
Herrenfriseure sterben aus. Einer der letzten treibt sein Handwerk hier im Westen. Bernd Kegel hat den Meister Jörg Knauer besucht
›Der letzte Friseur vorm OWD‹ steht in faustgroßen Klebebuchstaben an den Fensterscheiben. Jörg Knauer, der Meister selbst, hat sie dort angebracht. An seinem Herrensalon, Ecke Jöllenbecker Straße und Siegfriedstraße. ›Ein Letzter seiner Art‹, hätte er auch aufkleben können. Denn Herrensalons sind rar geworden. Und so einer wie der seinige sowieso: eine Rarität unter den Raritäten. Über dem Eingang zum Salon baumelt der silbrige Blechteller, wie ihn die Barbiere seit dem ungefähren Ende der Bronzezeit über ihre Türen hängen. Dieser Teller könnte hier auch hängen, wenn drinnen keine Haare geschnitten würden. Drinnen müsste nicht viel verändert werden, und das Geschäft ginge auch als gediegener Antiquitäten-Laden durch. Seitdem er 1968 das Geschäft übernahm, hat Jörg Knauer den kleinen Salon konsequent mit Kuriosem und Skurrilem angereichert. Eine Akkumulation von Originalität und Erinnerungsgut hat stattgefunden und den Laden in eine Art Museum verwandelt. Mit Emailleschildern, Reklamefiguren, nicht mehr ganz aktuellen Hygieneartikeln und aus der Mode gekommenen Kloketten. Im Zentrum des Raumes: der betagte Frisierstuhl und darin der Kunde, umgeben von Pomade und Patina.
Beim Friseur hört der Spaß auf
An genau dieser Stelle schwingt schon seit mehr als 100 Jahren ein Friseur die Schere. Zahlreiche Stammkunden finden den Weg fast schon im Schlaf hin zu dieser Lokalität, als hätten Generationen eine Spur gelegt. Viele von ihnen kommen schon seit Jahrzehnten. Dazu kommt eine andere Sorte von Gästen: Wer jemals auf den Gedanken gekommen sein sollte, sich an der Gestaltung einer farbenfrohen Reportage zu versuchen, der dürfte an diesem Laden kaum vorbeigekommen sein. Neulich, so um das Jahr 2000, erschien sogar in einer ukrainischen Zeitung unaussprechlichen Namens ein Artikel über den Meister aus dem Westen. So scheint es nicht besonders originell, einen weiteren Artikel über diese Ausgeburt an Originalität zu verfassen. Über all die Schilder zu schreiben, die lückenlos die Wände bedecken; mit Aufschriften wie ›Nicht in die Schütte greifen‹ oder ›Jörg-Knauer-Straße‹; über den Stahlhelm aus NVA Beständen, der als Blumentopf von der Decke baumelt; über die Gerd-Schröder-Figur, die nach Art des Wackeldackels den Kopf schlockern lässt; über all die Spielzeugautos, die aus verglasten Schränken herausschauen, als wollten sie unbedingt mit den Kunden spielen.
Ordnung am und im Kopf
Doch all das lenkt nur vom Thema ab! Wir sind beim Friseur! Da hört der Spaß auf. ›Der Friseur‹ ist ein Ort, an dem Mann an sich tun lässt, was ein Mann an sich tun lassen muss. An dem es ernst zugeht: Ordnung am Kopf, Ordnung im Kopf, keine Flausen! Bei Meister Knauer aber fällt der Blick auf das Schild ›Vorsicht Selbstschüsse‹. Das klingt eher nach Flause, und selbst, wenn der Gag nicht allzu stark ausfällt, führt er zu dem, was beim Haareschneiden auch immer ein wenig mitschwingt: Es hat auch was Groteskes, und hier wird es sichtbar. Das ist die Stärke dieses Ladens. Und darüber lässt sich schreiben.
»Normalerweise geht das gar nicht, so ein Geschäft«, erklärt Jörg Knauer, meint dabei aber nicht die Ausstattung. »Eigentlich muss man auch Damen machen. Sonst rechnet sich das nicht.« Seiner Schätzung nach existieren zurzeit nur noch vier weitere Meister in Bielefeld, die sich lediglich dem maskulinen Haupthaar widmen. Die anderen wagen es nicht. Aus geschäftlichen Gründen. »Die türkischen Kollegen mal ausgenommen«, räumt Knauer ein. »Denn zum Berber geht man nicht nur des Haareschneidens wegen. Das ist einfach eine andere Kultur.« Wir aber bleiben bei der deutschen, und die ist – und war stets – skurril genug.
