt hat, und auch, dass Religion nicht den Grund weltlicher Beschränkung darstellt, wohl aber ihr Phänomen ist. Es wird noch etwas dauern, bis der Mensch sich von Gott emanzipiert hat. Bis dahin werden noch einige daran glauben. Müssen – müssen tun sie es nicht. Das glaube ich.