Webwecker Bielefeld: Den Schwung mitnehmen (01.07.2010)

Den Schwung mitnehmen (01.07.2010)



Im Schatten des Männerfußballs hat sich der Frauenfußball stetig weiterentwickelt – auch in Bielefeld. Die U-20-Frauen-WM soll mehr Aufmerksamkeit und neuen Nachwuchs bringen, hat Andreas Beune erfahren

 

»Mann ey«, fluchte die Abwehrspielerin des Gütersloher TV lautstark, als in der zweiten Halbzeit wieder einmal einer von unzähligen Angriffen von Arminia Bielefeld auf ihr Tor rollte. Zweistellig war das Ergebnis am Ende, das aus Bielefelder Sicht für einen versöhnlichen Saisonabschluss sorgte. Das abschließende Spiel der Saison 2009/10 war gleichzeitig das Finale um den Kreispokal – ausgetragen an dem Wochenende, als der Sommer nach Bielefeld zurückgekehrt war und Arminias Männer die Zweitligalizenz erhalten hatten. Ein Sieg, der gut tat. Arminias Frauen haben zwar eine äußerst passable Saison absolviert, doch das i-Tüpfelchen blieb ihnen verwehrt. In der Westfalenliga verpassten sie als Tabellenzweite den Aufstieg – die Sportfreunde Siegen waren mit 16 Punkten Vorsprung weit enteilt. Weil zugleich aber auch das Westfalenpokal-Endspiel gegen den klassenhöheren 1. FFC Recklinghausen verloren ging – und damit auch der Einzug in die erste DFB-Pokalrunde –, haftete der Saison 2009/10 das Etikett ›unvollendet‹ an. Eben bis Arminia den bedauernswerten Kreisligisten aus Gütersloh abfertigte.

»Unser langfristiges Ziel ist der Aufstieg in die 2. Liga«, erklärt Werner Jöstingmeyer, Abteilungsleiter der Arminia-Frauen. Noch sind die Arminen zwei Ligen davon entfernt. Dass in Bielefeld fröhliches Liga-Hopping allerdings nichts Außergewöhnliches ist, weiß Jöstingmeyer nur allzu gut. Viele Jahre hat er als Sport-Redakteur einer lokalen Tageszeitung gearbeitet – mit Schwerpunkt ›Arminia‹. Seit seiner Pensionierung engagiert er sich bei Arminias Frauen. Gefragt hatte ihn Markus Wuckel, seit mehreren Jahren Trainer des Damenteams und alter Bekannter aus den Tagen, als er in der 3. Liga für Arminia auf Torejagd gegangen war. Auch wenn er das momentan stärkste Frauenteam in Bielefeld trainiert, weiß er nur zu gut, dass der Männerfußball in der Stadt im Mittelpunkt steht – in der Öffentlichkeit ebenso wie in seinem Verein.

Die Wertschätzung im Club sei jedoch gestiegen, betont Jöstingmeyer und verweist etwa auf das Westfalenpokalendspiel im Mai, das Arminias Frauen in der SchücoArena austragen konnten. Ein alles andere als alltägliches Erlebnis für das junge Team, das ansonsten auf der Hartplatzalm spielt. Mehrere hundert Zuschauer auf den Rängen bildeten eine angemessene Kulisse. Auch das letzte Saisonheimspiel wurde kurzerhand auf dem Rasen gespielt, auf dem sich die Männer in der abgelaufenen Saison selten mit Ruhm bekleckert hatten.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es bei Arminia Bielefeld Frauenfußball, bei Profivereinen keineswegs selbstverständlich. Borussia Dortmund und VfB Stuttgart etwa haben bis heute keine Fußballerinnen. Ein Zeichen für den schweren Stand, den der Frauenfußball in Deutschland hatte und noch immer hat. Im Oktober 1970 konnte sich der DFB dazu durchringen, Fußball spielende Frauen in den Verband aufzunehmen. Allerdings bestand er anfangs auf seltsamen Regeln: Frauen sollten aufgrund ihrer vermeintlich schwächlichen Natur eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe waren wegen ihrer Gefährlichkeit verpönt und gespielt wurde mit kleineren Bällen und in kürzeren Halbzeiten.

Schritt für Schritt kam die Emanzipation voran. 1974 gab es die erste deutsche Meisterschaft, ab 1981 eine Frauennationalmannschaft. Dank besserer Trainerinnen, Trainer und Nachwuchsförderung wurde der Frauenfußball athletischer, schneller und dynamischer. 2003 gewann die Frauennationalelf zum ersten Mal die WM. Seitdem überträgt sogar das Fernsehen regelmäßig Länderspiele. Insbesondere der Mädchen-Fußball hat vielerorts einen Boom erlebt – auch im Bielefelder Westen. Wer sich im Vorfeld der U-20-WM bei Vereinen umhört, erfährt Unterschiedliches. So gibt es beim TuS Dornberg immerhin C-Juniorinnen, während es beim TuS Jöllenbeck – obwohl der Verein seit Jahren ein hochkarätig besetztes Frauenhallenfußballturnier ausrichtet – keine Fußballerinnen gibt. Und eine A-Juniorinnen-Liga existiert momentan in ganz Westfalen nicht: Hier hoffen Vereine und Verantwortliche, dass die nachwuchsstärkeren Jahrgänge diese Lücke in naher Zukunft schließen können. Über mangelnde Nachfrage brauchen sich Arminias Frauen indes nicht zu beklagen. In der kommenden Saison soll es eine dritte Frauenmannschaft geben, die in der Kreisliga antreten wird.

Die Hälfte vom Ball den Frauen

Ein zusätzliches Frauenteam brauchte auch der VfL Schildesche. Neben der ersten Mannschaft, die in der Bezirksliga einen guten 3. Platz belegte, spielt die neue zweite Mannschaft seit 2009 in der Kreisliga. Schildesche ist ein gutes Beispiel für das Potential des Frauenfußballs. »Als ich 2002 hier anfing, bestand die gesamte Abteilung aus 26 Personen. Es gab ein Frauen- und ein Mädchenteam«, erinnert sich Thorsten Tiekötter, Trainer der ersten Mannschaft. Unter der Talbrücke spielen heute neben den beiden Frauenteams noch B-, C-, D-Juniorinnen und Jüngere, die mit den Jungen trainieren.

Während die Nachfrage bei den Frauen ungebrochen groß sei, sei bei den Mädchen eine gewisse Stagnation zu erkennen, sagt Tiekötter. Seine Hoffnungen auf neuen Zuspruch ruhen auch auf der Fußball-WM – auf der allgemeinen Fußball-Begeisterung rund um das Turnier in Südafrika ebenso wie auf den Spielen des U-20-Turniers vor Ort.

Etwas neidisch schielen die Bielefelder Clubs in die ostwestfälische Nachbarschaft. Jahrelang kam die regionale Nummer Eins aus Gütersloh. Die nunmehr als FSV Gütersloh 2009 firmierenden Frauen spielen aktuell in der 2. Liga – eine Liga, die der Herforder SV Borussia Friedenstal mal wieder verlassen hat. Dem Team von Trainerin Tanja Schulte gelang der Wiederaufstieg in die 1. Liga. Ob die Gütersloherin Christiane Drewitz oder die Herforderin Bianca Sauer: Bei beiden Vereinen haben sich jüngst Spielerinnen hervorgetan, die zumindest zeitweise mitten im Bielefelder Westen zuhause gewesen sind: als Studentinnen der Universität.