In einem Parkhaus im Bielefelder Westen ist ein neues Zentrum für Subkultur entstanden. Bernd Kegel und Andreas Beune berichten
»Gib mir gutes Radio, gutes Fernsehen, gute Mode, gutes Essen, gute Clubs und ein paar fähige Idole, gib mir das alles, Digger, und wir können wetten, in 20 Jahren mach ich dir aus Bielefeld Manhattan.« Müßig darüber zu spekulieren, ob Jan Delay mit diesen Zeilen aus dem Album ›Wir Kinder vom Bahnhof Soul‹ Bielefeld wegen des hübschen Dreiklangs oder aufgrund der eigener Wahrnehmung als Provinz-Symbol auserkoren hat. Bislang wird aber noch niemand Manhattan und Bielefeld verwechseln. Zwischen Greenwich Village und Grünstraße klaffen deutliche Unterschiede.
Im Sommer erkannten aufmerksame Beobachter in der Provinzmetropole »ein weiteres Zeichen für die kulturelle Verödung«, wie Hendrik Wortmann formuliert. Er gehört zu jenen, die der Verödung etwas entgegen stellen wollen. Subkulturell. Das Zeichen, das Wortmann und seine MitstreiterInnen wahrnahmen, war das drohende Aus für den Verein Kulturkombinat, der im Kamp beheimatet war.
Folgen eines drohenden Aus
Das Problem war überraschend friedlich und schnell gelöst, das Kamp mit Hilfe der Stadt gerettet und mehr noch: Die ›Initiative Bielefelder Subkultur e.V.‹ ist gegründet. Als Reaktion auf das drohende Aus hatten Wortmann und andere das Internet genutzt und große Unterstützung mobilisiert. Der mittlerweile ordentlich eingetragene Verein wurde ins Leben gerufen und stellte ohne Umschweife eine veritable Demo auf die Beine. 500 VereinssympathisantInnen zogen mit der Parole »Wenn Ihr unsere Clubs schließt, tanzen wir in Euren Vorgärten« durch die Innenstadt.
Das klingt nach Subkultur, ein bisschen subversiv. Dabei muss sich die Initiative ständig anhören, dass ihr subkultureller Verve suboptimal ausfalle: »Subkultur fragt nicht nach Räumen, Subkultur nimmt sich Räume!«. Den Spruch kennt Henrik Wortmann jetzt zur Genüge. Doch der Soziologe kontert: »In unseren Augen ist es nachhaltiger, sich mit Entscheidungsträgern auszutauschen.« Konfrontationskurs gilt ihnen eher als »aktionistisch«. »Der Begriff Subkultur meint nicht das Verhältnis eines antagonistischen und minoritären Milieus zu einer dominanten Kultur.« So steht es hübsch soziologisch in der Vereinssatzung. Mit anderen Worten: man ist nicht von vorn herein auf Krawall gebürstet.
Der Begriff Subkultur »meint die Resultate der Fragmentierung einer früher konsistenteren ‚Gesamtkultur‘ in die Vielzahl einzelner Nischen der Ausübung von Kulturformen«. Mit anderen Worten: es soll einfach ein bisschen mehr los sein. »Wir verstehen Subkultur als Nebeneinander verschiedener Kulturangebote«. Mit diesen Sätzen ist Subkultur in der Vereinssatzung verankert. Für manche Bereiche, wie zum Beispiel Rockmusik oder Kleinkunst, gebe es in Bielefeld gut funktionierende Netzwerke und Fördermöglichkeiten, erklärt Wortmann. Bei anderen sehe es düsterer aus. Dazu gehörten unter anderem Street-Art, junge Künste, Poetry Slam oder elektronische Musik. »Da wollen wir selber Räume für die Subkultur schaffen«.
Unkommerziell und progressiv
Zum Beispiel im Kulturzentrum ›Große Kurfürstenstraße 81‹! Die Initiative plant eine Art Zentrale, und die soll im Westen liegen. Im Parkhaus. Dem Epizentrum des Schreckens für eine subkulturell aufgeladene Szene im Bielefeld der 80er Jahre. Damals richteten sich die Sanierungsgegner vor allem gegen diesen Trutzbau. Die Innenstadt-Sanierung politisierte eine ganze Szene. Michael Vesper, Soziologe, beispielweise verdiente sich erste Meriten für die Grünen, als er ein Haus besetzte, das dem Parkhausbau im Wege stand. Später wurde er dann Minister für Bauen und Wohnen. Ohne Subkultur wär` das wahrscheinlich nicht passiert. Als das Parkhaus eröffnet wurde, war es immerhin eines der bestbegrünten Häuser in NRW: alles voller Polizisten.
Aus dem Erdgeschoss dieses Parkhauses soll nun bereichernde Kultur sprießen. Aus dem Parkhaus, dem selbst bausündengewohnte Bielefelder nicht das Etikett »urbaner Charme« anheften würden. Die Gespräche mit Eigentümer, Architekten und Bauamt laufen auf Hochtouren. Vielleicht kommt es Silvester 2010 zur Eröffnung. Die als Vereinszweck definierte »Förderung von unkommerzieller, authentischer und progressiver Kultur« soll hier ein neues Zuhause finden. »Ein Kulturzentrum an diesem Ort kann ein funktional verwendetes Stück Stadt für die Bewohner zurückerobern«, sagt Wortmann. Dies könnte dadurch verstärkt werden, dass man für bestimmte Aktionen die Außenflächen herum mit einbezieht. Selbst Veranstaltungen auf dem Parkhausdach seien denkbar – mit Blick auf den Ostwestfalendamm. Ein bisschen Manhattan wäre das schon.