
Bernd J. Wagner hat recherchiert: Vom Güterbahnhof bis zur Sudbrackstraße reichte das Viertel der Industriearbeit
Als am 25. Januar 1932 Bielefelder und auswärtige Mitglieder der SA das Kamphofviertel stürmen wollten, waren schon einige Tage zuvor rund 50 Nazis schwadronierend durch die Meller Straße gezogen und hatten im Hof des Konsumhauses eine wüste »Keilerei« mit Anwohnern und Passanten angezettelt. Der erneute Konflikt sollte nicht so glimpflich verlaufen. Die KPD hatte von der geplanten Aktion Wind bekommen und zog über hundert Mitglieder ihres Kampfbundes zusammen. Und auch die staatliche Ordnungsmacht wusste Bescheid: Sozialdemokraten hatten »die Hüter der öffentlichen Sicherheit auf die Vorkommnisse und Gefahren hingewiesen«, berichtete die ›Volkswacht‹. Die Polizei zeigte Präsenz und verhinderte dadurch eine unvermeidliche blutige Auseinandersetzung: In den offenen Wagen des Überfallkommandos fuhr sie in den Abendstunden durch die Straßen des Viertels. Für die sozialdemokratische ›Volkswacht‹ war die Provokation der Nazis ein Angriff auf den »proletarischen Kamphof«, ein Versuch, die Arbeiterschaft zu überrennen. Aus Sicht der Tageszeitung musste dieser Versuch scheitern: »Es darf sich aber auch niemand beklagen«, drohte sie, »wenn ihm bei diesem Beginnen nicht nur einige Zähne verloren gehen.«
Vom »proletarischen Kamphof« spricht heute wohl keiner mehr, aber das Bild vom »roten Kamphof« hat sich in unseren Köpfen festgesetzt. Dabei war der Kamphof nicht das einzige Viertel Bielefelds, das sich vor 1933 durch eine unumstößliche politische Rotfärbung auszeichnete. Der so genannte ›5. Kanton‹ rund um die Bleichstraße hätte es wahrscheinlich noch mehr verdient, als »rot« bezeichnet zu werden. Während bei den Reichstagswahlen 1928 im Kamphofviertel SPD und KPD zusammen gut 63 Prozent der Stimmen auf sich vereinten, erzielten sie im 5. Kanton 81 Prozent. Und selbst noch im März 1933, als die Nazis längst das Ruder übernommen hatten, lag der Anteil der »roten« Parteien rund um die Meller Straße bei stolzen 53 Prozent, im Wahllokal Petrischule aber bei unglaublichen 72 Prozent. Es ist also nicht nur das Wahlverhalten, das Zeitgenossen das Viertel zwischen Güterbahnhof, Jöllenbecker und Bremer Straße, Schildescher Straße und Sudbrackstraße als »rot« bezeichnen ließ.
Das proletarische Viertel
Der Kamphof, für den in den 1880er Jahren erstmals ein Bebauungsplan aufgestellt wurde, war wie kaum ein anderes Viertel Bielefelds von Industriearbeit geprägt. In der Nähe des Güterbahnhofs betrieben die Nähmaschinenfabriken Dürkopp und Kochs-Adler Eisengießereien in direkter Nachbarschaft zur Ravensberger Eisenhütte. Die Schlote dieser im Süden des Viertels gebauten Fabriken konkurrierten mit denen des Städtischen Betriebsamtes an der Schildescher Straße im Norden. Zwischen diesen Polen produzierten die Maschinenfabriken von Theodor Hymmen und Droop & Rein, eine Asphalt- und Filzfabrik, eine Glasschleiferei, die Stärkefabrik Arnold Holste Wwe. und zahlreiche kleinere Gewerbebetriebe. An Meller, Koch-, Nord- und Osnabrücker Straße, wie die Bremer Straße früher hieß, wohnte die Arbeiterschaft, die vor allem in der Bielefelder Metallindustrie beschäftigt war. Das Adressbuch für das Jahr 1900 weist neben zahlreichen »Arbeitern« die bekannten Spezialisten aus: Schlosser, Dreher, Former, Schleifer und Feilenhauer, aber auch Glasmacher und die typischen Handwerker wie Schuhmacher, Tischler und Schneider. Unter ihnen waren auch einige Meister, allerdings wohnten diese häufiger zwischen der Jöllenbecker und der späteren Stapenhorststraße.
