Webwecker Bielefeld: Beton geschickt verkauft (28.03.2010)

Beton geschickt verkauft (28.03.2010)



Modell der Langen Lage: In das große Gebäude soll die Fachhochschule, in ein kleineres die Roboterforscher der Uni. Die Nutzung der restlichen Bauten ist noch offen. Foto: Universität Bielefeld


Ein Max-Planck-Institut war nie geplant und die Uni braucht die Lange Lage doch nicht als Ausweichquartier, der neue Hochschulcampus kommt trotzdem. Von Mario A. Sarcletti


»Ein Anliegen der Universität und ein Anliegen der Fachhochschule werden hier ganz geschickt verknüpft«, begründete der damalige Uni-Sprecher Ingo Lohuis, inzwischen als Leiter des neu geschaffenen Referats für Kommunikation auch für die expandierenden Marketingaktivitäten der Hochschule zuständig, 2007 im Interview für die ›Viertel‹ das Projekt Lange Lage.  14 Hektar grüne Wiese sollen dafür in dem Naherholungsgebiet zubetoniert werden. Das Anliegen der Uni war ein Ausweichquartier für die dringend nötige Sanierung des Gebäudes aus den 70er Jahren. Die Fachhochschule (FH) wiederum will schon seit Jahren ihre Fachbereiche an einem Standort zusammenziehen. Die geschickte Verknüpfung war, dass Teile der Universität während der Sanierung an die Lange Lage ziehen. Danach sollten die Neubauten von der FH genutzt werden. Daneben erhoffen sich die Befürworter des neuen Hochschulcampus durch ihn mehr Kooperation von Uni und Fachhochschule in Forschung und Lehre. Ein weiteres Argument für den Neubau war die Ansiedlung eines Max-Planck-Instituts.

Das klang überzeugend. Heute macht die ›geschickte Verknüpfung‹ aber eher den Eindruck von geschicktem Marketing. Denn dass eine Kooperation zwischen Universität und Fachhochschule trotz der verschiedenen Standorte kein Problem ist, zeigt die Ansiedlung des FH-Instituts für Apparative Biotechnologie auf dem Unigelände. Und zwei weitere Argumente für den Hochschulcampus sind inzwischen Makulatur.

Luftschlösser an der Langen Lage

Helmut Hruby von der Bürgerinitiative Lange Lage (BILL), die den Bau verhindern will, hält sie gar für vorgeschoben. »Das waren Luftschlösser, die da gebaut wurden«, glaubt er. Ein Schreiben der Max-Planck-Gesellschaft an die Bürgerinitiative aus dem Jahr 2007 stützt seine Vermutung: Danach gab es nie Pläne für ein Institut in Bielefeld.

Der zweite gute Grund entfiel dann im vergangenen Sommer. Genau eine Woche, nachdem der Rat den Bebauungsplan Lange Lage gegen die Stimmen von ›Bürgernähe‹ und ›Linke‹ beschlossen hatte, zauberte Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart, der sich gerne als »Innovationsminister« vermarktet, 130 Millionen für einen Ersatzneubau (ENUS) für die Uni aus dem Hut beziehungsweise dem Konjunkturpaket. Der ENUS der Uni soll auf den meist leeren Parkplätzen westlich der Parkhäuser errichtet werden, mehrere Fakultäten und die Mensa sollen auf 27.000 Quadratmetern eine neue Heimat finden. Für die Sanierung der Universität wird die Lange Lage nicht mehr benötigt.

Der ökologische Vorteil des Erweiterungsbaus auf den Parkplätzen ist, dass die schon versiegelt sind. Auch Plan B für einen FH-Campus, den ›Pro Grün‹ in einem Appell »an die Entscheidungsträger, in Alternativen zu denken« 2008 ins Spiel brachte, sieht vor, bereits betonierte Flächen zu nutzen: Nicht nur die Parkplätze sollen be-, sondern auch die tristen Parkhäuser für eine neue FH überbaut werden. Bereits 1999 wurden im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs detaillierte Pläne für diese Idee vorgestellt. Und verschwanden in der Schublade.

BILL befürchtet Verkehrsinfarkt im Westen

Dort sollen sie nach dem Willen der Befürworter des Projekts Lange Lage auch bleiben. Trotz der Probleme, vor denen BILL, bestätigt durch ein Gutachten, warnt. Neben der Zerstörung des Naherholungsgebietes fürchtet die Bürgerinitiative vor allem die Verkehrsströme. 7.000 Fahrten zum neuen Campus sollen täglich stattfinden. Die Annahme der Planer, dass 70 Prozent von ihnen per ÖPNV abgewickelt werden, hält Helmut Hruby für vollkommen unrealistisch: »Wir haben heute in Bielefeld eine Quote von 15 bis 20 Prozent, 70 Prozent wäre für Deutschland beispielhaft«. Der Individualverkehr soll über Dürerstraße, Schloßhofstraße und Zehlendorfer Damm geführt werden. Die Bürgerinitiative befürchtet einen Verkehrsinfarkt, da diese Straßen nicht für solche Verkehrsströme dimensioniert sind.  Auch die Jury des Architektenwettbewerbs Lange Lage scheint Sorge vor Blechlawinen zu haben und sieht einen »restriktiven Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr« als »dringend erforderlich« an.

Unter anderem wegen der erwarteten Verkehrszunahme hat BILL im Dezembe Klage vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) eingereicht. Denn die Hoffnung auf ein Umdenken der Verantwortlichen hat die Bürgerinitiative aufgegeben. »Es muss für irgendjemanden ein echtes Prestigeobjekt sein«, vermutet Helmut Hruby. Also muss das Gericht entscheiden, was nach Hrubys Einschätzung bis 2011 dauern kann. Bereits im Frühjahr 2010 sollen die Bauarbeiten für den Hochschulcampus beginnen. Sollte das OVG danach den Bau stoppen, hätte das Land schon Millionen in den Sand gesetzt. Beziehungsweise in die Lange Lage betoniert. Das müsste dann jemand geschickt den Bürgern verkaufen.