Webwecker Bielefeld: Autoverkehr(t) im Westen (01.07.2010)

Autoverkehr(t) im Westen (01.07.2010)



Foto: Gábor Wallrabenstein


Laut, dreckig und manchmal lebensgefährlich sind einige Straßen im Stadtteil. Anwohner wollen das ändern. Ein Bericht von Bernhard Wagner


Es gärt im Bielefelder Westen. Im April protestierten die Anwohner der oberen Weststraße. Auf der engen Fahrbahn weichen Autofahrer immer wieder auf den Bürgersteig aus. Das kann gefährlich werden für Fußgänger, die gerade ihr Haus verlassen. An die 50 Bürgerinnen und Bürger kämpfen seitdem um ihren Gehweg und fordern eine Einbahnstraßen-Regelung. Auch in der Schloßhofstraße regt sich Protest. Anfang des Jahres lagen Unterschriftenlisten für Tempo 30 aus. Die Straße ist laut und für ältere Menschen nur schwer zu überqueren. Die Kreuzung Schloßhofstraße / Melanchthonstraße zählt zu den 24 häufigsten Unfallpunkten in Bielefeld.

Krach, der krank macht

Zwar sind etliche Wohnstraßen im Viertel verkehrsberuhigt, die Durchgangsstraßen weisen jedoch Gefahrenpunkte und eine hohe Lärmbelastung auf. Was viele Anwohner bisher nur nervte, ist nun auch amtlich auf der Lärmkarte des ›Bielefelder Lärmaktionsplans‹ dokumentiert. Demnach wird mehr als ein Drittel aller Bielefelder durch erheblichen Straßenlärm belastet. Im Westen wurden am Ostwestfalendamm, an der Jöllenbecker Straße und der Stapenhorststraße Schalldruckpegel von mehr als 75 Dezibel gemessen. Die abstrakte Zahl steht für Krach, der krank macht. Schon ab 55 Dezibel werden Geräusche als Lärmbelästigung empfunden, die Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. 65 bis 70 Dezibel stressen den Körper, treiben den Blutdruck in die Höhe und können zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Herzinfarkt führen.

Fünf Millionen Autos lärmen

Diesem Risiko sind auch die Anwohner von Arndt- und Schloßhofstraße ausgesetzt, die jeweils den Lärm von rund fünf Millionen Autos jährlich ertragen müssen. Hier und in der Weststraße, der Wertherstraße oder der Dornberger Straße wurden um die 70 Dezibel gemessen. Ebenfalls stark belastet sind Teile der Kurfürsten-, der Siegfried-, der Melanchthon- und der Turmstraße.

Verkehrskonzept für den Stadtteil

Verbesserungsvorschläge gibt es viele. Auf einer Bürgerversammlung zum Lärmaktionsplan kamen gleich acht Ideen auf den Tisch, wie der Durchgangsverkehr in der Schloßhofstraße vermindert werden könnte. Tempo 30 könnte in mehreren Straßen den Verkehr verlangsamen, für weniger Lärm und mehr Sicherheit sorgen. Beschwerden und Proteste haben nun auch die Lokalpolitik auf den Plan gerufen. Seitdem steht die Verkehrssituation im Stadtteil auf der Tagesordnung der Bezirksvertretung Mitte. Vor allem die kleinen Parteien nehmen sich des Themas an. Hans Micketeit von der ›BfB‹ brachte einen Antrag zur Weststraße ein und die grüne Fraktionsvorsitzende Thea Bauer setzt sich für eine Tempobeschränkung auf der Arndtstraße ein. ›Die Linke‹ beantragte Überquerungshilfen am Siegfriedplatz und der Johanniskirche. Beschlossen wurde bereits Tempo 30 für die Dornberger Straße. Auch die ›Bürgernähe‹ setzt sich für eine konsequente Umsetzung des Lärmaktionsplanes ein. Sie hat ein Lärmmessgerät zur Verfügung gestellt, das gegen eine Spende im VCD-Büro im Umweltzentrum ausgeliehen werden kann.

Die vielen Ideen soll die Verwaltung jetzt in einem Gesamtkonzept für den Stadtteil bündeln. Deshalb hat das Amt für Verkehr in der Arndtstraße und Weststraße bereits den Verkehr gezählt. Bezirkspolitiker hoffen, dass die Vorlage nach der Sommerpause auf dem Tisch liegt.Zähes Ringen mit der VerwaltungBis jetzt ist noch nicht viel entschieden. Aber die Proteste der Bürger haben etwas in Gang gesetzt. Thea Bauer empfiehlt Anwohnern lauter und gefährlicher Straßen, sich zusammenzuschließen und Briefe an den Bezirksbürgermeister zu schreiben. Ihr Anliegen wird dann von der Bezirksvertretung behandelt. Bei der Sitzung dürfen Bürger in der Regel ihr Problem erläutern.

Ob der Dialog auch zu dem erwünschten Ergebnis führt, steht allerdings in den Sternen. Thea Bauer bezeichnet das weitere Procedere als »zähes Ringen mit der Verwaltung«. Die Initiative an der Schloßhofstraße hat damit schlechte Erfahrungen gemacht. Zwar wurde sie von der Bezirksvertretung angehört, fühlte sich aber von der Verwaltung an die Wand gedrückt. Auf die ausführlich und professionell vorgetragene Gegenposition waren die engagierten Bürger nicht ausreichend vorbereitet. Auch die Geschwindigkeitsmessung mit einem nicht geeichten Gerät  bezeichnete eine Vertreterin der Initiative als »Farce zur Beruhigung der Bürger«. Ihr Anliegen wurde von der Bezirkvertretung mit Mehrheit abgelehnt.

Dass es nicht ganz einfach ist, vor allem bei den großen Parteien Mehrheiten für verkehrseinschränkende Maßnahmen zu finden, weiß auch der linke Bezirksvertreter Friedrich Straetmann. Er glaubt allerdings: »Wenn sich die Bürger ausreichend auf die Hinterbeine stellen, kommt auch Bewegung in die Politik.«