Der Verein Widerspruch e.V. unterstützt seit 25 Jahren Erwerbslose und Sozialhilfeberechtigte. Eine andere Politik, bei der alle genug zum Leben haben, ist nicht in Sicht. Lisa-Marie Davies stellt das Geburtstagskind vor
Anfang der 80er Jahre stellten FH-Studierende der Sozialpädagogik in einem Seminar zum Sozialrecht fest, dass Bedürftige oft nicht die Hilfe erhalten, die ihnen gesetzlich zusteht. Die Beratung »beim Amt« fanden sie oft mangelhaft, zudem wurde das soziale Netz – Helmut Kohl war an die Macht gekommen – immer löchriger. Gegen diese Missstände schlossen sich einige Engagierte zusammen, erstellten eine Info-Broschüre und eröffneten eine Beratungsstelle. 1986 gründeten sie den Verein Widerspruch.
25 Jahre später gleichen die Probleme denen von damals. »Das Gesetz soll die Existenz sichern, dabei bekommen die Menschen aber keine Unterstützung«, schimpft Ines Korzinetzki vom Widerspruch. Gerade nach der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe 2005 habe sich die Lage vieler Menschen verschlimmert. »Häufig reicht der Regelsatz nicht aus und im Notfall gibt es keine einmalige Unterstützung mehr. Dadurch leben viele unter dem Existenzminimum«, berichtet die Mitarbeiterin des e.V.. Besonders kritisiert sie die nach wie vor schlechte Beratung durch die Behörden. Viele Menschen würden gar nicht wissen, welche Leistungen ihnen zustünden.
Kein Wunder: Sogar die Fachfrau, die studierte Sozialpädagogin Korzinetzki, hatte anfangs Schwierigkeiten sich im Paragraphendschungel zurecht zu finden. Eine Orientierungshilfe bietet der Widerspruch-Leitfaden »Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt? Arbeitslosengeld II - Sozialhilfe - Grundsicherung«, der im September 2008 in der 3. Auflage erschienen ist. Das Besondere an ihm ist, dass er an die Bielefelder Verhältnisse angepasst ist, Gesetzesänderungen werden in Ergänzungsblättern berücksichtigt.
In den offenen Sprechstunden in der Bürgerwache und im Rathaus suchen rund 2000 Menschen pro Jahr Hilfe bei unterschiedlichsten Problemen: »Vom Arbeitslosen, der Probleme mit seinem Sozialarbeiter hat, bis zur Mutter, die sich trennen und den Lebensunterhalt von sich und dem Kind sichern will, ist alles dabei«, erzählt Ines Korzinetzki. Der Name des Vereins kommt nicht von ungefähr, oft unterstützt er seine Klienten bei Widersprüchen gegen Bescheide. »Dabei können wir einen gewissen Erfolg verzeichnen, etwa 30 Prozent aller Widersprüche und die Hälfte aller Klagen sind erfolgreich«, bilanziert Korzinetzki. Häufig könnten Probleme zudem vorher mit den Sachbearbeitern geklärt werden.
Finanziert wurde der Verein bisher durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Doch zum 25. Geburtstag gab es ein ganz besonderes Geschenk: die Aufnahme in das neue Förderprogramm des Landes NRW und des Europäischen Sozialfonds für die Erwerbslosenberatung. Dadurch kann der Verein eine weitere Stelle besetzen. Und die kann er angesichts der Herausforderungen gebrauchen, die Ines Korzinetzki so beschreibt: »Eigentlich müsste sich die komplette Politik ändern, damit alle genug haben.« Besonders traurig findet sie, dass den Betroffenen häufig eingeredet werde, dass sie versagt hätten und ihre momentane Lage ihre persönliche Schuld sei. Für sie und ihre Mitstreiter ist jedoch klar: »Schuld ist einzig und allein das System«. Sie wollen aber nicht nur die Probleme analysieren, sondern auch Alternativen aufzeigen. Das Grundeinkommen wäre für sie eine.
Info: Die Beratung ist für Sozialleistungsberechtigte kostenlos. Informationen dazu finden sich im Internet unter www.widerspruch-sozialberatung.de