Webwecker Bielefeld: Jeder Flyer ein Unikat (01.07.2010)

Jeder Flyer ein Unikat (01.07.2010)



Motoren schrauben war gestern. Heute sorgt Kultur für Fortbewegung. Foto: Friedericke Schleiermacher


Teichstraße 32, Hinterhof. Elke Werneburg öffnet die ›auto-kultur-werkstatt‹ für Friederike Schleiermacher

 

»Eingang« steht an der hohen, weißen Mauer direkt am Bürgersteig. Und wo »Eingang« dran steht, ist auch Eingang drin. Betritt man durch die alte doppelflügelige Holztür mit den bunten Glasscheiben den Innenhof, ist die Straße vergessen. Ein grüner, wild bewachsener Hof tut sich auf: An den umgebenden Gebäuden ranken Pflanzen in die Höhe, grüne Gräser erstrecken sich bis zur großen Trauerweide, die alles überdacht. Ein großer Schrottvogel ist auf dem verwitternden, von Baumwurzeln aufgebrochenen Asphalt zu Hause.

Mit Proust und Bohrmaschine

Die große Glasfront saugt den Blick in die ›auto-kultur-werkstatt‹, kurz ›akw‹. Der fast in Gänze einzusehende, weite, lichte Raum bietet reichlich Platz, um Kunst, Kultur und Gemeinschaft zu leben. Kunstwerke finden sich in trauter Gemeinschaft mit einfach nur gesammelten Objekten. Nichts erinnert daran, dass an diesem kreativen Ort ehemals Reifen gewechselt und Öl abgelassen wurde; bevor die ›akw‹ die Kultur zum Mittelpunkt machte, war hier eine Autowerkstatt. Heute bietet das bunte Veranstaltungsprogramm Aufführungen, Performances, Lesungen, Vorträge, Diskussionen, wird hier Kunst und Kultur geschaffen und vermittelt. Trashiges und wissenschaftliches – experimentell, interdisziplinär, eigenwillig. Da gibt es einen Vortrag über psychologische Kunst, erklingt ein Bohrmaschinenkonzert, tanzt ein Maori die Tänze seiner Heimat, wird Proust gelesen und diskutiert.

»Zurzeit bereite ich gerade das Afrika-Projekt vor. Am 28. August gibt es Berichte, Spiele, Vorträge, eine Ausstellung und vieles mehr zum Thema Afrika.« Dafür gestaltet Elke Werneburg Karten, für jedes Land des Kontinents eine eigene. Mit der Nähmaschine sticht sie die Umrisse des Kontinents in die Pappen und bringt so kleine bunte Stofffetzen auf. »Die Schnipsel habe ich in Ouagadougou in Burkina Faso gesammelt. Die Näher arbeiten dort auf der Straße und werfen die Reste zu Boden.« So viele Fetzen hat sie dort gesammelt, dass sie sie zu einem großen Gewand zusammenfügen kann, das ebenfalls für das Projekt genäht wird.

Die ›akw‹ ist voll gefundener, für die Welt geretteter Dinge aus aller Welt. Eingegraben hat sich ihnen der Zahn der Zeit, ihre Geschichte bleibt sichtbar. Sie zeigt sich im bröckelnden Asphalt des Innenhofes ebenso wie in der Gestaltung der Flyer für die Veranstaltungen. Die entstehen aus Probe- und Fehldrucken der AJZ-Druckerei, werden passend zurechtgeschnitten und vorne mit einem Schriftzug beklebt. Wenn dann hinten das Programm angetackert ist, ist jeder Flyer ein Unikat.

›auto-kultur-werkstatt‹ deutet jedoch nicht nur auf die frühere Nutzung des Gebäudes hin. ›auto‹, lateinisch für ›selbst‹, fordert auf, selbst aktiv zu werden. Bei den regelmäßigen Treffen des Literaturgesprächskreises, in der offenen Nähwerkstatt, in der ›LebensKunstCoachingGruppe‹ und manchem mehr. »›akw‹-Kunst soll radikal, spinnert, spaßig, mit Gefühl und Geist ausgeführt werden«, definiert es die homepage ›www.auto-kultur-werkstatt.de‹. Das bedeutet ausprobieren, schauen, was passiert, ›learning by doing‹. Unumstößliche Konzepte finden sich ebensowenig wie die perfekte Umsetzung.

Kleine innovative Kulturbetriebe fördern

»Die Teilnehmenden lernen nicht nur künstlerische Sachen. Sie sind ganzheitlich in das Projekt eingebunden, das Organisatorische gehört genauso dazu wie das Soziale. Und vor allem entscheiden und gestalten alle aktiv den Weg des Projektes mit.« Aus einem solchen Projekt ist die ›Treppenhausgalerie‹ hervorgegangen: Ein ungewöhnlicher Ort für Ausstellungen aller Art. Und für die ›akw‹ einmal mehr die Überwindung nur sachdienlicher Nutzung.Mit Gründung der ›akw‹ verwirklichte Elke Werneburg, studierte Psychologin und ehemalige Lehrende am Oberstufenkolleg, 2004 einen lang gehegten Traum. Zur Seite stehen ihr heute Carmen Burian, Marianne Voss und Irene Below. Hinzu kommen etwa 15 weitere Ehrenamtliche, die in Konzeption, Organisation und Marketing mitarbeiten. Ohne sie würde die ›akw‹ nicht funktionieren.

Öffentliche oder private Förderung erfährt die ›akw‹ nicht, da ist das Überleben hart. Aber Elke Werneburg kämpft: »Das Problem habe ja nicht nur ich. In der Bielefelder Künstlervereinigung ›Kulturpact‹ mache ich mich gerade für eine Förderung der kleinen, innovativen Kulturbetriebe stark. Es kann doch nicht sein, dass die einfach verschwinden, obwohl sie gut angenommen werden. Mit der ›akw‹ geht es über Hartz-IV-Niveau nicht hinaus. Letztendlich ist es zuviel Arbeit für das Geld.« Aber so ist es ja leider oft mit Herzensangelegenheiten. Eintauschen möchte man sie trotzdem nicht.