Außer dieser besonderen Konstellation von Arbeit und Leben im Industrieviertel war es vor allem ein Gebäudekomplex, auf den wohl der »rote Kamphof« zurückzuführen ist: Die 1914 an der Meller Straße 46 bis 54 fertig gestellten Wohnhäuser des Bielefelder Konsumvereins. Bei diesem Verein handelte es sich um eine 1892 gegründete Genossenschaft, die mit anderen Konsumvereinen im Deutschen Reich ein Netzwerk bildete und vor allem von den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie unterstützt wurde. Um »die kapitalistische Produktionsweise in eine genossenschaftliche« umzuwandeln, hieß es in einem programmatischen Text, »müssen zunächst die Vorbedingungen geschaffen und die Verbraucher und deren Verbrauch organisiert werden.«
Gelebte Utopieinklusive Konsumhaus
Konzentrierte sich der Konsumverein zunächst auf günstigen Großeinkauf und preiswerten Verkauf von Lebensmitteln, so beschloss er 1907, auch gesunde und bezahlbare Wohnungen für Arbeiterfamilien zu bauen. Das Konsumhaus, das außer 70 Wohnungen auch zwei große Läden beherbergte, bildete das Herzstück der Bielefelder Arbeiterbewegung. Was die politische Agitation als erstrebenswerte Utopie pries, wurde an der Meller Straße in den Kernbereichen Wohnen und Versorgung bereits tagtäglich gelebt. Bei dem 1932 geplanten Sturm der SA auf das Kamphofviertel ging es daher vor allem um die symbolische Bedeutung des Konsumhauses für die Bielefelder Arbeiterbewegung. Der Angriff galt dem »roten Kamphof«.
Als der NSDAP am 30. Januar 1933 in Berlin die Macht übertragen wurde, zogen auch in Bielefeld Nazis jubelnd mit Fackeln durch die Straßen. Den »roten Kamphof« mieden sie jedoch genauso wie den »roten« 5. Kanton. Vom Kesselbrink aus marschierten sie über die Arndtstraße und Siegfriedstraße zur Stapenhorststraße und kehrten über die Kreuzstraße und Detmolder Straße zurück zum Kesselbrink. Als Mitte Februar 1933 die Eiserne Front das letzte Mal gegen die braune Gefahr demonstrierte, führte ihr Protestzug durch die Meller, Nord- und Kochstraße, Weststraße und Siegfriedplatz, aber auch durch die Bleich- und Ziegelstraße. Und während Nazis »mit Sprechchören und Niederrufen« noch auf dem Kesselbrink versuchten, den Demonstrationszug zu stören, so konnte sich die Eiserne Front in den »roten« Vierteln der Sympathie der Anwohner sicher sein. Wenige Tage später wurde die sozialdemokratische ›Volkswacht‹ verboten. »Bielefeld ist rot und bleibt rot«, titulierte sie selbstbewusst. Aber es war, wie auch der »rote Kamphof«, ein wehmütiges Bild vergangener Tage.
Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Rahmen der Stadtsanierung der Ostwestfalendamm mit einer gigantischen vierspurigen »Zufahrtstraße«, der so genannten T-Lösung, das Kamphofviertel in seinem Bestand gefährdete, erinnerten sich manche an den rebellischen Geist des Viertels am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur und sprachen sich Mut zu. Aber das ist ein anderes Thema.
Info:
Bernd J. Wagner ist Historiker des Stadtarchivs. Seit
Januar 2007 setzt das Stadtarchiv mit dem ›Historischen RückKlick‹ monatlich
Artikel zur Geschichte Bielefelds ins Internet. Ein Überblick der Artikel
findet sich unter: www.bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar