Webwecker Bielefeld: Ehrenamtlich Backstage (01.07.2009)

Ehrenamtlich Backstage (01.07.2009)



Foto: Gabor Wallrabenstein




Beim Tausch- und Trödelmarkt legen sich mehr als vierzig ehrenamtliche Helfer krumm –  gerne, immer wieder. Silvia Bose hat die Quelle ihrer Begeisterung gesucht

 

»Ohne uns geht hier nichts«, brüllt Heinz-Hugo Budniewski über einen Mordslärm hinweg. »Wir sind hier der Dreh- und Angelpunkt«. Teller, Tassen und Gläser klappern, Wasserhähne rauschen, Ausgüsse gurgeln und die Spülmaschine speit Wasserdampf. Eine dicke Wolke verschlingt den kleinen Mann, bis der Deckenventilator frische Luft in die subtropische Küche gewälzt hat. »Alle stehen hier und wollen was. Laufend... «, hebt Heinz-Hugo mit dramatisch aufgerissenen Augen an. Weiter kommt er nicht.

Der Mann ist gefordert – muss einen Stapel sauberer Teller zum drängelnden Kollegen schieben, schmutziges Geschirr zu einer anderen Kollegin reichen, verhakte Kuchengabeln aus dem Korb zupfen und dabei gekonnt Hermann Bullig, Bärbel Schäfer und Thomas Krüger ausweichen. Dem eingespielten Team gelingt in der engen Spülküche ein Ballett, bei dem jeder Schritt sitzt und selten ein Handgriff daneben geht. »Warum ich das mache? « Heinz-Hugo scheint die Frage zu empören. »Aus reinem Engagement! Und weil ich gerne Kuchen esse«.

Die Antwort ist ein Ausreißer. Für Kuchen oder das so genannte Helfergetränk nach getaner Arbeit legen sich die rund vierzig ehrenamtlichen Helfer der Bürgerinitiative (BI) Bürgerwache nicht krumm. Und es ist auch nicht die Lust an der Selbstausbeutung, die Mediziner, Altenpfleger und Drucker alle vier Wochen zu Kellnern, Zapfern und Tellerwäschern mutieren lässt. Es ist vielmehr der feste Wille, die Bürgerwache als Stadtteilzentrum zu erhalten.

»Gut, dass es so ein Haus gibt«

»Ich finde es gut, dass es so ein Haus gibt. Und das gibt es nur durch den Tausch- und Trödelmarkt. Also, mache ich das eben«, sagt Norbert Pohl mit einem Achselzucken. Er weiß wie alle anderen Helfer, dass der Verein ›BI Bürgerwache‹ seit rund zehn Jahren mit einem gleichbleibend niedrigen Betriebskostenzuschuss der Stadt auskommen muss. Ohne die Erlöse aus dem Tausch- und Trödelmarkt mit den selbstgebackenen Kuchen als Standgebühr müsste der Verein das Handtuch werfen.

Norbert trocknet sich die Hände und schiebt einen Haufen Kuchengabeln zur Seite, die ihm jemand aus der Spülküche vor die Nase gestellt hat. Jetzt hat er wieder freie Sicht auf drei Teller mit sieben Kuchenstücken, zwei Kaffee und eine Apfelsaftschorle. Der Kassierer starrt auf die Leckereien – und rechnet. Jetzt bitte nicht ansprechen. Der Kuchen kostet zwischen 50 Cent und einem Euro, der Kaffee 1,50 Euro, plus Pfand. »Das macht 9 Euro und 6 Euro Pfand«, sagt Norbert. »Korrekt, Mann«, findet der Kunde mit Dreadlocks und kramt in seiner Hosentasche nach Geld.

Norbert organisiert mit Matthias Wortmann das Kuchenteam im Wechsel. Beide haben über die Jahre einen Pool von Helfern zusammengestellt. Schwierig kann es nur mal in den Ferien oder bei verlängerten Wochenenden werden. Heute hat Norbert 14 Leute in zwei Schichten eingeteilt, die hinter der Kuchenvitrine Wünsche erfüllen.

Mehr als 20 Kunden warten in der Schlange. Mit langem Hals oder einem Ausfallschritt zur Seite versuchen sie schon mal einen Blick auf das Angebot zu erhaschen. Die Entscheidung sollen dann letzte Fragen klären. Die einfachste ist: »Wie schmeckt der denn?« Manch einer will wissen, ob in diesem Kuchen Haselnüsse sind, ob der mit Eiern gemacht ist oder ob in jenem Weizenmehl verbacken wurde. Bei den meisten Fragen müssen Norbert und sein Team passen. Sie schaffen es einfach nicht 120 Kuchen zu probieren, geschweige denn die Zutaten zu recherchieren.