»Als ich den Laden übernahm«, erzählt der Meister, »da war der Laden noch durch Kabinen unterteilt. Da gab es zwei Waschbecken an der Wand, und an jedem Waschbecken war ein Verschlag gebaut, aus dunklem Holz. Und davor hing ein Vorhang.« In einer solchen Kabine saß dann der einzelne Herr und ließ sich am Haupt bedienen, als ginge es um untenrum. »Damen und Herren waren ohnehin streng voneinander getrennt. Da gab es separate Eingänge.« So wurde jeder Herr hübsch isoliert im Separée angefeuchtet, barbiert und rasiert. Im Nacken und um die Ohren herum, die dann auch schon mal rot anliefen, bei der Frage nach dem ›Schutz‹. Dann wusste der diskrete Meister, was gemeint war, und die ›Unaussprechlichen‹ gingen von Mann zu Mann. »Ich selbst habe noch regelmäßig Präservative verkauft«, erinnert sich Jörg Knauer. »Der Dreierpack Blausiegel für eine Mark. Bis die Automaten und Drogeriemärkte kamen.« Und die Kabinen verschwanden.
Herrenwitze inklusive
Jörg Knauer hat zwar nicht allzu viel verändert in dem Laden, aber die Kabinen kamen raus. So hat sich das Setting im Salon radikal verändert. Der Frisierstuhl steht nicht mehr abgeschieden in einer Kabine, sondern, gut sichtbar, fast schon im Zentrum des Raumes. Und die wartenden Herren sitzen in ausgedienten Kinosesseln und schauen zu, wie das Haar der anderen geschnitten wird. Dabei lenkt das Schauspiel nicht vom Gespräch ab. Hier wird viel geredet. Der Laden ist ein kleines Kommunikationszentrum, das auch, im Stil der neumodischen Salons, Haarminia heißen könnte. Der benachbarte Sportverein ist eines der Hauptthemen. Männerthemen eben. »Es ist einfach tabuloser, wenn keine Damen in der Nähe sind«, stellt Meister Knauer klar. »So, so,«, frage ich. Was denn hier alles so abliefe? »Ach, es ist wohl nur so, dass hier auch schon mal ein Witz erzählt wird«, mischt sich der Kunde ein, der gerade bedient wird. Er erklärt, dass er seit nunmehr 50 Jahren zum Haareschneiden in diesen Laden kommt. »Früher noch beim Vorgänger. Der ist gerade erst gestorben. Ist 100 Jahre alt geworden.« Was denn nun mit den Herrenwitzen sei, will ich aber wissen. Und ich bekomme gleich einen auf die Ohren. Das Einzige, was ich an dem Witz verstehe, ist das Wort ›Puff‹. Vielleicht liegt darin schon der ganze Witz, vor allem aber klingt das hübsch altmodisch.
Scheren mit antikem Gerät
Das passt herrlich zu der Maschine, die über den Köpfen der Anwesenden fleißig vor sich hinsurrt, an einem beweglichen Arm, wie das Licht beim Zahnarzt. »Das ist eine ›Müholos‹«, erklärt Jörg Knauer. »Ein fast schon antikes Gerät.« Eine Trimmmaschine, ein unermüdliches kleines Ding, bei dem ein Elektromotor in einem braun gemaserten Metallmantel arbeitet, aus dem ein silberner Schlauch herauswächst. »Darin läuft eine Welle, die den Scherkopf antreibt«, erklärt Knauer, »und das seit mehr als 40 Jahren«. Von jetzt an sind wir museumspädagogisch unterwegs. Die Kundschaft wird nebenbei bedient und formvollendet entlassen, doch immer wieder fördert Meister Knauer Erstaunliches aus seinem Fundus hervor. Es tritt etwas Fleischfarbenes zutage: Der Meister trägt eine Tube ›Brisk‹ in Händen. Eine Tube mit einer Paste, die mal als Haargel durchging, als Haargel noch Pomade hieß. Das schmierte sich der Herr damals ins Haar. Es folgt eine Packung ›Kaloderma‹. Was wie ein homöopathisches Mittel gegen Neurodermitis klingt, entpuppt sich als der hübsch verpackte Anachronismus einer Rasierseife. Nun hebt Jörg Knauer die abenteuerliche ›Lotion 007‹ ins Licht: Ein Aftershave in schwarzem Plastik-›Flakon‹: frühe 70er-Jahre. Hygieneartikel, wie sie der Friseur früher feilhielt: eine Seife namens ›Banner‹ nebst Mouson Lavendel, Brillantine und die verfluchten Blutstillstifte.
Zeit der Aussöhnung
Tatsächlich erinnert mich das an die Zeit, in der ich vor Freude geweint hätte bei der Vorstellung, dass der Herrenfriseur als solcher einmal seinem Aussterben entgegenschnippeln würde. Friseur war Horror. Jeder einzelne von ihnen ein Fall für die Forensik. Bestenfalls eine Art Bademeister: die Rigidität in Person. Seit geraumer Zeit muss ich feststellen, dass die Natur deutlich seltsamere Dinge mit meinem Haupthaar getrieben hat, als es einem Friseur jemals möglich gewesen wäre. Die Zeit ist gekommen, sich mit dem Friseur auszusöhnen. Meister Knauer bringt mich diesem Frieden näher. Mir ist, als müsse ich mal wieder zum Friseur. Und ich weiß auch, wohin ich gehen könnte.