Webwecker Bielefeld: Ich bin so heiß wie ein Vulkan (01.07.2010)

Ich bin so heiß wie ein Vulkan (01.07.2010)



Wenn Körpergefühl und Selbstwahrnehmung gestärkt werden sollen, liegt das nicht unbedingt an der Krankenkasse. Bei Sacha Brohm schon

 

Ich habe Post von meiner Krankenkasse bekommen. Da die eigentlich immer nur schreibt, wenn sie was von mir wissen möchte – z. B. genaueste Angaben darüber, was ich verdiene, damit ich nicht versehentlich zu hohe Beiträge zahle –, habe ich ihn erst einmal nicht aufgemacht. Dann dachte ich aber, dass es sich vielleicht um was Wichtiges handeln könnte. Vielleicht war ich krank und die Krankenkasse wusste bereits davon und wollte mir sagen, wofür sie auf keinen Fall finanziell aufkommen würde. Vielleicht wollte sie mich auch nur wissen lassen, dass mein Versicherungsschutz verfällt, wenn ich den Brief nicht öffne.

Dabei gibt es an mir eigentlich nichts zu nörgeln. Ich gehe, außer zu meiner Zahnärztin, niemals zum Arzt, obwohl ich langsam in ein Alter komme, in dem ich wirklich mal überlegen sollte, das doch zu machen. Man muss ja kein Hobby draus machen aber ein Arzt, der einem schon mal die eine oder andere Körperöffnung durchsucht hat, wird es sicher einfacher haben, sollte es mal zu tatsächlichen Komplikationen kommen. Ich bin aber nie ernsthaft krank. Klar habe ich hier und da mal einen Schnupfen oder ein Zwicken, aber dafür renne ich doch nicht extra zum Arzt. Der Arzt soll Leuten helfen, die einen Arm haben, der nur noch an einem Hautfetzen von der Schulter baumelt. Da säße ich nur ungerne mit laufender Nase im Wartezimmer, wenn so einer reingestürmt käme, denn mir ist schon wichtig, dass es der Reihe nach geht.

Mir reichen bei Schnupfen oder Zwicken ein paar Stunden im Bett. Ein paar Stunden im Bett und einige dampfende Schweinekotwickel wie damals zu Hause. Das klappt perfekt. Und solange ich nicht unter einem Gezwicke leide, das mir die Gedärme durch die Nase drückt, werde ich auch weiterhin nicht zum Arzt gehen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich den Brief von der Krankenkasse geöffnet und da stand: »Sehr geehrter Herr Brohm, Tanzen ist der ideale Gesundheitssport und Stresskiller für alle, die mit eleganten sportlichen Bewegungen etwas für sich tun wollen.« Aha, das hört sich schon toll an, aber ganz genau aus diesem Grund tanze ich auch nicht. Wenn ich in der Lage wäre, mich elegant und sportlich zu bewegen, dann wäre ich ein fechtender Baron.

Aktionstag mit Schnupperangebot

Aber ich bin leider kein Baron. Ich habe nur diesen Brief von meiner Krankenkasse. Und der ist noch lange nicht zu Ende. ›Wer tanzt, stärkt Körpergefühl und Selbstwahrnehmung.‹ Bitte, was? Ich glaube, ich spinne. Mit meiner Selbstwahrnehmung ist alles in Ordnung und mein Körpergefühl ist das wahrscheinlich beste Körpergefühl, das ich jemals gefühlt habe. Was soll ich denn an beidem noch verbessern oder stärken? Wenn nur alle Menschen mein Körpergefühl hätten, dann wäre die Welt ein besserer und sicherer Ort. Aber die meisten Menschen haben überhaupt kein Körpergefühl. Deshalb auch die ganzen Terroranschläge, religiösen Auseinandersetzungen und das »Projekt Frauentausch«.

Dann lädt mich die Krankenkasse in eine Tanzschule ein. Ich solle mit meinem Partner oder meiner Partnerin (diese verdammte Krankenkasse!) vorbeikommen und an einem Aktionstag folgendes Schnupper-Angebot annehmen: ›Disco-Fox (der Tanz für nahezu jede Gelegenheit) und Samba (der aktuelle südamerikanische Tanz).‹

Entschuldigung, sind wir etwa in der Zeit zurückgereist? Samba als DER aktuelle südamerikanische Tanz? Und Disco-Fox ist der Tanz für nahezu jede Gelegenheit? Klar. Wenn mal der Gerichtsvollzieher vorbeikommt oder bei einer Beerdigung. Da wird Ihnen sicherlich jeder dankbar die Hand schütteln, wenn Sie die Situation etwas auflockern mit Ihrem Disco-Fox.