Macht nichts. Fast alle Kunden finden etwas Leckeres, ziehen mit ihren Tellern und Tabletts auf den Platz, schlemmen und bringen ihr Geschirr irgendwann zu Martin Kapke. Das ist der freundliche Herr am Fenster, wo es das Pfand zurück gibt.

Ihm wird ein sicheres Gespür für den besten Job nachgesagt. »Ich fand das hier am schönsten und am unaufwendigsten«. Martin lächelt schlitzohrig, lehnt sich wieder auf die Fensterbank und genießt die gute Aussicht auf den Platz. Er grüßt, plauscht, fingert ab und zu mal ein paar Euro Pfand aus der Kasse und schiebt das Geschirr Richtung Spülküche.

Nichts lässt darauf schließen, dass es an Martins Fenster vor zwei Stunden noch richtig hoch herging. 120 Leute haben da angestanden, um ihren Kuchen und die Standgebühr von fünf Euro abzuliefern. Martin hat die Kuchen begutachtet, als selbstgebacken eingestuft, kassiert und die Standkarten abgestempelt. Hinter ihm haben Thomas und Hermann die Torten im Akkord aufgeschnitten und zum Kuchen-Team gebracht.

»Das ist einfach Lebensqualität«

Hermann macht sich übrigens als Ehrenamtlicher für die Bürgerwache stark, obwohl er schon seit Jahren in Berlin wohnt. Auch Thomas ist schon seit acht Jahren dabei. Vorher hat er sich in Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften und einem Verein für die Integration psychisch Kranker engagiert. »Das ist mein Beitrag für die Gesellschaft«, sagt Thomas, als er gerade mal verschnauft. »Aber ich habe ja auch was davon – ich lerne Leute kennen, ich kriege Impulse – das ist einfach Lebensqualität«.

Alle denken hier so. Marion Pudor zum Beispiel: »Ich mache das gern, weil ich hier Leute treffe – das ist sehr kommunikativ«. Sie hat mit vier anderen Frauen die Theke von den Profis der ›KaffeeWirtschaft‹ für diesen Nachmittag übernommen. Sie muss gerade wieder einen Kunden enttäuschen. »Capuccino machen wir heute nicht – eingeschränktes Angebot«, erklärt sie zum x-ten Mal. Dafür haben die meisten Verständnis. Nur selten mosert jemand, etwa ein Lehrer, über Geld, für das er schließlich auch Service verlangen könne. Aber das sind Ausreißer. »Die Masse ist lieb und nett«, sagt Marion. Vier Stunden ackert sie mit den anderen »bis zum Umfallen«.

Spätestens um 19 Uhr hat das Ehrenamt eingepackt und den Profis die Theke übergeben. Hinter dem Haus lassen die Freiwilligen beim »Helfergetränk« den Trödelmarkt ausklingen. Viele lächeln selig. Wer nicht weiß, was diese Leute antreibt, würde jetzt sicher an eine Sekte denken oder an körpereigene Drogen, wie sie bei Marathon-Läufen ausgeschüttet werden.

Marion, Heinz-Hugo und die andern erzählen sich, wie es gelaufen ist. Alle sind zufrieden. Auch Silvio Paetsch, der eigentlich Hausmeister in der Bürgerwache ist, aber wie die meisten Festangestellten beim Trödelmarkt ehrenamtlich arbeitet. Eine Stunde lang hat er Stand um Stand abgeklappert und sich die von Martin abgestempelten Karten zeigen lassen. Ein Scheißjob. Aber Silvio hat als Türsteher unschlagbare Kompetenzen erworben. Zudem laden die Statur des Mannes, Tatoos und Outfit nicht unbedingt zu langen Diskussionen ein. Nur ein professioneller An- und Verkäufer von CDs hat versucht ihn zu bestechen, um an einen Stand zu kommen. Silvio lässt sich da auf nichts ein und das hat sich rumgesprochen. »Es gibt kaum noch dreiste Gesellen, die sagen: Ich stelle mich mal dazu«, erzählt Silvio, lehnt sich zurück und trinkt von seinem Weizen. »Und wenn, dann lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen.«

Neben ihm atmet Heinz-Hugo geräuschvoll durch. »Das war keine ruhige Kugel heute«, berichtet er aus der Spülküche. Er ist noch immer ganz aufgekratzt, zappelt auf seinem Stuhl und reißt beim Sprechen die Augen weit auf. »Wir schuften uns halb kaputt, damit die Bürgerwache überlebt.« Die anderen verdrehen die Augen. »Mann, jetzt stell Dich mal nicht so an. Wir machen das ehrenamtlich«.