Ich weiß natürlich genau, weshalb ich solche Briefe bekomme. Ich bin über dreißig. Ich bewege mich – eine der wenigen Bewegungen, die ich mir erlaube –, sogar stark auf die sogenannte ›Mitte Dreißig‹ zu. Da sehen die Krankenkassen schon schwarz. Die gucken durch ihre Karteien und alle Mitglieder über dreißig kommen in eine gesonderte Schublade. Mit dreißig fängt der Mensch nämlich an zu verwesen. Zwar noch unter dem Deckmantel der Krankheit, aber für die Krankenkassen sind wir die Beitragskiller Nummer eins. Deshalb locken sie uns in Tanzschulen, die irgendwo in einem urbanen Randbezirk liegen. Und ganz zufällig brennt an genau diesem Tag die Tanzschule ab. Niemand überlebt. Nicht einmal die mitgebrachten Partner. Ganz schön clever von den Krankenkassen. Von wegen, ›Tanzen beugt Wirbelsäulenerkrankungen und Rückenproblemen vor.‹ Die wollen uns um die Ecke bringen, damit wir ihnen nicht auf den Taschen herumliegen. Da ist auch der nette Hinweis darauf, dass ›diese Aktion nicht durch Mitgliedsbeiträge finanziert‹ wird, fast schon menschenverachtend verhöhnend beleidigend brutal.

Unrhythmisches Gehampel und Gezappel

Bald werde ich neue Briefe bekommen. Einladungen zu Vorsorgeuntersuchungen. Die Prostata kann ja so groß wie eine Kokosnuss werden, in manchen Ländern gar wie eine ganze Kokosnusspalme. Dann ist es aber schon zu spät. Da hilft einem nicht mal mehr die angesagte südamerikanische Samba. Man sollte unbedingt vorher mal überprüfen lassen, ob größenmäßig noch alles in Ordnung ist. Man kann ja auch seine Partnerin oder seinen Partner mitbringen. Vielleicht nicht gerade in eine Tanzschule.

Was allerdings, wenn ich doch mal richtig krank werde? Passiert ja hin und wieder, dass auch die zähesten Schlachtrosse was bekommen. Zum Arzt kann ich nicht gehen. Das wird jeder verstehen: die Nadeln, die Farbe Weiß, die Sprechstundenhilfen. Außerdem wird mir jeder vorhalten, dass ich erst Texte über Tanzkurse schreibe und dann aber doch kleinlaut angeschlichen komme. Was, wenn ich einst im Fieberwahn im Bett liege? Was, wenn kein Schweinekotwickel mehr hilft? Vielleicht werde ich mich dann doch auf den Weg zu einem Arzt machen.

»Helfen Sie mir, Doktor! Ich weiß, ich kann keine Samba, und den Disco-Fox kann ich auch nicht, aber ich habe früher gerne Techno getanzt. Schauen Sie!« Und dann tanze ich Techno. Aber der Arzt wird sich nur abwenden. Mein unrhythmisches Gehampel und Gezappel macht ihn selbst krank.

»Sie haben ihre Chance gehabt.«, wird er entgegnen. »Wären Sie mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner zum Tanzkurs gekommen, dann wäre das hier kein so schrecklich peinliches Erlebnis für uns beide. Wenn Sie möchten, gebe ich ihnen eine letzte Spritze mit einem Überraschungsserum, das vielleicht hilft, vielleicht aber auch alles noch viel schlimmer macht. Die Entscheidung liegt ganz bei ihnen.«

 

Info:
Sacha Brohm, Jahrgang 1975, lebt in Bielefeld und Austin, Texas, jeweils in der Nähe des Siegfriedplatzes. Buchveröffentlichung: ›Sacha Brohms glitzerndes Schatzkästlein voller funkelnder Alltagsmärchen‹ beim Paderborner Lektora Verlag. Mitglied der Lesebühnen Zirkeltraining und Sitzen 73. Liest aber auch gerne – und momentan am liebsten – solo in Kneipen, Kinos und Küchen. Mieten kann man ihn über seine Homepage www.sachabrohm.de